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Wo die süssesten Zitronen blühen

Die Süssesten der Sauren wachsen in Menton. Die Stadt an der Côte d’Azur feiert im Februar La Fête du Citron. Die Lieblingsgerichte liefern die Italiener.
Text und Bilder: Ingrid Schindler
Fête de citron in Menton: eine Stadt aus Zitrusfrüchten gebaut.

Fête de citron in Menton: eine Stadt aus Zitrusfrüchten gebaut.

Es war einmal ein duftender Baum mit grossen, gelben, sauren Früchten. Der wanderte auf verschlungenen Wegen von Südostasien in den Vorderen Orient und nach Nordafrika. In den Gärten der Pharaonen, Kalifen und im Gelobten Land gedieh er prächtig. Die Juden nannten ihn Etrogim, «schönen Baum», und brachten ihn nach Spanien und andere Ecken des Mittelmeerraums. So wurde Citrus medica, die Zedrat- oder Zitronat­zitrone, zur «Urmutter» der Zi­tronen. Schon im Altertum ver- wendete man deren Saft, Blätter und Schale zum Kochen und zur Parfümherstellung. Im Lauf der Zeit entpuppte sich Zitronensaft als Allzweckwaffe für und gegen alles, zum Beispiel als Bleich-, Magen-, Motten- und Mückenmittel, Geschmacksverstärker, Fleckenentferner, Geruchsneutralisierer, Silber- und Möbel­politur, Schlankmacher und wertvoller Vitaminlieferant.

Blüten und Früchte gleichzeitig

Dabei trat die Zitrone (Citrus limon), wie wir sie heute kennen, erst im 11. Jahrhundert n. Chr. auf den Plan. Arabern gelang in Sizilien eine Kreuzung aus der Ze­dratzitrone und Bitterorange (arab. laimun), der es in Sizilien, an der Amalfiküste, auf dem Peloponnes oder an der Côte d’Azur besonders behagte. Die subtropische, frostempfindliche, immergrüne Pflanze aus der Familie der Rautengewächse, deren Beerenfrüchte bereits bei den geringsten Minusgraden unwiederbringlich Schaden nehmen, schätzt windgeschützte Lagen, warme Temperaturen, milde Winter und feuchte Meeresluft. Als einziger Obstbaum bildet sie Blüten und Früchte gleichzeitig aus und trägt bis zu fünfmal im Jahr.

Die süssesten und besten Zitronen Europas, sagt man, gedeihen in Menton. Nirgends ist das Klima am Mittelmeer milder und ausgeglichener als in der «Hauptstadt der Zitrone» an der französisch-italienischen Grenze, die mal den Fürsten von Ventimiglia, mal den Grimaldis oder dem König von Sardinien gehörte und mit Nizza erst 1860 französisch wurde.

An 323 Tagen im Jahr scheint hier die Sonne, selten fällt die Temperatur unter null, 1986 gab es angeblich den letzten Frost, der Roc Orméa schützt vor Wind aus Norden.

Citronnier François Mazet.

Citronnier François Mazet.

Das subtropische Mikroklima zog seit Jahrhunderten Gartenfreaks, Künstler, Royals und Rentner aus dem Norden, besonders aus England, an. Das ebenfalls sonnenverwöhnte Nizza, die Hochburg des feudalen Überwinterns am Mittelmeer, ist nur eine halbe Stunde entfernt, aber «die Zitronenbäume tragen dort nur halb so viele Früchte wie in Menton», weiss Zitruspflanzer François Mazet.

Rarität mit eigenem Stadtfest

Der ehemalige Rennfahrer zog der Zitronen wegen in den Fünfzigerjahren von Paris nach Menton. Von der Qualität der hiesigen Früchte ist Mazet überzeugt:

«Grösser und so süss, dass man sie fast wie Mandarinen essen kann.»

Sie enthalten vier- bis fünfmal mehr Zucker als andere Zitronen, viel Säure und Aroma, haben eine dickere Schale und übertreffen sogar diejenigen von Amalfi in Duft und Geschmack. «Dazu sind sie bedenkenlos verzehrbar, da weder gespritzt noch mit Wachs behandelt.»

Ein Grimaldi war es, der 1495 Zitronen erstmals nach Frankreich, Orléans, ausführte. Ein Jahrhundert später war es bei den Mächtigen Mode, sich den Duft des Südens nach Hause zu holen: der Startschuss für Orangerien und Wintergärten fiel. Nachbauten der viereckigen Eichenkübel, die der Versailler Obergärtner für die Zitrusfrüchte des Sonnenkönigs konstruierte – mit gusseisernen Scharnieren zum leichteren Umtopfen und Transportieren –, bekommt man noch heute im Baumarkt. In ihrer besten Zeit (zwischen 1740 und 1840) wurden Menton-Zitronen bis an den Zarenhof exportiert.

Dekoriert mit billigeren Früchten aus Spanien

Noch vor 100 Jahren gab es über 100000 Zitrusbäume in und um Menton. Fast unbemerkt verschwanden sie. «Früher standen sie in jedem Garten, wie anderswo Apfelbäume», sagt Mazet, der heute mit gerade mal 350 Bäumen der bedeutendste Zitronenbauer der Region ist. Mittlerweile animiert die Stadt Gartenbesitzer, Zitrusbäume anzupflanzen, und unterstützt Kreative, Zitronenprodukte zu entwickeln, statt allein auf Show und Gaudi an der alljährlichen Fête du citron zu setzen. Denn seit den Dreissigerjahren erstrahlt Menton zur Erntezeit in Gelb-Orange, feiert zwei Wochen lang mit Umzügen, Pappmachéfiguren und Fantasiewelten nach Disney-Art das Wahrzeichen der Stadt und dekoriert öffentliche Gärten mit über 100 Tonnen billigerer Zitronen und Orangen aus Spanien.

Der Event (16.2.–3.3.2019) zieht über 250000 Besucher an und ist touristisch so wertvoll wie der Karneval von Nizza und der Grosse Preis von Monte Carlo.

Ganze Ernte fast im voraus verkauft

Ducasse, Bocuse, Troisgros, Guérard, Robuchon  …, in Mazets Auftragsbüchern stehen grosse Namen, dass es vor Sternen nur so funkelt. 90 Prozent der Ernte sind im Vorfeld ausverkauft. Von der Menton-Zitrone machen auch Parfümeure in Grasse und alteingesessene Confiserien, wie Auer und Florian, in Nizza regen Gebrauch und kandieren, konfieren, gelieren sie zu Delikatessen aller Art.

Kennst du das Land …?

Der Italo-Argentinier Mauro Colagreco, frischgebackener 3-Sterne-Koch im Restaurant Mirazur, dem letzten Haus von Menton an der Grenze zu Italien, stellt exquisite Zitrusöle und grossartige Menus mit Zitrusfrüchten her. Im «Balzi Rossi» in Ventimiglia jenseits der Grenze setzt Guiseppina Beglia auf traditionelle cucina al limone, auf schlichte ligurische Art. Hier, an diesem herrlichen Fleck Erde, wo es noch Zitrushaine und Paradiesgärten an der Côte d’Azur gibt, muss unser Sehnsuchtsort im Süden sein – oder wie Goethe im «Wilhelm Meister» schreibt: «Das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn.»

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