Limmattal

«Eine Eventhalle in Schlieren wäre sinnvoll»

Die Verbindung der beiden Ufer sei wichtig für die Urbanisierung im Limmattal, sagen zwei Experten. In der Entwicklungsstudie der Gruppe Krokodil für das Glattal proklamierten Raphael Frei und Andreas Sonderegger, die Agglomeration müsse Stadt werden

Florian Niedermann
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Andreas Sonderegger (links) und Raphael Frei plädieren dafür, dass in der Fahrweid ein dritter Campus der ETH entstehen soll. Sandra Ardizzone

Andreas Sonderegger (links) und Raphael Frei plädieren dafür, dass in der Fahrweid ein dritter Campus der ETH entstehen soll. Sandra Ardizzone

Nordwestschweiz

Herr Sonderegger, die Gruppe Krokodil vertritt in ihren Schriften die Ansicht, dass Zürichs Zukunft im Glattal liege, nicht im Limmattal. Wie kommen Sie zu dieser Haltung?

Andreas Sonderegger: Eigentlich muss man beide Achsen als zukünftige Entwicklungsgebiete der Stadt Zürich betrachten. Wir sehen sie als gleichwertig an, fokussierten aber auf das Glattal, weil dort noch nicht so viel passiert ist wie im Limmattal.

Die Raumplaner

Andreas Sonderegger und Raphael Frei arbeiten bei pool Architekten und sind Teil der «Gruppe Krokodil». In dieser projektbezogenen Arbeitsgemeinschaft haben sie sich mit Architekten von EM2N, weberbrunner, Roger Boltshauser und Frank Zierau zusammengeschlossen. Ihren Namen entlieh die Gruppe dem gleichnamigen Restaurant an der Langstrasse im Zürcher Kreis 4, in der ihre Sitzungen stattfanden. Die «Gruppe Krokodil» erarbeitete von 2008 bis 2012 eine raumplanerische Studie für das Glattal, die für Furore sorgte. Der Grund: Der Zersiedelung der Agglomeration stellten sie als Gegenkonzept die Verstädterung dieser Räume entgegen. Im Glattal soll ihrer Vision nach eine Grossstadt für rund 400 000 Einwohner entstehen. Doch nicht nur mit dem Raum zwischen Uster und Kloten beschäftigte sich die Gruppe. Auch zur Limmattaler Fahrweid und zum Dietiker Niderfeld erarbeiteten sie raumplanerische Studien. (fni)

Die Studie: «Glatt! Manifest einer Stadt im Werden», Architektengruppe Krokodil, Park Books (2012).

Wie meinen Sie das?

Raphael Frei: Das Limmattal ist bereits weitgehend Stadt. Die Urbanisierungsprozesse sind hier viel weiter fortgeschritten als im Glattal.

Woran liegt das?

Sonderegger: Teilweise liegt es am Willen der Gemeinden, die Siedlungsentwicklung aktiv voranzutreiben. Nicht alle Gemeinden im Glattal stehen dieser Entwicklung gleich positiv gegenüber.

Frei: Wir sind der Meinung, dass das Limmattal historisch eine stärkere gemeinsame Identität aufweist, als das Glattal. Deshalb funktioniert die Kommunikation zwischen den Gemeinden besser, was essenziell ist für eine gemeinsame Entwicklung zur Stadt. Im Limmattal besteht im Gegensatz zum Glattal das Bewusstsein schon lange, dass es nötig ist, den Raum als Ganzheit zu erfassen.

Wo sehen Sie Hindernisse zur weiteren Entwicklung einer Limmatstadt?

Sonderegger: Wichtig für die Zukunft wird es sein, die Gemeinden der rechten Limmatseite mit denjenigen am linken Ufer infrastrukturell stärker zu verbinden. Geroldswil, Oetwil oder Weiningen sind etwa – auch topografisch – untereinander und vom Rest der Siedlungsgebiete im Limmattal teils abgeschottet.

Genau mit dieser Problematik im Bereich der Fahrweid und der Stadt Dietikon setzten Sie sich während einer Gastdozentur an der ETH Zürich von 2010 bis 2012 auseinander. Warum?

Frei: Am Anfang stand die Feststellung, dass das Tal um die Fahrweid herum durch die Verkehrsachsen, das starke Mäandrieren der Limmat und die lockere Besiedlung am stärksten aufgespreizt ist. Dort ist das Problem dieser fehlenden Verbindung zwischen linkem und rechtem Ufer am grössten. Obwohl verkehrstechnisch unglaublich gut erschlossen, befinden sich dort heute nur gerade eine Kiesgrube und ein Golfplatz.

Welche Entwicklungspläne erarbeiteten Sie also für dieses Gebiet mit Ihren Studenten?

Sonderegger: Wir erachten es etwa als idealen Standort für einen dritten Campus der ETH.

Frei: Die Idee ist, dass mit der ETH dort ein starker Player hinziehen würde, der auch als Katalysator für die Siedlungsentwicklung wirken kann. Wir erarbeiteten Konzepte für eine kombinierte Nutzung von Hochschule mit Wohnen, forschungsnahen Unternehmungen und öffentlichen Bereichen. Mit einer Kombination verschiedener Nutzungsarten würde ein neuer, die Limmatufer verbindender Stadtteil entstehen.

Wie sieht eine Verstädterung einer Region nach Ihrer Vorstellung aus?

Sonderegger: Das Wichtigste ist, dass eine vorausschauende Planung existiert, die Entwicklungen vorwegnimmt. Es geht darum, sich Flächen zu sichern, die später wichtige Funktionen übernehmen können – zu verhindern, dass diese blindlings verbaut werden.

Von welchen Funktionen sprechen Sie?

Sonderegger: Aktuell geht es vor allem um Räume für Verkehrsträger. Vernachlässigt werden aber oft öffentliche Freiräume, an denen in vielen verstädterten Gebieten ein grosser Mangel herrscht.

Hätte man also ein Projekt wie die Limmattalbahn viel früher vorausschauend planen müssen, um Widerstand in den Wohnquartieren vorzubeugen?

Frei: Ja, wahrscheinlich hätte sich dieser Widerstand verhindern lassen können.

Sonderegger: Gerangel, das sich um einzelne Streckenabschnitte dreht, ist bei solchen Grossprojekten aber völlig normal.

In Schlieren bekundete die Bevölkerung grosse Mühe mit der Idee, im Stadtzentrum eine Eventhalle zu errichten. Stattdessen forderten Bevölkerungsvertreter eine Erweiterung des Stadtparks. Wäre das sinnvoll?

Frei: Das ist ein zentraler Punkt: Warum soll sich die ganze Infrastruktur, welche Kernstädte wie Zürich und Baden benötigen, in der Stadt selber befinden? Es wäre wünschenswert, wenn eine Eventhalle mittlerer Grösse, die in Zürich schon seit Jahren Thema ist, im Gürtel rund um Zürich entstehen würde. Man sollte der Agglomeration eine eigene Funktion im metropolitanen Raum und damit eine eigene Identität verschaffen.

Damit vertreten Sie die Meinung jener Bevölkerungsteile, die sich eine Urbanisierung ihrer Stadt wünschen. Im Glatttal kritisierten bewahrende Stimmen, dass Sie am Willen der Bevölkerung vorbeiplanen. Was sagen Sie dazu?

Frei: Man muss diese Studie zum Glattal als das nehmen, was sie ist: Eine Abbildung von Entwicklungen und eine Auflistung von Möglichkeiten, um eine qualitativ bessere Entwicklung zu erreichen. Diese Skizze wird als Ganzes niemals so umgesetzt. Was wir aber eigentlich damit beabsichtigten, war, dass man die Rolle der Agglomeration gegenüber der Kernstadt zu hinterfragen beginnt.

Warum ist das nötig?

Frei: Der Status quo führt zu einem anonymen Siedlungsteppich, weil viel aber ohne Konzept gebaut wird. Unsere Idee sieht für Agglomerationsräume polyzentrische Strukturen vor. So haben auch alte dörfliche Identitäten ihren Platz.

Das bedingt eine verstärkte Zusammenarbeit der einzelnen Gemeinden. Oder sind gar Fusionen nötig?

Frei: Es muss nicht zwingend auf eine politische Grossgemeinde hinauslaufen. Oft genügt eine verstärkte Koordination über die Gemeindegrenzen hinweg.

Sonderegger: Gemeindefusionen sind vielerorts ein rotes Tuch und nicht notwendig. Dorfmentalitäten können und müssen nicht verschwinden. Aber man muss eine Offenheit dafür entwickeln, Teil von etwas Grösserem zu werden.

Diese Zusammenarbeit ist im Limmattal nicht so offensichtlich.

Frei: Der Unterschied dieser Gebiete zu den Kernstädten ist, dass noch keine verbindliche Entwicklungs- und Planungsinstanz besteht, die übergeordnete Fragen klärt. Dazu müsste eine Art kantonales Stadtplanungsamt für das ganze Limmattal geschaffen werden.

Es gibt die Zürcher Planungsgruppe Limmattal.

Sonderegger: Richtig. Und ich gehe davon aus, dass diese ihre Aktivität derzeit verstärkt. Es braucht viel, um alle Gemeinden dazu zu bewegen, am gleichen Strick zu ziehen. Dass aber etwa das Potenzial eines Gebiets wie der Fahrweid nicht erkannt worden ist, muss man der kantonalen Richtplanung vorwerfen.

Auch für das Dietiker Niderfeld erarbeiteten Sie einen Entwicklungsvorschlag. Wie sah Ihre Vision aus?

Sonderegger: Wir fanden, dass entlang der Limmattalbahn eine Stadt mit einer Gemischtnutzung von Gewerbe, Wohneinheiten und öffentlicher Infrastruktur entstehen soll. In dichten, urbanen Strukturen sollten einzelne kleine Parkanlagen Freiflächen bieten.

Ihr Vorschlag wird aber nicht umgesetzt.

Sonderegger: Nein, vorgesehen sind nun eher nutzungsreine Gebiete, also Wohnzonen und Arbeitszonen, mit einer Dichte, die wir als zu niedrig empfinden. Dazu ist meines Wissens ein grosser zentraler Park geplant. Diesen Ansatz finden wir an dieser Stelle als wenig geeignet.

Warum?

Sonderegger: Reine Arbeitszonen bilden Gebiete, die nachts dunkel und unbelebt sind. Das steht dem Gedanken urbaner Entwicklung konträr entgegen.

Sie finanzieren Ihre Raumstudien oft selbst. Diese werden aber nie so umgesetzt, wie Sie sie angedacht haben. Woher kommt die Motivation dazu?

Sonderegger: Man darf solche Idealpläne nicht mit dem Anspruch verbinden, dass sie 1:1 umgesetzt werden. Sie bilden eine recht hohe Messlatte. Für alle, die in diesen Räumen mit Raumplanung zu tun haben, sind unsere Studien aber zu einer wichtigen Vergleichsgrösse geworden. Und wir kritisierten damit den Zustand, dass Gemeinden zu sehr in ihrem eigenen Gärtchen planen, statt mit ihren Nachbarn die Zukunft vorzuspuren.

Doch was haben Sie selbst davon?

Frei: Uns ging es auch um eine Recherche: darum, unsere Kenntnisse in grossräumigen Planungen zu erweitern. Eigentlich handelte es sich also um eine selbst finanzierte Weiterbildung.