Geroldswil

Denkmalschutz verhindert Grill

Plötzlich erfährt die Reformierte Kirchenpflege: Sie kann die geplante Sanierung nicht vorantreiben. Der Grund: Der Kanton hat das Dorfzentrum ins Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen.

Alex Rudolf
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Geht es nach der kantonalen Denkmalpflege, ist das Geroldswiler Dorfzentrum Zeuge einer vergangenen Epoche. Foto: Dominik Kobelt

Geht es nach der kantonalen Denkmalpflege, ist das Geroldswiler Dorfzentrum Zeuge einer vergangenen Epoche. Foto: Dominik Kobelt

Eigentlich hätten im Innenhof des reformierten Kirchzentrums in Geroldswil bald Grillfeste stattfinden sollen. Damit wird jedoch vorerst nichts. Simon Plüer, Präsident der evangelisch-reformierten Kirchenpflege, verkündet an der Kreisgemeindeversammlung die Nachricht, dass ein Teil der Sanierungs- und Aufwertungsarbeiten verschoben werden muss – oder sogar wegfallen könnte. Wie lange man im Ungewissen bleibe, sei nicht abschätzbar.

Dabei war bereits alles aufgegleist. Plüer erwartete keine Probleme, da bereits andere Liegenschaften des Ensembles aus den frühen 1970er Jahren rund um den Geroldswiler Dorfkern Sanierungsarbeiten hinter sich haben. Am reformierten Kirchenzentrum wurde jedoch erst das Dach erneuert und dringende feuerpolizeiliche Massnahmen umgesetzt. Mehr nicht. «Der grösste Handlungsbedarf besteht aktuell im wärmetechnischen Bereich, wo Fenster, Kellerdecke und Aussenwärmedämmung den Minimalanforderungen nicht mehr entsprechen und hohe Energiekosten verursachen», schrieb der Liegenschaftsvorstand Peter Vögelin Anfang dieses Jahres im Vorfeld zur Kreditabstimmung in der Kirchenzeitung.

Simon Plüer, Präsident der evangelisch-reformierten Kirchenpflege

Simon Plüer, Präsident der evangelisch-reformierten Kirchenpflege

Limmattaler Zeitung

Um die nötigen finanziellen Mittel zu generieren, verkaufte die Kirchgemeinde gar ihr Mehrfamilienhaus an der Poststrasse. Mit diesem Geld konnte die erste Bauetappe für rund 480 000 Franken geplant werden. In dieser sollte der Innenhof saniert, neu aufgebaut und die Oberlichter des Kirchenraums ersetzt werden. Da die unter dem Hof gelegene Kellerdecke nicht mehr dicht – der Boden daher vollkommen durchnässt und mit Wurzeln durchsetzt – ist wurden die Arbeiten als dringen bewertet.

Doch dann, eine Woche vor der Vergabe der Arbeiten, erreichte die Kirchenpflege eine Mitteilung vom Kanton. Genauer von der kantonalen Denkmalpflege. Das Geroldswiler Zentrum sei als Schutzobjekt ins Inventar von überkommunaler Bedeutung aufgenommen worden. Alle geplanten Bauarbeiten seien der Denkmalpflege zur Genehmigung vorzulegen, so Plüer.

Geroldswil ist ein Spezialfall

Die kantonale Denkmalpflege listet in ihrem Inventar der Denkmalschutzobjekte Bauten auf, «die aufgrund ihrer geschichtlichen oder baukünstlerischen Bedeutung wichtige Zeugen vergangener Epochen sind», heisst es auf deren Website. Seit 2013 ist das Amt dabei, das Inventar für das Limmattal sowie das Furttal zu revidieren.

Veröffentlicht wird dieses erst nach 2017, nachdem alle Zürcher Regionen überarbeitet und festgesetzt sind. Im kommenden Spätherbst können die Limmattaler und Furttaler Gemeinden, in denen Bauten neu ins Inventar aufgenommen wurden, dazu Stellung nehmen. «Soweit fachlich vertretbar, werden diese Reaktionen berücksichtigt», sagt Giusto Aurora, Leiter Inventarisation der Denkmalpflege.

Warum Geroldswil bereits so viel früher als die anderen Limmattaler Gemeinden vom Fluch oder Segen «Inventarisierung» erfuhr, hängt mit dem Vorhaben der reformierten Kirche zusammen. «Andere Limmattaler und Furttaler Gemeinden erfahren erst im Herbst mit der Verteilung der Inventarblätter, ob bei ihnen neue Objekte hinzugekommen sind», sagt Aurora. So habe man in Geroldswil verhindern wollen, dass Massnahmen ergriffen werden, die das Bauwerk als Zeitzeuge beeinträchtigen.

Für Simon Plüer ist dies ein Ärgernis. Zwar erlaubt der Kanton Arbeiten, die das Erscheinungsbild des Baus nicht verändern – die Sanierung der Kellerdecke im Innenhof und die Abdichtung der Fenster wären somit erlaubt. Der neue Aufbau mit geplanter Feuerstelle sowie Steinbank, sind voraussichtlich nicht mehr erlaubt. «Da wir dies nun nicht machen dürfen, legen wir die Sanierungsarbeiten im Innenhof vorerst auf Eis», so Plüer. Die 295 000 Franken, die für die Aufwertung des Innenhofs hätten ausgegeben werden sollen, bleiben nun vorerst auf dem Konto. Anders sieht es bei den Oberfenstern aus. Diese werden für 175 000 Franken ersetzt.

«Nicht nur die reformierte Kirche ist von der Inventarisierung betroffen», fügt Plüer an. Die katholische Kirche, die Post, zwei Wohngenossenschaften und die politische Gemeinde besitzen Liegenschaften im Zentrum. Laut Plüer hätten sich einige Grundbesitzer bereits zu einer Lagebesprechung getroffen. Eines der prominentesten Bauvorhaben im Zentrum dürfte das Hotel Geroldswil sein. Da der Pachtvertrag mit dem Betreiber bereits 2017 und nicht wie angenommen im Jahr 2022 ausläuft, muss sich die Liegenschaftsbesitzerin, die politische Gemeinde, Gedanken darüber machen, was damit geschieht. Die Erstellung von Alterswohnungen ist geplant. Inwiefern dies mit der Inventarisierung vereinbar ist, dazu nimmt die Gemeinde derzeit keine Stellung.