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«Der Samen ist gesät, Gutes wächst»

Andreas Schmid
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(chm)

Lostorf/Reiden/Ukraine

Seit vielen Jahren engagiert sich der Verein Parasolka für beeinträchtigte Menschen in der Ukraine. Vor kurzem nahm der Vorstand einen Augenschein vor Ort und kehrte mit mehr Hoffnung aus einem gebeutelten Land zurück. Die Reise beginnt in Lemberg, keine 100 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Was mir in der grössten Stadt der Westukraine sofort auffällt, sind gelbe, meist vollgestopfte und teils uralte Busse: Marschrutkis. Sie werden zügig, teils etwas gar waghalsig, gefahren. Die Kleinbusse sind eine Art Sammeltaxis, welche meist privat betrieben werden und den öffentlichen Verkehr ergänzen. Einst in russischen Grossstädten gang und gäbe, wurden die gelben Gefährte mittlerweile in entlegenere Kleinstädte verbannt. Wir, die Vorstandsmitglieder von Parasolka (zu Deutsch: Regenschirm) und Raymond Guggenheim, Gründer eines humanitären Projektes in Osteuropa, nehmen es gemütlicher. Mit Chauffeur Orest geht es ins Hinterland, entlang des grössten Buchen-Urwalds des Kontinents. Am Strassenrand werden Pilze und andere Köstlichkeiten verkauft, die Strassen sind holprig, die Schlaglöcher zahlreich. Viele verlassene, heruntergekommene Gebäude sind zu sehen. Die Region ist schwach entwickelt. Wir überholen Pferdefuhrwerke und Velofahrer, die auf klapprigen Fahrrädern durchwegs ohne Licht unterwegs sind.

Behindertengerechte Betreuung

Wo das Tal immer schmäler wird, erreichen wir Vilshany. Am Ende des Bauerndorfes liegt das Waisenhaus. Hier leben 173 Kinder und Erwachsene mit einer Behinderung. Es sind Menschen, die in der damaligen Sowjetunion in der Gesellschaft ein Tabu waren. Die vom Staat in schlecht ausgestattete Heime gesteckt wurden, so quasi nach dem Motto: In der Sowjetunion gibt es keine Behinderten. Es war 2015, als der vor 14 Jahren in Reiden gegründete Verein Parasolka in enger Zusammenarbeit mit der einheimischen Nichtregierungsorganisation CAMZ beschloss, sich für bessere Lebensbedingungen für die beeinträchtigten Menschen in der ostukrainischen Ortschaft einzusetzen. Wo sich zu Anfangszeiten Kinder mit leerem Blick in einem grossen Raum aufhielten, wird heute unter Anleitung musiziert, gemalt, geknetet. Aus Filz erstellen die jungen Menschen Blumen, Kugeln und Schlarpen. In diversen Workshops entstehen kleine Kunstwerke. Es gibt einen Physiotherapeuten, der sich um die Beeinträchtigten kümmert oder eine Psychologin, die individuelle Förderpläne erstellt.

Geleitet wird das Heim von Bogdan Kykyna, einem grossen, hageren Mann, der uns freundlich begrüsst. Der Direktor ist im Dorf aufgewachsen, bereits sein Vater arbeitete im Heim. «Heute ist vieles anderes als vor sechs Jahren», sagt er. «Vieles hat sich verbessert: Wir haben ein neues Gästehaus, eine gut eingerichtete Wäscherei, Therapien, Rehabilitationen.» Die positive Entwicklung ist auch Andreas Schmid, dem Vereinspräsidenten von Parasolka und aus Lostorf, nicht entgangen. «Der Samen ist gesät, Gutes wächst. Das ist wunderschön zu sehen.» Nichtsdestotrotz sei es trotz allen Verbesserungen nach wie vor eng in den Räumlichkeiten und weit entfernt von europäischen Standards.

Viel Freude nach schwierigen Zeiten

Nach dem Besuch des Waisenhauses und den Koordinationsgesprächen mit den Verantwortlichen geht es 50 Kilometer südlich nach Tjachiv. In der Stadt mit 9000 Einwohnern hat Parasolka vor zwölf Jahren ein Wohnheim mitaufgebaut. Es ist heute das Zuhause von 25 Menschen mit einer Behinderung. Die Betreuten wohnen und arbeiten auf dem Hof. Es gibt einen riesigen Gemüsegarten und diverse Ateliers. Die jungen Erwachsenen begrüssen uns herzlich. Einige der Bewohnerinnen und Bewohner sind sichtlich nervös. Wie es sich herausstellt, funktioniert kurz vor ihrem Auftritt etwas mit der Musikanlage nicht. Das Problem ist rasch gelöst. Der Parasolka-Chor kann loslegen. Und wie er das macht! Der Auftritt mit transkarpatischen Volksliedern und vielen Tanzeinlagen lässt die Besucher aus der Schweiz emotional zurück. Diese Lebensfreude! Dieser Stolz! Es ist ansteckend. Weit weg sind die Zeiten, als wegen der Coronapandemie alle Heime in Transkarpatien geschlossen waren, keine Besuche erlaubt waren und die Bewohnerinnen und Bewohner mit dem «Social distancing» umzugehen hatten. «Nach drei Jahrzehnten Korruption und politischer Vernachlässigung ist das Gesundheitssystem in der Ukraine nicht für grosse Infektionswellen gerüstet», erzählt uns Lesja Levko, Mit-Geschäftsführerin und Übersetzerin von CAMZ. Bei unserem Rundgang in den Räumlichkeiten ist sie wieder da, die lebendige und fröhliche Stimmung. Sie wird fortgesetzt am Abend, wo die Küche den Besuchern ein üppiges Nachtessen mit Gulasch-Suppe, viel Gemüse, allerlei Fleisch, einem reichhaltigen Dessertbuffet und dem obligaten Wodka auftischt. «Im Wohnheim Parasolka ist der Um- und Ausbau zu einem Kompetenzzentrum für Menschen mit Beeinträchtigung im Tun. Die Lebensbedingungen der Menschen mit einer Behinderung verbessern sich nach und nach», sagt Andreas Schmid. «Trotzdem gibt es noch viel zu tun.»

Zusammenarbeit mit der Universität

Der ukrainische Staat hat zwar die europäische Behindertenkonvention unterzeichnet und seine Gesetze laufend an die europäischen Normen angepasst. Sie sind auf dem Papier vorhanden. Aber in der Praxis ist davon wenig umgesetzt. Es fehlt an den Finanzen und Fachkräften für die Betreuung von beeinträchtigten Menschen. Deshalb unterstützt Parasolka seit 2019 den Aufbau einer sonderpädagogischen Fakultät an der Universität Uzhhorod. Die Ausbildung baut auf interdisziplinärer Zusammenarbeit, Theorie und Praxis. So werden Praktikumsplätze im Wohnheim Parasolka und im Heim Vilshany angeboten. Geplant ist auch ein Therapiezentrum für Physio- und Ergotherapie, Logopädie und weitere sonderpädagogische Leistungen an der Universität selbst. Da sammeln Studenten ihre ersten praktischen Erfahrungen. Die Uni in der Hauptstadt von Transkarpatien ist der letzte Ort des Ukraine-Besuches. Dabei zeigt sich: Der Ausbildungsgang hat Fahrt aufgenommen. Noch dieses Jahr leitet Parasolka-Vorstandsmitglied und Sonderpädagogin Henny Graf-de Ruiter eine Seminarwoche. «Die Ziele und Pläne sind auf gutem Weg», sagt Andreas Schmid. Nach einer Woche geht es zurück in die Schweiz. In Erinnerung bleiben nicht nur die Marschrutkis in Lemberg, die vielen leeren Häuser in den Dörfern und die teils holprigen Strassen. Sondern vielmehr, was Parasolka-Geschäftsstellenleiterin Marianne Kneubühler aus Reiden sagt: «Die vielen strahlenden, zufriedenen Gesichter der Menschen mit einer Beeinträchtigung zeigen mir den Sinn unserer Arbeit immer wieder neu.» Der Vorstand von Parasolka leistet seine Arbeit ehrenamtlich. Jeder Spendenfranken kommt direkt oder indirekt den Menschen mit Beeinträchtigung in der Ukraine zugute.

Spendenkonto: Raiffeisenbank Luzerner Landschaft Nordwest, 6247 Schötz, IBAN: CH 78 8080 8003 0066 2137 0. Bankenclearing 81214. Der Sitz des Vereins ist der Wohnort des Präsidenten, in diesem Fall Lostorf.

Textautor: Stephan Weber, Malters