palliativ Luzern
Palliative Care: Interprofessionell und vernetzt

Patrizia Kalbermatten
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Der führende Palliative-Care-Mediziner Dr. med. Roland Kunz bei seinem Inputreferat.

Der führende Palliative-Care-Mediziner Dr. med. Roland Kunz bei seinem Inputreferat.

Bild: Gregor Gander-Thuer
(chm)

Hausärztin, Spezialarzt, Spitex, Apothekerin, Therapeutin, Seelsorge… Ein funktionierendes Netzwerk gibt Menschen mit einer lebensbedrohlichen Krankheit Sicherheit. Doch nur durch eine gute Zusammenarbeit lässt sich eine lückenlose Palliative Care realisieren. Zentral dabei: Die Betreuung muss so individuell sein, dass sie den verschiedensten Bedürfnissen jeder Patientin und jedes Patienten gerecht wird.

Palliative Care wird möglichst nahe bei den Menschen erbracht, die sie benötigen. Das bedingt ein interprofessionelles und eingespieltes Behandlungsteam. Auf Einladung von Palliativ Luzern nahmen Ende Oktober Fachpersonen aus verschiedenen Regionen des Kantons an einem Vernetzungsanlass in Hochdorf teil und dachten über eine gelingende Zusammenarbeit nach.

Teamarbeit statt Einzelkämpfer

Der Palliative-Care-Pionier Dr. med. Roland Kunz hielt ein praxisorientiertes Inputreferat. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Facharzt für Geriatrie und Palliativmedizin mit der Frage, welche Unterstützung Patientinnen und Patienten brauchen, wenn die Heilung einer Krankheit kein primäres Ziel mehr darstellt. Eine gute Palliative-Care-Versorgung umfasst für Roland Kunz mehrere Ebenen. Einerseits ist es eine Haltungsfrage: Es gelte zu akzeptieren, dass das Leben endlich und vergänglich ist. Andererseits ist eine hohe Fachkompetenz gefordert. «Noch immer denken viele, Palliative Care sei Kerzchen anzünden und Händchen halten», sagte der Referent provokativ. «Da muss man klarmachen: Es braucht Fachkompetenz – von Symptomlinderung über Kommunikation oder Vorausplanung bis zur Angehörigenbetreuung.» Zudem fordere eine umfassende palliative Betreuung keine einzelnen Spezialisten, «sondern ein Versorgungskonzept mit einem interprofessionellen, vernetzten Behandlungsteam».

Palliative Betreuung braucht Vernetzung

Genau diesen Gedanken verfolgt Palliativ Luzern mit dem Aufbau von regionalen Palliative-Care-Netzwerken. Die Initiative befindet sich in der Umsetzungsphase und will eine noch bessere Zusammenarbeit zwischen Spitex-Organisationen, Pflegeheimen, freiwilligen Besuchsdiensten, Seelsorgenden, Hausärzten und weiteren Involvierten ermöglichen. Als Pilotregion ist das Palliative-Care-Netzwerk Region Sempachersee im April 2022 gestartet. Entsprechende Netzwerke in anderen Regionen des Kantons sind im Aufbau.

Mehr miteinander sprechen

Für Dr. Roland Kunz ist ein gut koordiniertes Versorgungssystem für die betroffene Person zentral. «Ein funktionierendes Netzwerk vermittelt Sicherheit. Und Sicherheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Lebensqualität.» Doch wie arbeitet man in einem Netzwerk zusammen, das fünf, zehn oder noch mehr Berufsgruppen und freiwillige Helfende umfasst? Gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung der jeweiligen Fähigkeiten und ein regelmässiger Informationsaustausch sind zentral. «Wir müssen viel mehr miteinander sprechen, auch wenn mir bewusst ist, dass das eine Ressourcenfrage ist.» Es handle sich jedoch um eine gut investierte Zeit, denn sie garantiere die bestmögliche Betreuung und verhindere unerwünschte Hospitalisationen.

Je früher, desto besser

Bedürfnisse können sich im Verlauf einer Erkrankung ändern. Deshalb sollen sie regelmässig thematisiert werden, rät Kunz. «Man soll mit dem Patienten möglichst früh und immer wieder darüber sprechen, was ihm in seinem Leben noch wichtig ist.» Zu wissen, welche Ziele ein Mensch hat, stelle die Basis der gemeinsamen Arbeit dar. Damit sprach Roland Kunz auch das Thema «Early Palliative Care» an. Er wünscht sich, dass mit der Diagnosestellung einer unheilbaren, lebensbedrohlichen oder chronisch fortschreitenden Krankheit eine Art Tandem-Betreuung startet: Ein Rad für die traditionelle Behandlung der Krankheit, das zweite Rad mit dem Ziel einer guten Symptomkontrolle, einer vorausschauenden Planung, einer koordinierten Versorgung sowie Unterstützung in der Krankheitsbewältigung für die betroffene Person und ihre Familie.

Es gibt noch viel zu tun. Das zeigte das Referat des Palliative-Care-Pioniers und die engagierte Diskussion unter den Fachpersonen eindrücklich auf. Doch dank dem Aufbau der regionalen Palliative-Care-Netzwerke ist der Kanton Luzern auf dem Weg zu einer integrierten Palliative Care einen Schritt weiter – damit Menschen trotz schwerer und lebensbedrohlicher Krankheit ein lebenswertes Leben führen können.