Leserbeitrag

Beziehungen zwischen Bindung und Freiheit

Erster Abend der Reihe „Beziehunger – Beziehungsweise – Beziehungsnetze“ der Ökumenischen Erwachsenenbildung Surbtal.

Marcel Siegrist
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Zum Einstieg hat das Team der ök. Erwachsenenbildung Surbtal eine kurzen Power Point Präsentation mit Bildern unterschiedlichster Arten von Beziehungen vorbereitet. Darauf Bezug nehmend gelang es Dr. Hans-Peter Dür noch vor weiterer Vorstellung seiner Person genau dort ins Thema einzusteigen, wo die Besucher des Abends stehen. Das Bild des Mannes am Strand, Sinnbild für die unerlässliche Pflege der Beziehung zu sich selbst, Bilder mit Tieren, mit Kindern, Alten und natürlich in Paaren sprechen ganz unterschiedlich die aktuelle Situation der einzelnen Menschen an.
Von der Forschung über das Wesen von Bindung und Beziehung konnte der Referent an Hand von Untersuchungen von kurzen Trennungssituationen von Kleinkind und Mutter berichten: während bei der sicheren Bindung typisch nach dem Verlassen des Raumes durch die Mutter ein Spiel und Trösten durch eine andere Person nicht möglich ist, es braucht davor die Anwesenheit und die Bezugsperson im Hintergrund, finden sich Unterschiede der typischen Verhaltensweise bei anderen Bindungstypen. Unterschieden wird hier der Typ der unsicher/reservierten Bindung mit kaum Trennungsprotest, wenig Suche nach Körperkontakt bei der Rückkehr und nur eingeschränktem Spielverhalten, die unsicher-ambivalente Bindung mit extremer Erregung während der Trennung und kaum Beruhigung bzw. Nähe und Aggression nach der Rückkehr und zuletzt der desorganisierte Typ, bei dem sehr widersprüchliche Muster und auch monotone, verlangsamte Bewegungen beobachtet werden.
In diesem Zusammenhang ist die Basis einer Bindungssicherheit für einen geglückten Lebensentwurf kaum zu gering einzuschätzen: Mütter, aber auch Väter mit ihrer Spielfeinfühligkeit spielen hier ganz wichtige Rollen. Nachdem HP Dür mit einigen träfen Äusserungen von Kindern sowohl deren feines Gespür, als auch den immer wichtigen Humor im Leben in Erinnerung gerufen hatte, ging es im weiteren Schritt um die Folgen dieser Erkenntnisse. Ganz wichtig war dem Referenten immer eine positive Einstellung zur heutigen Herausforderung der „Demokratisierung der Psyche". Immer wieder müssen wir uns Entscheiden, auswählen aus der Fülle der Möglichkeiten, ohne dass wir uns hinter einem enges Verhaltenskorsett bzw. festen allgemeingültigen Normen verstecken können. Entscheidungszwang in der Freiheit - es geht nicht ohne kommunizieren, aber gerade darin liegen wichtig Chancen. Ein reines Protestverhalten hilft hier nicht wirklich weiter. Ewige Liebe, das heisse heute, so lange wir intensiv im Gespräch bleiben. Und immer noch ist Treue und Verlässlichkeit auf einem Spitzenplatz im Werteranking, obwohl das häufig im Ungleichgewicht zum eigenen Verhalten stehen kann.
In einer lebhaften Runde wurde der Vortrag mit Fragen, Beobachtungen und Stellungsnahmen der Teilnehmer abgerundet. Dabei ging es um die heute in den Medien verzerrt dargestellte Glamourwelt im Bezug auf die Entwicklung von Beziehungsmodellen von Jugendlichen, der Aufgabe unserer Generation sich Kopf nicht verstopfen zu lassen von den vielen Bildern und darum die Sehnsucht in Paarbeziehungen, das geheimnisvolle wach zu halten. Dass es nicht um heile Land- und veränderte Stadtwelt geht, sondern die Entwicklung komplexer ist, zeigt eine Untersuchung bei der gerade Grossstädte wie Berlin oder Zürich Spitzenplätze in Bindungssicherheit einnehmen.