Leserbeitrag

Handels- und Industrieverein Aarau

Stefan Rimml
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Der diesjährige Herbstanlass des Handels- und Industrievereins Aarau konnte leider wegen des Corona-Virus nicht stattfinden. So fällt auch die Berichterstattung über die traditionelle Betriebsbesichtigung in der Region Aarau aus. Stattdessen drehen wir kräftig am Rad der Zeit und porträtieren Adolf Jenny, der von 1888 – 1898 den Aargauischen Handels- und Industrieverein präsidierte. Aus diesem Verein ist die heutige AIHK – Aargauische Industrie- und Handelskammer hervorgegangen.

Mit Präsident Jenny zusammen im Vorstand sitzt der Zementfabrikant Friedrich Rudolf Zurlinden. Die beiden umtriebigen Unternehmer setzen sich zum Ziel, in der Stadt Aarau Strom zu erzeugen. Adolf Jenny weiss: »Die fortwährende Hebung der Leistungsfähigkeit durch Verbesserung der technischen Einrichtung ist die erste Voraussetzung für ein erfolgreiches Bestehen im Konkurrenzkampf.«

Für ihr Projekt gewinnen sie Professor Jakob August Tuchschmid, welcher in der Kantonsschule Aarau Physik unterrichtet.

Für das anfänglich Lichtstation genannte Elektrizitätswerk suchen sie sich die obere Mühle aus. Das altehrwürdige Wasserrad wird durch eine Turbine ersetzt, die einen Generator antreibt, der 1893 den ersten Strom liefert. Neben der Elektrizität bringt Adolf Jenny auch das Telefon nach Aarau.

Geboren wird er am 29. Juli 1851 in Unterkulm auf dem Wannenhof. Der Bauernsohn bleibt der Landwirtschaft bis ins hohe Alter verbunden. Nach der Kantonsschule in Aarau macht er eine kaufmännische Lehre in Burgdorf, lernt anschliessend in einem Institut im Welschland Französisch. Dank den hier erworbenen Sprachkenntnissen wird er bei der Benz & Cie. in Biel Vertreter für die französische Schweiz. Adolf Jenny ist 21 Jahre alt und besucht seine ausgedehnte Kundschaft mit einer hochbeinigen zweirädrigen Kutsche.

Doch Adolf Jenny ist ein sesshafter Mann. Für kurze Zeit kehrt er als Prokurist in seinen Lehrbetrieb zurück. Sein Wunsch nach einem eigenen Unternehmen erfüllt sich 1876 in Aarau. Er erwirbt August Mühlbergs Wollstofffärberei und -druckerei in der Telli. Zusammen mit dem Färbermeister Weigel, welcher später aus gesundheitlichen Gründen aus der Jenny & Cie. ausscheiden muss. Adolf Jenny besitzt technisches Flair und eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe. Der verantwortungsbewusste Umgang mit der Belegschaft ist für ihn ein Grundpfeiler des Erfolgs. Unterstützt von seinen Söhnen Ernst und Hans, erweitert er die Produktion auf das Färben von Baumwolle, Bastfasern und Kurzwaren. Das Unternehmen floriert.

Trotz der enormen geschäftlichen Aktivitäten findet er Zeit, sich für die Allgemeinheit einzusetzen. So ist er nicht nur Präsident des Aargauischen Handels- und Industrievereins, in jungen Jahren kommandiert er die Feuerwehr der Stadt Aarau und sitzt vierzig Jahre lang im Aufsichtsrat der Aargauischen Gebäudeversicherung. Adolf Jenny ist Mitbegründer und erster Präsident der Kaufmännischen Gesellschaft Aarau, Präsident der Aargauischen Handelskammer, später der Schweizerischen Handelskammer und von 1914 – 1929 Präsident der Allgemeinen Aargauischen Ersparniskasse, zu dem gründet er den Arbeitgeberverband Aarau.

Für die demokratische Partei sitzt er von 1885 – 1891 im Grossen Rat.

Im Alter von 82 Jahren zieht sich Adolf Jenny vom aktiven Geschäftsleben zurück und wendet sich wieder der Landwirtschaft zu. Er bewirtschaftet nicht nur den Gutshof neben der Fabrik in der Telli, sondern auch den elterlichen Betrieb auf dem Wannenhof. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs verfasst er die Broschüre »Praktische Winke für die Schweizerische Landwirtschaft«, und leistet nach Kriegsausbruch seinen Beitrag an die Anbauschlacht, bei der jeder erdenkliche Flecken Erde bepflanzt wird, um die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern.

Adolf Jenny verstirbt im Alter von fast 90 Jahren am 16. April 1941.

Längst wird der Aarauer Strom nicht mehr in der oberen Mühle produziert, dort befindet sich nun das McDonald’s. Und wer heute mit der grössten Selbstverständlichkeit den elektrischen Strom nutzt, kann kaum erahnen, mit welchem Herzblut und Pioniergeist unsere Urahnen ans Werk gegangen sind.