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Kolumne

Zeig mir deinen Abfall und ich sag dir, wer du bist

Wie auch immer man kulturelles Niveau misst, das Ergebnis ist
ernüchternd.
Lukas Niederberger
Lukas Niederberger, Publizist

Lukas Niederberger, Publizist

Wie kann und soll man das kulturelle Niveau einzelner Menschen oder ganzer Gesellschaften messen? Die Archäologie und die Ethnologie beurteilen es nach der Art und Weise, wie Verstorbene begraben und erinnert werden. Darum gilt das antike Ägypten bis heute als Hochkultur. Die heutige Schweiz kommt denkbar schlecht weg mit ihren auf Effizienz getrimmten Gemeinschafts-Aschengräbern.

Das zivilisatorische Niveau von Gesellschaften wird auch am Stil der Behausung gemessen. Leider glänzt die Schweiz auch hier nicht. Zwar sind die Bauten stabil und gut isoliert. Die föderalistische Raumplanung in den Gemeinden führte aber dazu, dass in den letzten 50 Jahren fast alle besonnten Hügel und Seeufer mit Terrassenhäusern verschandelt wurden.

Die Kultur einer Gesellschaft kann man auch an der Zahl aussergewöhnlicher Kunstschaffender messen, die eine Gesellschaft hervorbringt.

Hand aufs Herz: Kennen Sie mehr als drei Schweizer Komponistinnen oder Pianisten, Bildhauerinnen oder Filmemacher?

Sprachwissenschafter beurteilen das kulturelle Niveau von Mensch und Gesellschaft an der Anzahl Bücher, die verfasst, gekauft und gelesen werden. Mit 2,8 Büchern, die Frau und Herr Schweizer jährlich kaufen, brillieren wir auch in dieser Kategorie nicht. Wir sind vielmehr Meister im Kreieren von Whats- app-Nachrichten mit durchschnittlich 4 Wörtern und 3 Emoticons, wobei die Vokabeln «voll cool», «so geil», «total hammer» und «mega krass» am häufigsten vorkommen dürften.

Das kulturelle Niveau von Mensch und Gesellschaft zeigt sich auch und vor allem am Konsum, insbesondere am Nichtkonsum des Konsums – sprich Abfall.

Pro Tag und Person sind es in der Schweiz rund 2 Kilogramm.

15% davon sind einwandfreie Lebensmittel. In der Schweiz werden jährlich 2 Millionen Tonnen Tipptopp-Nahrung weggeworfen, 45% davon in Privathaushalten. Mit einer bewussten Einkaufsplanung und minimaler Kenntnis im Verwerten von Speiseresten liesse sich diese Perversion verringern. Doch Frühenglisch und Programmieren sind offenbar wichtiger als Kochunterricht und Ernährungslehre. Frau und Herr Schweizer entsorgen jährlich auch 40 Kilo Kleider. 6 Kilo werden recycliert, der Rest landet im Müll.

«Fast-Fashion» wird diese ­Dekadenz schönfärberisch genannt.­

Das kulturelle Niveau von Menschen und Gesellschaften zeigt sich generell im Umgang mit der Natur. Der ökologische Fussabdruck von Herrn und Frau Schweizer ist alarmierend. Miss Schweiz liess aus ihren Ferien auf den Malediven verlauten, dass sie sich grosse Sorgen um die Umwelt mache und darum ihr Gipfeli jeden Morgen zu Fuss kaufen gehe. Das klingt süss, nur: Bezüglich CO2-Ausstoss könnte Miss Schweiz für ihren Ferienflug ein Jahr lang täglich ihr Gipfeli per Auto in einer 30 Kilometer entfernten Bäckerei einkaufen.

Wer noch immer behauptet, das Flugzeug würde auch ohne sie fliegen, belügt sich selbst.

Und Automobilisten, die bei den hohen Temperaturen immer noch oder erst recht mit ihren vollklimatisierten Öfen herumkurven, zelebrieren lediglich ihre Kunst der Verdrängung. Für Tipps, meinen Anfall von Kulturpessimismus zu heilen, danke ich herzlich.

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