Zum Muttertag: Der Corona-Notstand zeigt, dass Mütter systemrelevant sind
Essay

Zum Muttertag: Der Corona-Notstand zeigt, dass Mütter systemrelevant sind

Bild: Shutterstock

Ständig zu Hause mit Mann und Kindern – 56 Tage lang. Unsere Autorin schildert, was der Lockdown mit ihrer Familie gemacht hat.

Marah Rikli
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Ein Kondensstreifen am Himmel ist immer noch selten zu sehen, und wenn ich einen entdecke, durch das Fenster von meinem Bett aus, frage ich mich jedes Mal, wer fliegt jetzt wohin und warum und wie geht es den Menschen an diesem Ort, oder sind das jetzt die letzten Touristen aus Indien und Afrika in diesem Flugzeug? Menschen, die man zurückgeholt hat wegen des Virus, des Corona, von dem seit Wochen, bald Monaten alle sprechen und jeder und jede eine Meinung dazu hat? Obwohl niemand viel weiss über die hochansteckende Lungenkrankheit, nicht einmal die Epidemiologen, deren Berufsstand wohl nie so bekannt war wie heute. Nur mein Word-Programm erkennt den Beruf noch immer nicht. Es unterstreicht das Wort rot.

Alles sollte im Word in Rot unterstrichen sein, was ich hier schreibe. Dieses Leben. Die Zukunft. Pandemien. Reduziertes Angebot bei den Grossanbietern. Apothekerinnen hinter Plexiglasscheiben. Händedesinfektionsmittel an den Eingängen. Mundschutz vor den Gesichtern in den Zügen. Quarantäne. Notrecht. Das ist mir alles fremd, rätselhaft wie das Wort «systemrelevant», das jetzt so grosse Bedeutung hat – alles, was systemrelevant ist, durfte geöffnet bleiben, diejenigen, die «systemrelevant» sind, mussten funktionieren. Die Buchhandlung, in der ich arbeite, gehörte nicht dazu.

Marah Rikli lebt mit ihrer Patchworkfamilie (Mann, Sohn, 15, und Tochter, 5) in Zürich. Sie arbeitet als Autorin und Buchhändlerin.

Marah Rikli
lebt mit ihrer Patchworkfamilie (Mann, Sohn, 15, und Tochter, 5) in Zürich. Sie arbeitet als Autorin und Buchhändlerin.

Bild: PD

Bücher sind nicht relevant. Bildung auch nicht, die Schulen sind ebenfalls geschlossen. Noch. Und wenn sie am Montag öffnen, wissen wir nicht, was passiert und ob die Kinder wirklich nicht die Eltern anstecken und was das alles für die Lehrpersonen heisst, für die mit Bluthochdruck oder Diabetes. Einzig die Kitas waren teilweise offen, doch auch dort erkranken die Betreuerinnen am Virus. Und die Kitas reduzieren dann das Angebot und die alleinerziehenden Mütter sind mit allen Kindern allein zu Hause und müssen den Kita-Platz trotzdem bezahlen. Manche von ihnen sind jetzt auf Kurzarbeit oder arbeiten eben in diesen Berufen, den systemrelevanten, und wissen nicht mehr weiter.

Ich bin privilegiert. Ich habe noch immer Arbeit.

Mein Mann auch. Wir haben eine Wohnung mit Sitzplatz, eine günstige, eine schöne. Wir haben einen Schrebergarten, einen grossen. Ich bin dankbar. Auch wenn ich nicht weiss, wem ich genau danken soll. Ich bin müde. Wir machen seit Wochen Homeschooling, lernen mehr Gebärden für die Kommunikation mit unserer Tochter oder schauen Netflix, essen. Wir nehmen uns vor, zu lesen, Spiele zu spielen, zu rätseln, Muttertagsgeschenke zu basteln, und tun es dann doch nicht. Manchmal koche ich mit den Kindern ein Rezept aus dem alten «Tiptopf» meines Mannes, das ist auch Mathematik, sage ich mir und beruhige damit mein Gewissen. Mein Sohn sagt, niemals würde er Fledermäuse kochen wie die Chinesen. Wir kochen dafür Hasen, sage ich.

Manchmal streiten wir. Mein Mann und ich. Mein Sohn und ich. Mein Mann und mein Sohn. Du bist nicht mein Vater, schreit mein Sohn dann. Dann schreien wir uns alle an, die Türen werden geknallt, und der Sohn läuft weg. Wenn er zurückkommt, umarmen wir uns, und mein Mann sitzt auf dem Sofa und schweigt. Ich bestelle frisches Gemüse beim Bauern, Blumen beim Laden um die Ecke, CBD-Tropfen zum Schlafen, Schuhe von Birkenstock und nicht mehr die von Zalando, Pakete kommen später an, weil die Post überlastet ist, doch es ist mir egal.

Zeit ist relativ geworden. Alles ist relativ geworden.

So schnell musste vorher alles gehen, nur ein paar Wochen, schon war es egal, wie viel auf meinem Sparkonto liegt und ob ich im Herbst die Ferien machen kann, auf die ich mich so gefreut habe, dafür habe ich Angst bekommen vor Stress, vor neuem Druck, vor meinem alten Leben.

Für die Eltern von kleinen Kindern waren die letzten Wochen besonders anstrengend.

Für die Eltern von kleinen Kindern waren die letzten Wochen besonders anstrengend.

Ich sehne mich nach Einfachheit, nach Schafen im Stall neben der Küche wie früher, als meine Eltern das Bauernhaus mit uns bezogen, das sie nach ein paar Jahren wieder verliessen. Ich mich jedoch noch immer an den Geruch erinnere, an das selbstgemachte Joghurt meiner Mutter, an die Gelte, die in der Küche stand und in der meine Schwester und ich badeten, weil wir keine Badewanne hatten. Ich will aussteigen, unabhängig sein. Ich will flüchten, doch mit meinem Selbstmitleid lassen sie mich nicht hinein in ein anderes Land.

Die Flüchtlinge lassen sie sterben in den Lagern mit dem ganzen Dreck und dem wenigen Platz, die Schweiz nahm nicht einmal mehr die Kinder auf. Die Feldarbeiter in Spanien oder Italien dürfen nicht mehr arbeiten und kriegen auch das Virus. Sterben allein, ohne Pass. Jetzt werden vielleicht die Tomaten in der Migros knapp oder die Erdbeeren teuer. In der Schweiz ist es vermutlich trotz allem am besten, rede ich mir zu. Auf der goldenen Schatzinsel. Männer finden hier Milliarden. Für die Wirtschaft. Und dann fliesst das Geld wie sonst sauberes Leitungswasser aus dem Hahnen. Für die einen oder eben die anderen.

Zwischendurch bin ich glücklich oder zufrieden. Ich kann bei meinen Kindern sein. Ich will ihnen nah sein, auch wenn ich sie manchmal kaum ertrage, ähnlich wie damals, als sie auf die Welt kamen. Ich will über sie wachen, sie halten, und gleichzeitig wünsche ich mir, allein zu sein. Einfach auf dem Sofa zu liegen. Mein Mann und ich sind jetzt immer ein Wir und beginnen vielleicht auch deswegen jeden Satz mit «ich».

Ich schaue ihn an und finde, er ist so schön. Er hat jetzt wirklich viele graue Haare, seine Stirnfalte ist tiefer geworden, seine Melancholie berührt mich.

Ich vermisse die Zeit, als wir uns kennen lernten, bin befremdet, vielleicht auch entfremdet wegen seiner Launen und auch meiner.

Weil ich so viel reden will und er so wenig. Die Kinder sind so laut. Und immer ist da ein Finger in meinem Gesicht, in meinem Auge, dem Ohr, in meinem Haar, das so lang geworden ist.

Ich war so hochmütig. Niemals hätte ich gedacht, dass uns ein Virus so beschäftigen würde, ich fühlte mich sicher und gesund in einem glänzenden Land, in dem die öffentlichen Toiletten nach Rosenspray riechen und ich den Schnuller meiner Tochter nicht wusch, wenn er in einem Park auf den Boden fiel, in dem wir jetzt nur noch einzeln sitzen dürfen und nicht mehr in Gruppen und nur, wenn wir den Abstand einhalten. Sonst kommt die Polizei. Oder jemand, der auf einem Balkon steht und zu uns herunterschaut, kommt und spielt Bürgerpolizei oder Helferin, denn Kontrolle ist jetzt besser als Vertrauen. Wegen der Solidarität.

In der Coronakrise entwickeln Familien mit Kleinkindern ganz neue Rituale: Etwa das Händewaschen immer nach dem Heimkommen.

In der Coronakrise entwickeln Familien mit Kleinkindern ganz neue Rituale: Etwa das Händewaschen immer nach dem Heimkommen.

Bild: Keystone

Ich lese in einer Zeitung, dass die Mehrheit der Befragten befürwortet, einen alten Menschen sterben zu lassen und stattdessen den jungen Menschen leben zu lassen, falls nun die zweite Welle käme, jetzt, nach den Lockerungen. Falls man wegen des Virus zu wenig Beatmungsgeräte hätte.

Behinderter oder Intellektueller. Raucher oder Sportler. Mann oder Frau. Was würde wohl das Volk wählen?

Ich muss an die Armbinde denken, an Kennzeichnung der Risikogruppe und an meine Tochter und die anderen beeinträchtigten Kinder in ihrem Kindergarten. An die Kinder mit Herzfehler und Asthma. An meine Mutter, meine Oma. An das Armband in Liechtenstein, das die Atmung, die Herzfrequenz, die Körpertemperatur bei 2000 Menschen misst, um frühzeitig zu erkennen, ob der Mensch am Virus erkrankt sein könnte. Ich denke an implantierte Chips, an Science-Fiction-Filme, die ich früher sah und Realität zu werden scheinen. Und daran, ob ich als Raucherin überleben dürfte und ob mir der Chip mein Muttersein und meine gesunde Ernährung anrechnen würde.

Mir geht so viel durch den Kopf und manchmal gar nichts, eine sich falsch anfühlende Leere breitet sich dann in mir aus, abends in der Müdigkeit kommt die Angst. Ich darf dieses Virus nicht bekommen, ich bin immun. Ich kann sowieso nicht auf die Intensivstation, ich muss zu meinen Kindern schauen. Ich bin Mutter, Mütter dürfen nicht sterben.

Traumata würden wieder aufgerissen, heisst es von Psychologinnen, wir befinden uns alle in einem neuen Trauma, denke ich und weiss, ich bin stark, ich bin gesund, und ich höre die Worte meiner Grossmutter: «Ich habe meine Jugend im Bunker verbracht, so ein Virus wird mich jetzt nicht erwischen.» Und wie sie anfügt:

«Schöne Scheisse. Zum Lebensanfang Krieg und zum Lebensende Virus.»
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