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Interview

«Wir können durchaus konsequent sein»: Ein bekennender Helikopter-Papa wehrt sich gegen Kritik an seinem Erziehungsstil

Helikopter-Eltern stehen in der Kritik: Sie würden ihre Kinder verhätscheln, überwachen und mit Lob und Liebe überhäufen. Nun hält der bekennende Helikopter-Papa Jan Abele mit einem Buch dagegen.
Diana Hagmann-Bula
Am liebsten würden Helikopter-Eltern ihr Kind mit Schutzfolie vor dem Leben schützen. (Bild: Sean Justice/Getty)

Am liebsten würden Helikopter-Eltern ihr Kind mit Schutzfolie vor dem Leben schützen. (Bild: Sean Justice/Getty)

Wann haben Sie sich dazu entschlossen, stolzer Helikopter-Papa zu sein?

Jan Abele: Da war zuerst ein Leidensdruck. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich mich in der Öffentlichkeit oft als der Vater gebe, der ich gar nicht bin. Ich verhielt mich betont unnahbar, als würde mein Sohn nicht zu mir gehören. «Nur ja nicht helikoptern!», dachte ich. Die öffentliche Debatte hat mir geschadet, weil sie mich verunsichert hat. Und unsichere Eltern verunsichern ihr Kind. Das musste ich erkennen.

Beschreiben Sie Ihren Schlüsselmoment.

Mein Sohn stürzte eines Tages von einem Klettergerüst und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Ich stand daneben und schaute zu, weil ich nicht als überbeschützender Helikopter-Papa abgetan werden wollte, der mit offenen Armen als menschliches Sprungtuch unter dem Gerüst steht.

Was verstehen Sie unter helikoptern?

Man hat sehr viel Nähe, man begegnet dem Kind auf Augenhöhe und gibt nicht nur Liebe gegen Artigsein, wie ich das als Kind noch erfahren habe.

Das tönt vernünftig. Manche Helikopter-Eltern kontrollieren ihr Kind aber von morgens bis abends.

... und am Elternabend stellen sie nur Fragen, die ihre Tochter und nicht die Klasse betreffen. Zu dieser pathologischen, unsozialen Gruppe zähle ich mich nicht.

Warum schlägt Helikopter-Eltern Ablehnung entgegen?

Viele Menschen waren selber einmal Eltern. Jeder traut sich deswegen eine Meinung zu. Wenn diese Menschen sehen, dass Eltern heute ganz anders mit ihren Kindern umgehen, hinterfragen sie das eigene Elternsein. Solche gesellschaftliche Entwicklungen machen oft Angst. Viele reagieren darauf mit Kritik, sie verurteilen Zuneigung und Liebe als Helikoptern. Das Aggressionspotenzial der Debatte hat etwas Befremdliches.

Jan Abele, 45, aus Hamburg, freier Journalist und bekennender Helikopter-Papa eines sechsjährigen Buben. (Bild: Timo Jaeger)

Jan Abele, 45, aus Hamburg, freier Journalist und bekennender Helikopter-Papa eines sechsjährigen Buben. (Bild: Timo Jaeger)

Die Kritiker befürchten, dass Helikopter-Eltern ihre Kinder zu sehr verhätscheln und Egomanen grossziehen.

Natürlich frage ich mich auch, ob wir das mit unserem Sohn tun. Aber nur, wenn er nicht gehorcht. «Du musst jetzt ins Bett. – Nö.» Sofort geht dann das Fehlermanagement los: Ha, rächt sich jetzt gerade, dass ich viel zu nett bin? Dann muss man für sich wissen: Jetzt kommt wieder diese Angst, das Kind zu verwöhnen, aber sie hat nichts mit der Situation zu tun. Es ist nur ein Konflikt, der ganz normal ist. Erwachsene sagen auch, wenn sie noch nicht ins Bett wollen. Wenn ich das so akzeptiere, bin ich entspannter.

Auch um 22 Uhr noch?

Der Kinderarzt hat bestätigt, dass unser Sohn ein Abendmensch ist. Aber um 22 Uhr ist auch für mich Schluss. Dann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem es für einen Sechsjährigen ungesund wird. Wenn ich dann mal lauter werde, weiss mein Sohn, dass es keine Option mehr gibt. Wir können durchaus konsequent sein, auch wenn man das Helikopter-Eltern immer wieder abspricht.

Wie erklären Sie sich die gesellschaftliche Panik vor zu verwöhnten Kindern?

Viele befürchten, dass verhätschelte Kinder nicht auf die Härten des Lebens vorbereitet sind. In unserer Leistungsgesellschaft geht zudem die elterliche Befürchtung um, dass das Kind nicht mithalten kann. Dabei sind die heute 20- bis 30-Jährigen, die schon mehrheitlich elterliche Nähe erlebt haben, sehr selbstbewusst und dennoch sozialkompetent und gut gerüstet für dieses Leben. Gerade hat eine Studie ergeben hat, dass elterliche Härte kontraproduktiv ist.

Wie oft loben Sie Ihr Kind?

Unser Sohn ist ein Kind, das man oft loben kann, weil er vieles toll macht. Das ist nie ein Lob des Lobes Willen, sondern hat immer einen handfesten Grund. Gerade auch bei Dingen, die er nicht so gut kann, etwa Radfahren, habe ich ihn stark gelobt. Wir haben festgestellt, dass er so ein anderes Selbstbewusstsein bekommt.

Ihr Buch polarisiert bestimmt: Die bindungsorientierten Eltern jubeln, autoritäre Eltern rümpfen die Nase.

Ich lese keine Facebook-Kommentare durch. Das tue ich mir nicht an. Es gibt noch immer ein sehr konservatives Lager, das sich provoziert fühlt durch meine These. Sie verurteilen meine Art zu erziehen, als sehr unmännlich.

Fühlen Sie sich denn unmännlich?

Davon muss man sich freimachen. Das Rollenverständnis ändert sich gerade. Meine Frau würde mir etwas erzählen, wenn ich nach der Arbeit sagen würde: «Ich gehe jetzt in den Hobbykeller.» Ich mache sehr vieles, das früher nur meine Mutter erledigt hat. Das beginnt damit, morgens das Kind anzuziehen. Lustigerweise macht es bei mir besser mit als bei meiner Frau.

Der Jugendpsychologe Alain Guggenbühl hält nicht viel von dieser «Goodwill-Diktatur». Kinder sollen sich spielerisch, autonom und unkontrolliert die Welt aneignen, sagt er. Was meinen Sie dazu?

Ganz viele Kinder sind schlau genug, das umsetzen zu können. Ich würde nur darauf achten, dass das Kind sich nicht verlassen fühlt. Wenn Eltern merken, dass es sich gut alleine beschäftigen kann, schalten sie in den Bequem-Modus. Ich sage unserem Kleinen nicht, wo er hingehen soll, was er gut finden soll. Aber ich bleibe in der Nähe. Ohne dass er das Gefühl hat, ich spiele eine Rolle. Wenn ein Kind sich langweilt, entsteht oft Unproduktives.

Manchmal aber auch etwas sehr Kreatives.

Ich erlebe ihn selten glücklich in seiner Langweile. Dann lieber zusammen rausgehen und etwas unternehmen.

Haben Sie noch Freizeit?

Von 22 bis 23 Uhr, das ist unsere Zeit. Das genügt mir.

Früher haben Eltern gelassener erzogen. Trauern Sie dieser Lockerheit nach?

Diese Gelassenheit hatte auch ihren Preis. In den 1980er-Jahren wurden viel mehr Kinder missbraucht als heute. Das hat auch damit zu tun, dass damals niemand richtig hingeguckt hat. Heute hat man wahrscheinlich viel zu oft zu viel Angst. Auf der anderen Seite: Immer weniger Kinder verunfallen im Haushalt. Da muss ich sagen: Es ist gut, dass wir alle etwas ängstlicher geworden sind.

Jan Abele: Ich glaube, ich bin jetzt warm genug angezogen. Eden Books 2019.

Sie machen doch nicht alles falsch

Helikopter-Eltern ziehen Problemkinder heran! Zu viel Fürsorge schadet Kindern! So macht zwanghafte Erziehung Kinder zu Weicheiern! Diese und andere Schlagzeilen mussten Eltern, die immer um ihre Kinder kreisen, in letzter Zeit über sich lesen. Die harsche Kritik an Helikopter-Eltern hält an. Eine Generation von verwöhnten, unselbstständigen Tyrannen wachse da heran: verhaltensgestört, lustlos, leistungsverweigernd, nicht gewappnet für die Tiefs des Lebens, sind sich Experten einig. Als Beweis führten sie Studie um Studie an.

Nun liegt eine neue Erhebung vor, die Helikopter-Eltern entlastet. Matthias Doepke, Helikopter-Vater und Wirtschaftsprofessor in den USA, hat mit dem Ökonomen Fabrizio Zilibotti untersucht, welche Folgen eine Helikopter-Erziehung für Kinder hat. Die Ergebnisse erläutert er im Buch «Love, Money & Parenting». Gut gerüstet fürs Berufsleben Die Hauptthese: Vielen Kindern von heute fehlen zwar die Freiräume von früher, dafür sind umsorgte Buben und Mädchen später erfolgreicher im Beruf. Doepke folgert: Helikopter-Erziehung funktioniert und bringt Kindern lebenslange Vorteile, gerade wenn es um Bildung geht. Die Wissenschafter hatten dazu weltweit Pisa-Leistungstest von 15-Jährigen analysiert. Und diese in Zusammenhang mit Schilderungen gesetzt, wie intensiv sich die Erwachsenen mit diesen Kindern abgeben. Am wirksamsten sei die autoritative Erziehung. Die Methode jener Eltern also, die nicht diktieren, was das Kind zu tun hat, sondern es von einer sinnvollen Sache überzeugen. In den USA und China ist die Helikoptereltern-Rate gemäss der Studie am höchsten, in Schweden am tiefsten. Die Schweiz liegt irgendwo dazwischen. (dbu)

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