Reformierter Pfarrer

Jürg Wildermuth verlässt nach 20 Jahren Schlieren – «Wir sind im Entsorgungsmodus»

Der reformierte Pfarrer Jürg Wildermuth verabschiedet sich nach 20 Jahren aus Schlieren. Er übernimmt den Posten als Pfarrer in Oberwinterthur. Er hat in der langen Zeit seine Faszination für Gott und die Kirche nie verloren.

Lydia Lippuner
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Er befeuerte auch mal eine Diskussion: Jürg Wildermuth war 20 Jahre lang Pfarrer in Schlieren.

Er befeuerte auch mal eine Diskussion: Jürg Wildermuth war 20 Jahre lang Pfarrer in Schlieren.

Foto: Claudio Thoma / Aargauer Z

Das Wohnzimmer ist voll mit Zeichnungen, Büchern und angesammelten Erinnerungen. In 20 Jahren hat sich bei der sechsköpfigen Familie so einiges angesammelt. «Seit März sind wir im Entsorgungsmodus», sagt Jürg Wildermuth. Der reformierte Pfarrer wird Schlieren schon bald verlassen. Am 26. August findet sein Abschiedsgottesdienst statt. In Oberwinterthur hat Wildermuth eine neue Aufgabe übernommen.

Auch dort wird er als Pfarrer tätig sein. Dies, obschon er in seiner Jugend noch andere Pläne hatte. «Meine erste grosse Jugendliebe war die Radiotechnik», sagt er. Wehmütig lauschte er 2008 der letzten Sendung von Radio Beromünster. Im Nachhinein ist er froh, dass er nicht den mittlerweile ausgestorbenen Beruf des Radiotechnikers erlernte, sondern Theologie studierte. «In diesem Bereich kann ich auch mit historischen Gegenständen arbeiten», sagt er lachend.

Bereits während des Gymnasiums beschäftigten den gebürtigen Zürcher Oberländer Fragen nach Gott und der Bedeutung der Bibel. So beschloss er schliesslich, sich dem Thema mittels Theologiestudium zu nähern. Trotzdem war er sich auch während seines Vikariats noch nicht sicher, ob er als Pfarrer arbeiten möchte. «Die erste Beerdigung, die ich als Vikar in Seegräben durchführte, offenbarte mir schliesslich mehr als tausend Erklärungen», sagt Wildermuth. Damals, während der Abdankung eines 39-jährigen Arztes, sei ihm mit einem Mal bewusst geworden, dass er gebraucht werde, und dass ihm die Bibel Worte gebe, die er sich selber nicht hätte geben können.

«Die Bibel gab mir immer wieder Worte in Situationen, in denen ich ansonsten sprachlos gewesen wäre», sagt Wildermuth. Auch wenn der heute 55-Jährige dem Buch weiter, wie er sagt, «wohlwollend-kritisch» gegenübersteht, habe sich dieses in den letzten Jahren als vertrauenswürdig erwiesen.

Über Kriegssinn diskutiert

In seinem Einsatz mit dem Roten Kreuz in Pakistan hatte Wildermuth dann doch noch die Möglichkeit, seine radiotechnischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Nebst dem gab ihm dieser Einsatz auch die Gelegenheit, andere Religionen kennen zu lernen. Zudem war dieser Aufenthalt auch für seinen Einsatz als Armeeseelsorger hilfreich. «Wir Armeeseelsorger sind einerseits dazu da, die Genfer Konvention zur Mässigung in der Kriegsführung zu überwachen und andererseits Seelsorge für die Armeeangehörigen anzubieten», sagt Wildermuth.

Obwohl er immer wieder auf kritische Stimmen traf, waren seine Stunden, sogenannte Pausenstunden, beliebt bei den Rekruten. Die meisten akzeptierten ihn oder waren gar froh, dass er auch noch da war. Wildermuth seinerseits nutzte die Gelegenheit, mit den Soldaten über Sinn und Unsinn der militärischen Einsätze zu reden. «Bei mir hatten sie die Möglichkeit, alles zu sagen, was sie wollten», sagt er. Besonders bei Todesfällen oder etwa während des Kosovo-Kriegs wurde das Militär infrage gestellt.

500 Beerdigungen durchgeführt

Währenddessen führte der Pfarrer in Schlieren unzählige Gottesdienste und 500 Beerdigungen durch. Natürlich könne dies auch zu viel werden. «Manchmal war die Unberechenbarkeit oder die Menge sehr anspruchsvoll», sagt er. Was Wildermuth in all den Jahren nie leiden konnte, war, wenn jemand in Situationen des Leides zu schnell sagte, dass der «liebe Gott» alles gut mache. «Mann muss dem lieben Gott auch mal mit Worten der Klagepsalmen alle Schande sagen können», sagt er.

Faszination ging nie verloren

Trotz schrumpfender Mitgliederzahl verlor er die Faszination für Gott und die Kirche in all den Jahren nicht. Anfangs habe es sich wohl so angefühlt, als ob die Scholle langsam unter den Füssen wegschmelze. Von den rund 2500 Kirchenmitgliedern kommen noch rund 30 in den sonntäglichen Gottesdienst. Doch mittlerweile ist Wildermuths anfängliche Irritation über die schwindenden Mitgliederzahlen der Faszination gewichen. «Es gibt noch andere Formen der Spiritualität», sagt er. Deshalb war auch das Schlierefäscht 2011 ein Höhepunkt, «eine Kür» seiner Arbeit.

Damals trafen sich Menschen von zehn verschiedenen Kirchen und Denominationen. «Dass ein Täufer einem Imam die Hand gibt», sagt er, das sei schon etwas sehr Spezielles. Doch auch die wiederkehrenden Ereignisse freuten ihn. Wildermuth taufte rund 100 Kinder, konfirmierte ebenso viele und führte etwa 30 Hochzeiten durch. Im Herbst wird er nun seine Stelle in Oberwinterthur antreten. Besonders die Beziehung zu den Schlieremern werde er vermissen.

Das ist auch das Gebiet, in das er an der neuen Pfarrstelle noch mehr Energie investieren will: «Was ich in Oberwinterthur anders machen will oder noch verstärkt machen will, ist die Beziehungspflege», sagt er. Aus diesem Grund nahm er in den letzten Wochen den Weg unter die Räder und besuchte einen Konfirmandenanlass, um bereits im Vorfeld einen Draht in sein neues Wirkungsfeld zu knüpfen.