Evakuation

Bezirksgebäude Dietikon: Auch im Ernstfall bleiben Häftlinge in der Zelle

Marcel Schabegg wird in Kürze einen Brand verursachen. Auch wenn es sich um einen fiktiven Brand handelt, sind die Mienen der Zuschauer – Beobachter von unterschiedlichen kantonalen Stellen – ernst.

Alex Rudolf
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Uwe Müller-Gauss instruiert die externen Beobachter
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Im Eingangsbereich warten die Verantwortlichen auf das Feuersignal
Währenddessen versucht Marcel Schabegg im ersten Obergeschoss mit Gas einen Feueralarm auszulösen - Die Büroangestellte lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen
Auch im angrenzenden Lagerraum reagiert der Feueralarm nicht auf das austretende Gas
Der mit der Organisation der Übung beauftragte Müller-Gauss schreitet nun selber zur Tat
Die ersten Angestellten finden sich in den Gängen ein
Bruno Amaker ist bei dieser Übung für die Koordination der Sicherheitsbeauftragten verantwortlich
Gemächlich verlassen die ersten das Bezirksgebäude
Dass es sich um eine Übung handelt, beschleunigt das Fluchttempo nicht
Evakuationsübung im Bezirksgebäude Dietikon
Die Sicherheitsbeauftragten treffen sich, um sich über den Stand der Evakuation abzusprechen
Die letzten werden bald eintreffen
Das Bezirksgebäude ist leer
Alle Räume, die nach Personen abgesucht worden sind, erhalten an der Türklinke dieses Schild
Am Sammelplatz an der Kirchstrasse lobt Adrian Leimgrübler die Leistung aller Beteiligter

Uwe Müller-Gauss instruiert die externen Beobachter

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Der Verantwortliche für den Unterhalt und die Technik des Bezirksgebäudes in Dietikon hält eine rund drei Meter lange Stange, an deren anderem Ende ein Gasversprüher befestigt ist. Diesen hält Schabegg an einen der Rauchmelder in der ersten Etage. 20 Sekunden später geschieht nichts. «Wir sollten den Feuermelder in einem anderen Raum aktivieren», sagt Uwe Müller-Gauss, der mit der Organisation der Übung beauftragte Fachmann. «Ja. Wir gehen in den Kopierraum», rät Adrian Leimgrübler, Bezirksratspräsident, Statthalter und Sicherheitsbeauftragte. Dort angelangt gibt auch der dortige Feuermelder unter intensiver Begasung keinen Pieps von sich. Am Briefgas kann es nicht liegen, denn der Raum wird nach und nach von einem unangenehmen Geruch erfüllt. Nun nimmt Müller-Gauss die Sache selber in die Hand und aktiviert den Handalarm im grosszügigen Gang, worauf die Sirene startet und sich die ersten ungläubigen Gesichter hinter den Türrahmen hervortrauen: «Brännts da öppe?»

Eine ziemlich simple Übung

Rund eine Stunde zuvor fanden sich die externen Beobachter der Übung ein. Die weissen Vesten, die sie während der Übung als solche kennzeichnen werden, sind bereits bei ihrem Eintreffen auf der Stuhllehne platziert. «Nun werden sie vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben eine weisse Veste haben», scherzt Übungsleiter Müller-Gauss, um danach über den genauen Ablauf der Übung zu informieren. Ziel ist es, das Gebäude innerhalb von zehn Minuten gänzlich zu räumen. Man gibt sich zuversichtlich, dieses Ziel zu erreichen, denn die neun Sicherheitsbeauftragten und 16 Evakuierungshelfer unter den rund 100 Mitarbeitenden im Gebäude durchliefen erst im Januar ein Training. Damals studierte man das Sicherheitskonzept ein.

Vor vier Jahren wurde das Bezirksgebäude in Betrieb genommen, es sei also höchste Zeit, das Sicherheitskonzept zu testen, so Leimgrübler. Es gehe darum, grundsätzliche Mängel zueruieren, damit diese ausgemerzt werden könnten, sagt er weiter. «Diese Übung ist eine relativ simple, denn es werden weder Ausgänge gesperrt, noch wird Rauch produziert», ergänzt Müller-Gauss.

Einige Minuten sind vergangen. In diesen sputeten die Sicherheitsbeauftragten in den Eingangsbereich, wo Bruno Amacker bereits wartete. Der stellvertretende Gerichtspräsident ist heute hausintern für den Ablauf verantwortlich, er erteilt die Aufträge. Nachdem der Brand identifiziert ist, gab ein Sicherheitsbeauftragter via Funk den Befehl zur Räumung. Diese Nachricht verbreitet sich in Windeseile in die verschiedenen Abteilungen. Nach und nach verlassen die Angestellten des Bezirksrats, der Staatsanwaltschaft und der Regionalabteilung der Kantonspolizei das Gebäude, hinaus in den strömenden Regen. Ziel ist die Kreuzung Merkur- Kirchstrasse, der Sammelplatz.

Die gestrige Übung war unangekündigt, beinahe niemand wusste davon. Beinahe: «Das Bezirksgericht war informiert, sodass dieses keine wichtige Verhandlung auf diesen Zeitpunkt legen würde», so Leimgrübler. Auch die Gefängnisleitung war von der Übung in Kenntnis gesetzt. Dies aber aus einem anderen Grund. «Gefängnisse werden nicht evakuiert. Sie sind als einzelne Brandzellen konzipiert, die Bränden bis zum Eintreffen der Feuerwehr standhalten müssen», so Leimgrübler weiter. So werden Häftlinge nie die Gelegenheit haben, während eines Brandes oder einer Übung die Flucht zu ergreifen. Alle anderen standen ziemlich exakt neun Minuten nach dem manuellen Feueralarm an der Kirchstrasse.

Bei der anschliessenden Nachbesprechung sammeln die Beobachter ihre Kritik am Ablauf der Übung. Einige Angestellte seien vor dem Eingang stehen geblieben, weil sie nicht in den Regen wollten. Andere hätten lange gebraucht, um zu realisieren, ob und wie sie überhaupt das Gebäude verlassen müssten. Und die Feuermelder im ersten Obergeschoss wurden thematisiert: «Diese sind auf dem neusten Stand. Nun gilt es abzuklären, was da schiefging», so Leimgrübler.