ZEITFRAGE: Heiliger Gral autonomes Fahren

Branchenexperten erwarten den Durchbruch für «autonomes Fahren» nicht vor 2030. Die Fahrzeugindustrie sagt, sie wäre bereit.

Raoul Schwinnen
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Hände weg vom Steuerrad braucht Überwindung: Der Audi «Jack» hat das autonome Autobahnfahren voll im Griff. (Bild: PD)

Hände weg vom Steuerrad braucht Überwindung: Der Audi «Jack» hat das autonome Autobahnfahren voll im Griff. (Bild: PD)

Glauben wir der Autoindustrie, will BMW gemeinsam mit dem US-Chipriesen Intel und dem israelischen Kameratechnik-Spezialisten Mobileye bereits in vier Jahren selbstfahrende Fahrzeuge auf den Markt bringen. Dazu laufen schon länger Feldversuche in München. Ab der zweiten Jahreshälfte sollen die Tests nun auch auf weitere Städte in Europa – zum Beispiel Jerusalem – und in die USA ausgeweitet werden. «Der heilige Gral des vollautonomen Fahrens ist nicht einfach zu erreichen», ist sich BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich bewusst. Er bleibt aber trotz des ehrgeizigen Ziels zuversichtlich und sagte Anfang Jahr an der Consumer Electronic Show CES in Las Vegas, dass die drei Partner nach einem halben Jahr Zusammenarbeit auf gutem Weg sind.

Technik und Mensch stehen im Fokus

Ähnlich tönt es bei Volvo: Auch die Schweden wollen 2021 das erste komplett autonome Fahrzeug auf den Markt bringen. Sie treiben dazu das Projekt «Drive Me» voran – ein gemeinsames Forschungsprojekt mit verschiedenen Beteiligten von staatlicher, privatwirtschaftlicher und wissenschaftlicher Seite. «Wir haben festgestellt, dass viele Hersteller einfach möglichst rasch komplett autonome Fahrzeuge auf den Markt bringen wollen, dabei aber die Menschen und damit die späteren Nutzer aus den Augen verlieren», erklärt Volvo-CEO Hakan Samuelsson. Volvo-Forschungs- und Entwicklungschef Henrik Green präzisiert: «Bei unseren Forschungs- und Entwicklungsprozessen denken wir ganzheitlich – es geht also nicht nur um die Technik. Soweit ich weiss, arbeitet derzeit kein anderer Hersteller am autonomen Fahren mit dem Menschen im Mittelpunkt.»

Konkret sieht das bei Volvo so aus: Auf den Strassen rund um Göteborg werden ab diesem Jahr bis zu 100 autonome Testfahrzeuge unterwegs sein – gefahren von «normalen» Menschen im normalen Verkehr. «Wir wollen von diesen Leuten wissen, wie es sich für sie anfühlt, wenn sie den autonomen Modus ein- und ausschalten, wie sich dabei der Übergang gestalten sollte und was sie im Fahrzeug so machen, während es sie autonom ans Ziel bringt», erklärt Henrik Green.

Wie es sich in einem autonom auf der öffentlichen Autobahn fahrenden Auto anfühlt, durfte der Schreibende kürzlich an Bord von «Jack» auf der A9 zwischen Ingolstadt und Berlin ausprobieren. «Jack» ist ein ganz normal ausschauendes Audi-A7-Forschungsfahrzeug. Erst beim genaueren Hinsehen entdeckt man vorne und hinten je einen Laserscanner, dazu weitere Radar- und Ultraschallsensoren in den Fahrzeugschürzen sowie eine Kamera in der Frontscheibe. All die so erfassten Signale aus der Fahrzeugumgebung sowie den Sensoren im Auto und den Navi-Daten werden per Software im Steuergerät des Forschungsautos verarbeitet und ermöglichen völlig autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr auf Autobahnen – derzeit bis Tempo 130.

Spannende Erfahrung im buchstäblichen Sinn

Mit etwas mulmigem Gefühl setze ich mich ans Steuer von «Jack». Im Navi programmiere ich das gewünschte, rund 30 Kilometer entfernte Ziel. Weil «Jack» vorerst «nur» auf der Autobahn selbstständig fahren darf, bewege ich das Auto die ersten Kilometer ganz normal manuell und fädle dann auf die A9 Richtung Berlin ein. Schon nach wenigen Augenblicken erscheint im Display: «Autopilot verfügbar – Tasten drücken zur Aktivierung». Ich drücke gleichzeitig auf die beiden Tasten unten am Lenkrad, und flugs übernimmt «Jack» das Kommando. Er meldet nun im Display: «Pilotiertes Fahren – Autopilot aktiv». Und in einer kleinen Zusatzanzeige unter dem Zentraldisplay gibt «Jack» an, wie weit und wie lange er automatisch zu fahren gedenkt – nämlich bis zur 25 Kilometer entfernten Autobahnausfahrt.

Bis dorthin chauffiert mich «Jack» durch dichten Verkehr, blinkt und wechselt automatisch die Spur, lässt bei einer Einfahrt gar etwas Abstand, damit andere Autofahrer einfädeln können. Kurz vor der Ausfahrt meldet «Jack» im Display: «Bitte übernehmen Sie das Fahren – Übernahme in 1:00 Min.». Und es startet ein Countdown, während dem mir «Jack» die Wahl lässt, entweder per Bremse, Gas oder über die Lenkradtasten das Kommando wieder zu übernehmen. Was passiert, wenn ich nicht reagiere? Audi-Ingenieur Hoffman grinst: «Dann nimmt ‹Jack› an, Sie seien eingeschlafen oder tot. Und er fährt mit eingeschalteten Warnblinkern rechts auf den Pannenstreifen und bleibt stehen.»

Probleme liegen in Gesetzgebung und Haftung

Scheinen die Autohersteller in drei bis vier Jahren fürs autonome Fahren bereit, glaubt Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung, nicht an eine derart schnelle Entwicklung: «Wir gehen davon aus, dass der Durchbruch auf breiter Front ab 2030 kommt.» Die Probleme sieht er vor allem in der Gesetzgebung und der Haftung. «Obwohl die Autoindustrie schon bald mit ersten marktreifen Produkten aufwartet, müssen zuerst die rechtlichen Unsicherheiten gelöst werden. Und dies, vor allem länderübergreifend, dürfte wohl noch mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Lösung der technischen Probleme.»

Hinweis
Infos: www.audi.com/de/innovation/air/piloted-driving-lab.html