Leserbeitrag
Sprechen, laufen, rennen – der Zivilschutz erhöht das Tempo

Marcel Siegrist
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Die Zivilschutzorganisation Aare Region setzt auf ein neues Ausbildungskonzept. Es sieht einen gestrafften Zeitplan vor, Übungen unter steigenden Anforderungen sowie ein engeres Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Bereichen – alles nah am Ernstfall. Ein erster WK zeigt Resultate.

Dominic Page ist zufrieden. «Alle Gruppen haben die Übung unter 60 Minuten geschafft», sagt der Ausbildungschef der Zivilschutzorganisation (ZSO) Aare Region. Hinter ihm geht es die Rampe hinab ins Dunkle. Die stillgelegte Sanitätshilfestelle im Aarauer Zelgliquartier frisst sich drei Stockwerke in den Untergrund. In den über sechzig verwinkelten Räumen kann man sich leicht verirren – erst recht, wenn wie an diesem Morgen kein Licht die Anlage erhellt.

Sie ist ein perfekter Ort für die Simulation eines Ernstfalls. Ein zugeschüttetes Gebäude, ein Stromausfall, eine Naturkatastrophe mitten in der Nacht. Und wie kommen die Zivilschützer gezielt zum Unfallort, wie bringt man Strom und Licht ins Finstere, um schnell einen Überblick über den Schaden zu bekommen, wie findet man Verletzte und Verschüttete? Der diesjährige WK der Pioniere der ZSO Aare Region übt im Zelgli genau das – nach dem Schema «durchsprechen, durchlaufen, durchrennen». Es ist ein Ausbildungsmodus in Steigerungsform. Die Übung wird zuerst beredet, dann erstmals geprobt und schliesslich unter Zeitdruck umgesetzt, als ob es tatsächlich brenne.

Im Zelgli müssen die Zivilschützer an diesem Morgen anstelle von Opfern eine versteckte Kiste finden. Sie erkunden zuerst mit Taschenlampen die Räume, stellen Stromerzeuger auf, ziehen Leitungen, richten Scheinwerfer ein und finden schliesslich das versteckte Objekt. Und mit Lob vom Chef.

Was wie ein Manöver bloss für die Pioniere aussieht – für die Einsatzleute an vorderster Front – ist jedoch vielmehr eine Übung für die ZSO als Ganzes. Bevor die Pioniere am Unfallort sind, muss die Kommunikation durch die Führungsunterstützung sichergestellt werden. Der Transport und die Verpflegung werden durch die Logistik übernommen.

Dieses komplexe Zusammenspiel will die ZSO Aare Region in den Wiederholungskursen, welcher dieses Jahr durch den Kompaniekommandanten Philipp Kamm geführt wurde, optimieren. Der Ausbildungschef Dominic Page sagt: «Unsere Aufgabe ist es, alle Bereiche so zusammenzubringen, damit das ganze Gefüge zu 100 Prozent funktioniert.» Um dies zu erreichen hat er zusammen mit dem ZSO-Kommandanten Marco Stirnemann und Feldweibel Adrian Zurbuchen im vergangenen Jahr die Übungssequenzen neu geplant. «Nun sind sie straffer gesteckt und fachspezifischer», erklärt Page. Die Resultate während des ersten WK dieser Art stimmen ihn positiv. Die Züge erfüllten die Zeitvorgaben, es geschahen die nötigen Fehler, die für den gewünschten Lerneffekt sorgen. «Wir konnten bereits auf einem guten Niveau aufbauen, jetzt wollen wir uns weiter steigern.»

Am diesjährigen Besuchstag konnten die Behörden Einblick in die neuen Methoden nehmen. Heinz Pfluger (Erlinsbach AG), Regina Jäggi (Aarau), Carmen Suter (Suhr), Hansruedi Werder (Buchs) sowie Edi Herzog, Ausbildungschef Aargau, Lorenz Schreiber, Fachspezialist Infrastruktur und Adrian Bühler, Chef RFO, beschritten die ausgeleuchteten Räume der Zelgli-Anlage sowie die weiteren Einsatzgebiete des WK dieses Herbstes, in dem sich rund 250 Zivilschützer weitergebildet haben. Im Steinbruch Riepel in Küttigen übten sie ihre Fertigkeiten mit schweren Geräten, etwa wie man eine Mauer für eine Bergung durchbricht oder wie man mit Kernbohrmaschinen Löcher für die Luft- und Nahrungszufuhr bohrt – nicht ohne auch hier den ganzheitlichen Aspekt mit einem Kommandoposten vor Ort sowie mit der Zufuhr von Essen für die Einsatzkräfte.

In der Telli übten die Zivilschützer zudem eine ihrer zentralen Aufgaben, gerade in unserer von Wasser durchzogenen Region. Die Überschwemmungen vom vergangenen Juli in Zofingen haben die Notwendigkeit gezeigt, mit Wasserpumpen umgehen zu können. Am Ufer der Suhre exerzierten die Zivilschützer unter Zeitdruck, Wasser abzupumpen. Welcher Schlauch ist zu verwenden, welche Pumpe? Wie muss man sich koordinieren, wie kommunizieren? Die Übungen boten Platz, Fehler zu begehen und wichtige Erkenntnisse mitzunehmen. «Nur so können wir lernen», sagte Page. Und war zufrieden.

Marco Stirnemann, Kdt ZSO Aare Region