Schlieren

«Ein Rückschlag für die Integration»: Gemeinderat spricht sich gegen muslimische Gräber aus

Gemeinderätin Rixhil Agusi-Aljili lässt sich nicht davon entmutigen, dass sich der Gemeinderat 2016 bereits zum zweiten Mal gegen muslimische Gräber entschieden hat.

Thomas Mathis
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Die Sozialdemokratin Rixhil Agusi-Aljili ist überzeugt, dass in Schlieren eines Tages getrennte muslimische Gräber eingerichtet werden.Thomas Mathis

Die Sozialdemokratin Rixhil Agusi-Aljili ist überzeugt, dass in Schlieren eines Tages getrennte muslimische Gräber eingerichtet werden.Thomas Mathis

Thomas Mathis

In Winterthur und Zürich sind separate Grabfelder für Muslime längst Standard. Schlieren konnte sich dieses Jahr nicht dazu durchringen. «Ich fühle mich hier nicht willkommen, wenn ich sehe, dass andere Gemeinden ohne grössere Diskussionen räumlich abgetrennte Gräber für Muslime einrichten», sagt Gemeinderätin Rixhil Agusi-Aljili. Viele Muslime aus Schlieren seien enttäuscht über diesen Entscheid. Sie hätten sich den hiesigen Gebräuchen in weiten Teilen angepasst, seien aber nicht berechtigt, diese kleine Geste zu verlangen.

Nachdem der Gemeinderat ein separates muslimisches Grabfeld 2013 aus der überarbeiteten Friedhofsverordnung gestrichen hatte, stellte Agusis Parteikollegin Leila Drobi dieses Jahr den Antrag, sie doch noch in die Verordnung aufzunehmen. Der Gemeinderat erteilte diesem an seiner Sitzung im Mai aber eine deutliche Abfuhr. «Unser Anliegen ist kaum diskutiert worden», kritisiert Agusi. Die Meinungsbildung habe bereits 2013 stattgefunden. Obwohl sie geahnt habe, dass der Antrag nicht auf eine breite Zustimmung stossen werde, wollte sie ein Zeichen setzen: «Dieses Thema ist und bleibt aktuell und wichtig.»

Die Akzeptanz für ein muslimisches Grabfeld sei von Anfang an nicht da gewesen, sagt Agusi. Nicht aus Kostengründen oder mangelnder Nachfrage sei die Vorlage abgelehnt worden, sondern aufgrund eines harten Vorwurfs: Der Wunsch nach abgetrennten Gräbern offenbare mangelnde Integrationsbereitschaft. Sie verstehe dieses Argument auch über ein halbes Jahr nach dem Entscheid noch nicht, sagt Agusi. Sie empfinde den Entscheid im Gegenteil als Rückschlag für die Integration.

Trennung religiös geboten

Muslime würden sich in Schlieren zu Hause fühlen, Steuern bezahlen, sich engagieren. Viele hätten auch christliche Freunde, sagt Agusi. Da sei es nicht tolerant, wenn der Wunsch von Verstorbenen kategorisch abgelehnt wird. Es schade der Integration, wenn Schlieren kein Entgegenkommen zeigt. Die räumliche Trennung sei vom Glauben her geboten und werde seit Jahrhunderten auch innerhalb christlicher Gemeinschaften praktiziert, gibt sie zu bedenken.

Heute lassen sich viele Muslime im Heimatland bestatten, weil sie dort verwurzelt sind. «Die nachfolgenden Generationen wollen sich hier bestatten lassen, weil sie hier geboren wurden und hier gelebt haben. Auch ich möchte mich in der Schweiz beerdigen lassen, um meiner Tochter nahe zu sein», sagt die 30-jährige Mutter. Es kommt für sie aber nicht infrage, sich nicht religionskonform bestatten zu lassen.

Nicht nur als Muslimin sind Agusi die getrennten Gräber wichtig. Wo sie kann, setzt sie sich für soziale Anliegen ein. «Alle sollen etwas vom Kuchen erhalten», sagt sie. Als Vertreterin der Schlieremer Bevölkerung sei es auch ihre Aufgabe, sich für die Muslime in der Stadt starkzumachen. Auf die Unterstützung ihrer Fraktion könne sie dabei stets zählen.

Irgendwann wird auch in Schlieren ein muslimisches Grabfeld eingerichtet werden, ist Agusi überzeugt. Der Wunsch nach einer religionskonformen Bestattung sei mehr als berechtigt. Vorerst müsse allerdings etwas Gras über die Sache wachsen. Wenn die Zeit reif ist und die Nachfrage nach muslimischen Gräbern weiterhin steigt, werde sie wieder einen Anlauf nehmen, verspricht Agusi.