ZU FUSS: Zu Besuch bei den Thiersteins

Von Burg zu Burg marschiert unser Autor diesmal. Und ist froh, als er dann doch noch auf eine offene Wirtschaft trifft.

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Die Ruine der einst mächtigen Farnsburg, 1330 erbaut von einem Grafen der Familie Thierstein. (Bild Melchior Rudenz)

Die Ruine der einst mächtigen Farnsburg, 1330 erbaut von einem Grafen der Familie Thierstein. (Bild Melchior Rudenz)

Jenseits des Bahnhofs von Gelterkinden, wo der Popsänger Baschi herkommt, führt der Wanderweg noch ein Stück durchs Dorf – und dann so zünftig nach oben, als ob man in den Alpen wäre. Farnsberg heisst der zu erklimmende Hügel, mehr als 300 Meter über Gelterkinden, von dichtem Wald eingepackt, mit Sicht in ferne Horizonte.

Aber das ist es nicht, weshalb wir hier hinaufsteigen. Der Grund vielmehr heisst Farnsburg. Erbaut wurde sie 1330 von einem Grafen aus der einst bedeutenden Familie Thierstein, ging später an die Freiherren von Falkenstein, die im Alten Zürichkrieg auf Seiten der Habsburger gegen die Schwyzer kämpften, war danach lange Sitz der Basler Landvögte, wurde 1798 vom Baselbieter Landvolk abgefackelt, und jetzt zeugen bloss noch Ruinen von der einstigen Mächtigkeit dieser Burg.

Wir wandern runter zum gleichnamigen Restaurant, wo, wenn es geöffnet hat, was heute nicht der Fall ist, Koteletts von glücklichen, im Freiland gehaltenen Schweinen und Entrecôtes von Büffeln serviert werden. Jawohl, Büffel, Bisons genauer, jene Tiere, die zu Zeiten Winnetous die amerikanische Prärie bevölkerten und sich jetzt hinter der Scheune der Wirtschaft langweilen.

Eine Gemse steht im Walde

Uns ziehts notgedrungen weiter über Baregg, wo ein Bauer neben Likör und Gedörrtem auch Lebenstherapie anbietet, dann durch den Wald, vorbei an einem düsteren Bunker aus dem Ersten Weltkrieg, zum vielversprechenden Punkt Junkerschloss. Doch von beiden, Junker wie Schloss, ist nichts zu sehen. Es folgt eine kurze Strecke mit Hartbelag und viel Verkehr (Strasse über die Salhöhe nach Aarau), ehe wir vor dem Asphof links wegbiegen. Ebenfalls notgedrungen, denn auch die dortige Beiz ist heute geschlossen. Erkenntnis: Am Montag geben sich die Schweizer Land-Wirte der Ruhe hin, und man sollte sie dabei nicht stören.

Der breite Weg führt leicht, aber stetig nach oben und hinein in einen Wald, der den seltsamen Namen Kei trägt und riesig ist und irgendwie urtümlich wirkt. In dieser Gegend wohnten Menschen schon vor 5000 Jahren, wie Wälle und andere Siedlungsreste aus der Bronzezeit bezeugen. Ein Teil dieses Gebiets ist jetzt ein Naturwaldreservat – es ist ihm, dem Wald, also behördlich erlaubt, sich so zu entwickeln, wie es ihm passt. Vielleicht stehen hier auch gewisse Tierarten unter Staatsschutz, jedenfalls sehen wir zu unserem grossen Erstaunen mitten auf dem Weg eine Gemse. Beim Punkt Uf der Flue (703 Meter) verschwindet das Tier im Gehölz, während wir uns dort auf eine Bank setzen sowie unser Picknick verzehrend in die Weite schauen – in den Schwarzwald, ins Elsass und bis zu den Vogesen.

Es liegt Schnee hier oben, ein kalter Wind bläst, kurz sind die Tage geworden, zudem stehen uns noch zwei Hausbesuche bevor – wir müssen weiter. Jetzt empfehlenswerterweise den blauen Wegweisern «Fricktaler Höhenweg» folgend. Sie führen uns über den Thiersteinberg zur Burg Thierstein.

Hier also kommt sie her, diese Familie, erstmals erwähnt im 11. Jahrhundert. Damals wurde auch die Burg gebaut, eine der frühsten in der Schweiz, errichtet zu Füssen eines Schutz bietenden Bergsturzblocks. Die Anlage muss eindrücklich gewesen sein, wie sich noch heute erahnen lässt. Die damals mächtigen Grafen von Thierstein, Hochvögte des Bischofs von Basel, bewohnten die Burg bis ins 15. Jahrhundert, verlegten aber ihren Hauptsitz bereits früher in die Gegend von Büsserach im Solothurnischen. Dazu kamen Grundherrschaften und Burgen rund um Basel sowie im Elsass.

Minnesänger und Söldnerführer

Die Dämmerung bricht herein, aber wir lassen nicht locker, noch eine Burg. Hinter Thierstein biegen wir rechts weg, müssen erneut etwas bergauf marschieren und danach in einem Bogen rüber zum Homberg. Auf fast gleicher Höhe wie Thierstein, bloss ein Tälchen dazwischen, aber von derselben Familie um 1100 errichtet, thronte hier die Homburg. Vorhanden ist nichts mehr. Nur noch Geschichten. Wie diese: Ein Nachkomme dieses Thierstein-Zweiges, der fortan als Graf von Homberg firmierte, brachte es zum bedeutendsten Minnesänger der Schweiz. Er starb als Söldnerführer vor Genua. Zuvor hatte dieser Graf Werner von Homberg, so berichtet die Legende, die Schwyzer gegen die Habsburger aufgewiegelt, 1315 bei Morgarten.

Inzwischen sind wir, es dunkelt bereits, von der Homburg auf steilem Pfad durch Wald Richtung Frick abgestiegen, vorbei am Gehöft Dürstli. Und weil wir ein solches verspüren, dürfen wir jetzt unseren schönen und spannenden Thierstein-Burgen-Marsch im «Rössli» von Gipf-Oberfrick beenden, bei einem Gläschen Elfinger aus dem Fricktal, serviert von der freundlichen Wirtin, die heute erfreulicherweise keinen Ruhetag hat.

Melchior Rudenz