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Mit dieser Plattform lassen sich lästige Alltagsaufgaben einfach an andere Personen abschieben

Die Zürcherin Johanna Herbst will mit ihrer Plattform Delygate die Möglichkeit geben, einfacher zu delegieren.

Lydia Lippuner
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Mühsame Hausarbeiten wie Einkaufen gehen oder Wäsche waschen können mithilfe der Internet-Plattform Delygate an Interessenten übertragen werden. (Symbolbild)

Mühsame Hausarbeiten wie Einkaufen gehen oder Wäsche waschen können mithilfe der Internet-Plattform Delygate an Interessenten übertragen werden. (Symbolbild)

Keystone

Wenn es um das Delegieren geht, sei sie ja die Schlimmste gewesen. «Ich wollte alles selber machen», sagt Johanna Herbst. Doch irgendwann merkte die ehemalige Managerin aus Zürich, dass sich das weder lohnte, noch wirklich praktikabel war. Spätestens dann, als sie ein zwei Meter langes Tablar an die Wand schrauben wollte, fehlte ihr mindestens eine Hand. Da merkte Herbst, dass sie wirklich Unterstützung braucht. «Ich zeigte mir den virtuellen Vogel», sagt sie. So entstand die Idee von Delygate.

Mittels dieser Plattform sollen Anbieter, sogenannte Tasker, mit Hilfesuchenden, den Delygators, zusammengebracht werden. Herbst gründete die Plattform vor einem Jahr. Bisher sind bereits über 750 Tasker registriert. Das Projekt wurde in seinen Anfängen von der Fachhochschule Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) unterstützt. Das Ziel ist, dass die Leute schliesslich mehr Zeit für die Dinge zur Verfügung haben, die sie gerne tun. «Mittels Delygate kann jeder das tun, worin er wirklich gut ist», sagt Herbst. Deshalb sei die Plattform auch für alles zu gebrauchen. «Sie ist sozusagen die digitale Umsetzung der Zeitungsannoncen». 20 Prozent des Zahlungsbetrags falle schliesslich als Provision für die Betreiber der Plattform an. Das Praktische an der Website sei überdies, dass die Anzeige sehr individuell sei: Ort, Zeit, Preis und Produkt bestimmt der Delygator, der die Tätigkeit in Auftrag gibt. Somit ist alles, ob Umziehen, Fensterputzen, Bewerbung schreiben oder an der Schlange anstehen, delegierbar. Doch wieso sollte man das nicht selbst erledigen? «Because you can», ist die simple Antwort, die unter dem Logo auf der Website zu lesen ist.

Der Kuchen soll grösser werden

Den Vorwurf, dass sie mit der «Allzweck-Plattform» auch Handwerkern ihren Job streitig machen könnte, lässt Herbst nicht gelten. «Bei Delygate werden vor allem Jobs delegiert, die man sonst selbst gemacht hätte.» Die Plattform mache den Kuchen der Anfragen einfach grösser, da dadurch die Hemmschwelle sinke, einfache Arbeiten abzugeben. Die Plattform richtet sich auch an Expats, die in der Schweiz noch kein grosses Netzwerk an Freunden haben. «Viele wissen nicht, wohin sie ihre Alltagsarbeiten delegieren können», sagt Herbst. Die Schweizer, die ihr ganzes Leben an einem Ort gelebt hätten, seien weniger mit dem Problem konfrontiert.

Die Zeit, die Frauen für unbezahlte Aufgaben brauchen, sollten sie besser in ihre Karriere investieren.

(Quelle: Johanna Herbst, Gründerin von Delygate)

Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) leisteten Frauen 2017 gut 61 Prozent der unbezahlten Arbeit. Kinderbetreuung und Haushalt machen davon immer noch den grössten Anteil aus. Herbst möchte mit Delygate Frauen die Chance geben, wieder aufzuatmen und sich auf eigene Projekte zu fokussieren. «Die Zeit, die Frauen für unbezahlte Aufgaben brauchen, sollten sie besser in ihre Karriere investieren», so Herbst.

Denn laut dem BFS arbeiten sechs von zehn Frauen Teilzeit. Das kann auch ihrer Karriere schaden. «Die meisten Chefs ziehen eine Vollzeitarbeitende einer Teilzeitarbeitenden vor», sagt Herbst. Mittels Delegieren hätten diese Frauen mehr Kapazität, um sich noch besser auf ihren Beruf zu konzentrieren.

Es liegt in der Familie

Herbst arbeitete während zwölf Jahren vollzeitlich in ihren Beruf als Managerin in verschiedenen Positionen. Sie schloss ihren Master in Business Admistration an der Stern School of Business an der New York University ab. Nach einigen Jahren Arbeit und einem Studium in den USA, Frankreich, Deutschland und der Schweiz, gründete sie ihre eigene Aktiengesellschaft: Delygate.

Auch wenn Herbst lange an einen festen Job gebunden war, war sie nicht ganz unvorbereitet auf das Leben als Selbstständige. «Mein Vater hatte ein eigenes Geschäft.» So sei sie bereits in jungen Jahren darauf sensibilisiert worden, was es heisst, auf sich selbst gestellt zu sein. Trotzdem sei sie das Projekt mit einer gewissen Naivität angegangen. Das sei anfangs auch sehr nötig gewesen, um Schwung und Motivation zu erhalten. «Ich habe viel gelernt und konnte mich stark weiterentwickeln», sagt sie. Gerade in dieser neuen Phase musste sie vieles delegieren. In den Anfangsmonaten führte sie die Delygate AG im Alleingang. Dazu brauchte sie immer wieder fremde Hilfe, etwa von IT- oder Designspezialisten.

Mittlerweile unterstützen zwei Praktikantinnen das Projekt. Denn seit Januar, als die Plattform aufgeschaltet wurde, hat sich die Arbeit vervielfacht. Auch wenn das Projekt momentan viel Aufmerksamkeit verlangt, ist Herbst froh, dass sie ihre Zeit nun selbst einteilen kann. «Die Freiheit, die ich nun habe, ist klasse», sagt sie. Beispielsweise könne sie immer dann Sport machen, wenn es ihr am besten passt. Von Überstunden hält sie nicht viel. «Ich glaube nicht, dass man nach acht Stunden konzentriert arbeiten noch effizient ist», sagt sie. Mit ihrer Ansicht, dass man alles delegieren kann, eckt Herbst auch an. Das merkte sie beispielsweise, als sie einige ihrer neuen Nachbarn fragte, ob diese eine Putzfrau für ihre Wohnung kennen. Da gaben ihr die Angefragten unumwunden zu verstehen: «Deine Wohnung könnte ich dir ja auch noch schnell putzen.» Doch es gehe ihr gar nicht darum, abzustreiten, was man alles noch könnte. Das Wichtige sei, seine Zeit für das einzusetzen, was man am besten könne.