Dietikon
«Singen ist Therapie»: Hans Reusser ist seit 50 Jahren Stadt-Jodler

Ein Bier nach der Probe, Kameradschaft und ein sicherer Hafen nach einem Schicksalsschlag: Die Stadt-Jodler Dietikon sind für den 82-jährigen Hans Reusser wie eine zweite Familie.

Sharleen Wüest
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Diesen Hut hat Hans Reusser bereits, seit er 16 Jahre alt ist.

Diesen Hut hat Hans Reusser bereits, seit er 16 Jahre alt ist.

Alex Spichale

Hans «Housi» Reusser sitzt in seinem Wohnzimmer, lächelt für die Kamera. Da fällt ihm ein: «Mein Hut.» Und was für ein Hut zum Vorschein kommt. Er ist braun, gemacht aus Filz – eigentlich ganz dezent. Nur ist er geschmückt. Ganze 34 Plaketten zieren ihn, fünf balancieren bloss obendrauf. Platz hat es für sie nämlich keinen mehr. «Ich habe eine Plakette von jedem Jodlerfest, an dem ich teilgenommen habe», sagt Reusser. Er dreht den Hut in seinen Händen, scheint etwas zu suchen. Gefunden. «Diese hier ist vom Nordostschweizer Jodlerfest 1995», sagt er. «Es hat in Dietikon stattgefunden.»

Ein spezieller Moment für ihn. Denn der 82-Jährige ist seit 50 Jahren Mitglied bei den Stadt-Jodlern Dietikon. An den Sommer 1995 erinnert er sich gut, aber zuerst will er von vorne beginnen.

Von den Kühen zum Jodeln

Reusser ist nämlich kein Limmattaler. Er ist Berner. Als Bub einer Bauernfamilie aufgewachsen. Besonders musikalisch sei seine Familie nie gewesen – er auch nicht. Ausser, wenn die Kühe seiner Familie gemolken wurden. «Unser Melker war ein Jodler», sagt Reusser. Er selbst – damals 13 Jahre alt – wollte beim Melken der Kühe immer mithelfen.

«Er hat mir das Jodeln beigebracht und wir haben ständig miteinander gejodelt.»

Daraufhin nahm der Melker ihn in seinen Jodlerverein mit. «Ich konnte zuschauen. Es hat mir unglaublich gut gefallen.» Mit 16 wurde er Mitglied – und erhielt seine erste Tracht. Und der Hut, den er jetzt in den Händen hält? «Das war mein erster Jodlerhut.»

Der Hut trägt viele seiner Erinnerungen.

Der Hut trägt viele seiner Erinnerungen.

Alex Spichale

Kurz darauf hörte er aus schulischen Gründen im Verein auf. «Zwei Jahre später konnte ich nicht mehr jodeln», sagt er. Aber singen, das konnte er noch. Und tat er auch. Im Militär. «Ich war Wachtmeister bei der Kavallerie. Innerhalb der Einheit hatten wir einen eigenen Chor.»

Bis er wieder einem Jodlerverein beitrat, sollte es noch ein paar Jahre dauern. In der Zwischenzeit zog er mit seiner Frau nach Dietikon. Wechselte von der Landwirtschaft zur Fotografie und lernte in seinem neuen Betrieb einen Freund kennen, der ein «Nein» – glücklicherweise – nicht akzeptierte. «Dieser Freund war bei den Stadt-Jodlern Dietikon Mitglied und hat mich sozusagen mitgeschleikt», sagt Reusser. Das war im Jahr 1972. Einmal in der Probe angekommen, war für ihn klar: Er wollte bleiben.

Die Stadt-Jodler am 18. Eidgenössischen Jodlerfest in Burgdorf im Juli 1981. Hans Reusser ist im Bild in der hinteren Reihe der Fünfte von links.

Die Stadt-Jodler am 18. Eidgenössischen Jodlerfest in Burgdorf im Juli 1981. Hans Reusser ist im Bild in der hinteren Reihe der Fünfte von links.

zvg

Fing er damals wieder mit dem Jodeln an? «Nein, ich bin als Begleitsänger bei den Stadt-Jodlern», sagt Reusser. «In einem Jodelverein sind die meisten Mitglieder nämlich Sänger und keine klassischen Jodler.» Zudem war er während ungefähr 20 Jahren Vizedirigent und stimmte bei Auftritten an.

Er erzählt von verschiedenen Proben und Auftritten. Dabei sticht heraus: Kameradschaft ist ihm besonders wichtig. «Ich bin nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der Menschen im Verein.» Das Bier nach einer gelungenen Probe? Gehört dazu.

In der Gemeinschaft sei eben alles schöner. Auch das Singen. Zu Hause setzt Reusser lieber Kopfhörer auf und lauscht klassischer Musik, doch im Verein kann er loslassen.

«Wie ich mich fühle, wenn ich singe? Befreit.»

Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, scheint für einen kurzen Moment nicht am Gespräch beteiligt, sondern mit den Gedanken woanders. «Singen ist Therapie», sagt Reusser. «Oder das war es zumindest, als ich es brauchte.» Seine Frau streicht ihm sanft über den Rücken.

«Unser älterer Sohn ist gestorben, als er 19 Jahre alt war», sagt Reusser. Ein Schicksalsschlag, der im Jahr 1988 die ganze Familie aufrüttelte. «Eine Woche danach musste ich wieder singen. Das konnten nicht alle verstehen.» Singen hätte ihm Kraft gegeben, hätte ihm geholfen. Die Stadt-Jodler waren für ihn zu dieser Zeit ein sicherer Hafen.

Die Dietiker Stadt-Jodler traten an vielen verschiedenen Anlässen auf.

Die Dietiker Stadt-Jodler traten an vielen verschiedenen Anlässen auf.

zvg

Seine Söhne mussten wegen ihm keine Musik machen

Ob sein Sohn auch gesungen hat? «Nein, aber unser jüngerer Sohn hat Musik gemacht.» Reusser steht auf und läuft zur Musikanlage. Er möchte die Musik seines Sohns zeigen. Dieser sei Bassist gewesen. Habe ein Gespür für die Musik. Doch: «Jeder hat eine andere Leidenschaft, er musste wegen mir keine Musik machen.»

Die Musikanlage in Reussers Wohnzimmer spielt fast täglich klassische Musik. «Ich mag aber auch andere Musik. Auch moderne», sagt Reusser. Er sitzt am Tisch mit seiner Frau und zwei seiner Stadt-Jodler Kollegen. Sie tauschen sich über ihre Lieblingslieder und die Zeit mit den Stadt-Jodlern aus. «Die Proben fehlen mir schon», sagt Reusser. Am diesjährigen Nordostschweizerischen Jodlerfest in Appenzell konnte er nicht dabei sein – und auch am nächsten Auftritt der Stadt-Jodler wird er es nicht sein. Reusser musste kürzlich operiert werden. Nun muss er auf seinen Körper Acht geben. Zumindest vorübergehend.

Hans Reusser ist im Video der Zweite von Rechts.

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Gänzlich aufhören wird er nicht – oder besser gesagt, kann er nicht. «Eigentlich wollte ich auf den Tag nach meinem 50-Jahr-Jubiläum aufhören.» Seine Freunde aber lassen ihn nicht so einfach gehen. «Wir werden uns dafür einsetzen, dass du bleibst. Einfach aufhören? Das kannst du nicht», sagen sie. Die drei Stadt-Jodler lachen und Reusser sagt: «Okay, ich nehme es mir zu Herzen.»