ZU FUSS: Zwei Kastanien im Hosensack

Unter Kastanien­bäumen und durch lauter freundliche Dörfer ist unser Autor gewandert – im einst ­armen Malcantone im Tessin.

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In einem der vielen Kastanienhainen auf dem Sentiero del castagno im Tessin. (Bild: Melchior Rudenz)

In einem der vielen Kastanienhainen auf dem Sentiero del castagno im Tessin. (Bild: Melchior Rudenz)

Ein alter Mann erzählte uns mal, dass einem im Leben nichts Schlechtes passieren könne, wenn man stets zwei Kastanien im Hosensack habe. Nun, heute jedenfalls könnten wir ganze Kartoffelsäcke mit Kastanien füllen. Denn wir wandern von Arosio nach Astano, und das sind viereinhalb Stunden Marsch durch Kastanienwald.

Die beiden Dörfer liegen im Tessin, genauer im Malcantone, also in jenem Hügelland, das sich westlich von Lugano und unterhalb der Bergkette Monte Lema Monte Tamaro dahinzieht. Woher das «Mal» im Namen stammt, weiss man nicht. Es könnte «schlecht» meinen, weil in dieser Gegend früher Banditen ihr Unwesen trieben. Wie auch immer: Für uns ist es heute ein «Bencantone».

Von San Michele zu San Michele

Arosio, mit seinen 859 Metern der höchstgelegene Ort des Malcantone, ist ein schmuckes Dörfchen und hat eine schmucke Kirche, San Michele. Auf ihrer Südseite sind eine Sonnenuhr aus dem Jahre 1664 zu besichtigen und im Innern eindrückliche Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Wir folgen dem Wegweiser Richtung Mugena, passieren wieder ein San Michele, jetzt als Ristorante, und sind schon bald einmal in einem Kastanienhain. 20 Minuten später, stets dem gutausgeschilderten Sentiero del casta-gno folgend, der für des Italienischen Unkundige mit einem Kastaniensymbol versehen ist, sind wir in Mugena, wieder so ein freundlicher Flecken. Wir queren ihn auf Kopfsteinpflaster, das an Zeiten erinnert, als hier alles wohl noch ziemlich rustikal war.

Gleich danach gehts wieder hinein in den Kastanienwald. Wir überschreiten das Flüsschen Magliasina und sehen einen Weiher. Er lädt nicht zum Bade, sondern dient als Löschweiher. Denn die Gegend hier ist waldbrandgefährdet, womit das Feuermachen zwecks Cervelatbraten nicht zu empfehlen ist.

Wenn die «Chegele» fallen

Von einem Hügel bietet sich ein schöner Blick auf die Ul Carocc, die Ebene von Caroggio, sowie auf die stark bewaldeten Hügel ringsum. Nicht weit dahinter muss Lugano liegen, doch vom dortigen lauten Leben merkt man hier nichts, eine Welt für sich, ruhig, beschaulich, still. Die einzigen Geräusche stammen von den Kastanien, die links und rechts auf den Boden fallen. Höchst selten sieht man jemanden, der die kleinen, braunen «Chegele» aufhebt und in einen Sack steckt. Ob hier jedermann Kastanien lesen darf, wissen wir nicht.

Früher jedenfalls muss das straff organisiert gewesen sein, und bis San Martino, dem 11. November, war das Kastaniensammeln nur dem jeweiligen Waldbesitzer erlaubt. Noch bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts lebten viele Einwohner des einst armen Malcantone von der Kastanie. Eingeführt von den Römern, wurde die Kastanie zu Mehl verarbeitet, mit dem die Einheimischen ihr Brot buken. Um zu verhindern, dass die Kastanie von Pilzen oder Insekten befallen wird, muss sie möglichst früh aufgehoben werden. Daher wird das Gras unter den Bäumen, die bis zu 1000 Jahre alt werden, regelmässig gemäht.

Nach der Lese werden die Früchte im Metato, einem Steinhäuschen, weiterverarbeitet. Ausgebreitet auf einem Holzgitter und bei mässigem Feuer getrocknet, können die Kastanien so während mehrerer Monate aufbewahrt werden. Im Unterschied zum südlichen Bergell, wo oberhalb von Castasegna noch unzählige dieser Hütten stehen, ist davon hier nichts zu sehen. Vielleicht standen diese Metati in den Dörfern. Heute jedenfalls findet das Trocknen der Kastanien an zwei Sammelstellen statt. 2015 soll, im Unterschied zum letzten Jahr, eine gute Ernte werden.

Kohle aus Kastanienholz

Nun, wird sind inzwischen weitergewandert, vorbei am Eingang zum romantischen Val Firinescio, unter uns das Dorf Vezio. Wir kommen auf einen Platz, wo eine Miniaturköhlerhütte steht. Gezeigt wird, wie früher aus Kastanienholz Holzkohle hergestellt worden ist. Leider ist die Infotafel «nur» auf Italienisch beschriftet, so- dass wir halt nicht alles verstehen.

Wir steigen in Kehren bergan, queren einen bewaldeten Hang und arrivieren in Fescoggia, auch so ein nettes Dorf. In einer winzigen, nicht besonders attraktiven Beiz, an deren Namen wir uns nicht mehr erinnern können, verzehren wir mangels Alternative ein Croque Monsieur, das allerdings ausgezeichnet ist, serviert von einer Dame aus Marokko – tempora mutantur, wie sich die Zeiten ändern.

Unterhalb des Dorfes gehts auf einem Feldweg weiter nach Breno. Wir durchschreiten das Dorf Richtung Miglieglia, zweigen kurz davor rechts ab hoch zum Pfadfinderheim Praz und marschieren jetzt via den Punkt Curio nach Astano – ein langes, sehr schönes Schlussstück durch endlosen, zauberhaften Kastanienwald.

Kleiner Wegweiser

Route:Arosio – Mugena – Fescoggia – Breno – Miglieglia – Astano
Wanderzeit: 4½ Stunden

Verkehrsverbindungen:Bus (SBB-Bahnhof Lamone/Cadempino – Arosio; Astano – SBB-Bahnhof Magliaso via Novaggio)

Karte: Wanderkarte 29, Ticino Sottoceneri, Kümmerly+Frey, 1: 60 000

Text und Bild Melchior Rudenz

Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas

Bild: Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Karte oas