Prävention

Handysucht ist auf dem Vormarsch – auch im Limmattal

Die Medienabhängigkeit nimmt zu: Auch die Suchtberatung und -prävention im Limmattal ist gefordert.

Tabea Wullschleger
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Das Smartphone stets zur Hand: Medienabhängigkeit nimmt auch im Limmattal zu.

Das Smartphone stets zur Hand: Medienabhängigkeit nimmt auch im Limmattal zu.

Zur Verfügung gestellt

Wird über Suchtberatung gesprochen, wird zuerst an die bekanntesten Süchte wie Alkohol- und Drogensucht gedacht. Diese Gebiete machen einen grossen Teil der Arbeit der Suchtberatung im Bezirk Dietikon aus. In den vergangenen Jahren ist aber ein neues Feld stark am Wachsen, wie Regina Burri, Fachpsychologin für Psychotherapie und Leiterin der Suchtberatung, sagt: «Wir stellen ganz eindeutig eine Zunahme von Problemen bei der Mediennutzung fest, vor allem bei jungen und sehr jungen Leuten.»

Probleme bei der Nutzung von Computer und Handy können vielfältig sein, genauso wie die daraus resultierenden Süchte. In extremen Fällen setzen sich Online-Games-Süchtige mit Windeln und einem Vorrat an Essen und Trinken vor den Computer, um tagelang durchhalten zu können. Doch nicht jede Person, die ein Suchtverhalten zeigt, kommt an diesen Punkt: Gerade die exzessive Beschäftigung mit sozialen Netzwerken und die ständige Kontrolle derselben über das Handy ist sehr gut im alltäglichen Leben zu verstecken. Das eigene Nonstop-Verfügbar-Sein kann aber durchaus zu einem Zwang werden, der zur Belastung für alle Lebensbereiche wird.

«Wir stellen ganz eindeutig eine Zunahme von Problemen bei der Mediennutzung fest.» Regina Burri, Fachpsychologin für Psychotherapie und Leiterin der Suchtberatung im Bezirk Dietikon

«Wir stellen ganz eindeutig eine Zunahme von Problemen bei der Mediennutzung fest.» Regina Burri, Fachpsychologin für Psychotherapie und Leiterin der Suchtberatung im Bezirk Dietikon

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Soziale Netzwerke machen süchtig

Untersuchungen aus Deutschland zeigen, dass Medienabhängigkeiten ein ernst zu nehmendes Problem sind: 1,5 Prozent der 14 bis 64-Jährigen haben Suchtprobleme auf diesem Gebiet; bei den Jugendlichen von 14 bis 16 Jahren sind es gar 4 Prozent. Gerade die dauerhafte Verfügbarkeit mit Computer, Tablet und Smartphone, sowie auch die gesellschaftliche Akzeptanz (im Gegensatz zu harten Drogen ist der Mediengebrauch kaum staatlich reguliert) vereinfachen die Entstehung von Suchtverhalten. Neben der Sucht nach Spielen und der nach Cybersex, also Pornografie, können auch soziale Netzwerke abhängig machen. Dies eröffnet ein Feld für Mädchen: Viele entwickeln hier Abhängigkeiten, bei denen ansonsten keine Sucht entstanden wäre, da die Hemmschwelle in anderen Gefahrenzonen zu hoch ist.

Im Limmattal wird auf verschiedene Arten auf die steigende Zahl an Medienabhängigkeiten reagiert. Die Suchtberatung etwa informiert seit mehr als zehn Jahren auf ihrer Homepage über die Möglichkeit der Internetsucht; aktuell ist in internen Informationsanlässen die Handysucht und die generelle Mediennutzung verstärkt ein Thema. So hielt beispielsweise die Expertin Dr. Isabel Englert von der Fachklinik St. Marienstift in Deutschland auf Einladung der Suchtberatung einen Vortrag, der sich an sämtliche Vernetzungspartner der Sozialdienste Limmattal richtete.

Zu diesen gehört auch die Suchtpräventionsstelle der Bezirke Affoltern und Dietikon, die mit ihrem Bildungsangebot Eltern im Umgang mit digitalen Medien sensibilisiert: «Die Nutzung von Medien und Internet gehört zum heutigen Alltag und ist auch nicht nur schlecht. Wichtig ist einfach, dass eine Medienkompetenz vorhanden ist, dass es also ein Bewusstsein für die Chancen und Gefahren gibt», erklärt Maya Kipfer vom Ressort Schule der Suchtpräventionsstelle. Die Leiterin der Stelle, Cathy Caviezel, betont, dass der gesamte Medienkonsum angeschaut werden müsse, da viele Geräte heute von überall her aufs Internet zugreifen können. «Gefährlich ist es auch, wenn Eltern das Feld gänzlich ihren Kindern überlassen, weil sie das Gefühl haben, diese wüssten besser Bescheid im Umgang mit Smartphone und Computer», so Caviezel.

Angehörige suchen Hilfe

Bis Eltern einmal sagen «so nicht, das ist zu viel», vergeht oft mehr Zeit als beispielsweise beim Missbrauch von Alkohol oder Cannabis. Dennoch sind es in erster Linie die Angehörigen, die Hilfe suchen, wie Regina Burri erklärt. «Die Betroffenen verspüren lange Zeit gar keinen Leidensdruck. Sie haben oft das Gefühl, völlig im Rahmen zu sein, da alle anderen ja die gleichen Medien nutzen.»

Burri, die die Leitung der Suchtberatungsstelle ab Oktober an die Psychotherapeutin Franziska Wetzel übergeben wird, betont, dass es durchaus Therapieansätze gebe. Ziel ist, eine partielle Abstinenz zu erarbeiten und eine grundsätzliche Medienkompetenz aufzubauen. Ebenfalls erfolgsversprechend ist die Unterstützung der Angehörigen, damit diese positiv auf die Betroffenen einwirken und eine Änderung oder Behandlung initiieren können.