Frauenverein Schlieren

«Kann Frauenhand dies alles erschaffen?»

Ein Blick in die Geschichte des Schlieremer Frauenvereins zeigt, was in den vergangenen 100 Jahren an Freiwilligenarbeit geleistet wurde und wie sehr die Aussicht aufs Frauenstimmrecht für Unbehagen sorgte.

Alex Rudolf
Drucken
Teilen
Ende des 19. Jahrhunderts formierten sich viele Frauenvereine, die wohltätig arbeiteten. Mit dem Einsatz für das eigene Frauenstimmrecht (hier bei einer Ballonpropaganda 1969 in Zürich) taten sich die Vereine jedoch schwer.

Ende des 19. Jahrhunderts formierten sich viele Frauenvereine, die wohltätig arbeiteten. Mit dem Einsatz für das eigene Frauenstimmrecht (hier bei einer Ballonpropaganda 1969 in Zürich) taten sich die Vereine jedoch schwer.

ETH Bildarchiv/ Themenbild

30 Schlieremerinnen machten sich Anfang September 1928 auf den Weg nach Bern. In einem «engen, alten Rumpelkasten» fuhren sie «mit gutem Humor» in Richtung «Feststadt». Ziel war die Teilnahme an der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit, kurz Saffa. Die Organisatoren dieser nationalen Messe waren bestrebt, mehr Anerkennung für die Arbeit der Frau zu erlangen.

Dabei standen die Hauswirtschaft und die Familienarbeit im Fokus. Und die Schlieremerinnen waren begeistert: «Was gab es da alles zu schauen», heisst es in einem Protokoll des Gemeinnützigen Frauenvereins Schlieren. «Man fragt sich öfter, ob es möglich ist, dass dies alles von Frauenhand erschaffen wurde.» Doch waren sich die ländlichen Schlieremerinnen von damals den grossen Trubel nicht gewohnt. Es sei unmöglich gewesen, immer beieinanderzubleiben. «O weh. Manche Teilnehmerin fühlte sich dann zu verlassen und klagte schon insgeheim, dass sie ihren Mann und Beschützer bei sich haben möcht.»

Dieses Jahr feiert der gemeinnützige Frauenverein Schlieren sein 100-jähriges Bestehen. In seinem Abriss über die Geschichte des Vereins legt Chronist Philipp Meier die wichtigsten Eckdaten dar. Dabei zeigt sich auf eindrückliche Weise, wie die Schlieremerinnen den Fokus auf die Bekämpfung von Armut und Nächstenliebe setzten. Mit der Politik taten sie sich schwer – heute wie damals.

Am Anfang stand die Pfarrersfrau

Zwar datiert der Chronist das Gründungsjahr auf 1917, doch sei dabei vieles im Dunkeln, da keine Dokumente mehr vorliegen würden. Doch wurden zu Zeiten des Ersten Weltkriegs verschiedene Bürgerinitiativen aus dem Boden gestampft, mit deren Hilfe die Not der Bevölkerung gelindert werden sollte. Vermutlich auf Initiative der Pfarrersfrau Schäppi erfolgte die Vereinsgründung.

«Heute muten diese Aussagen rückständig an.» Heidi Altherr Präsidentin Schlieremer Frauenverein

«Heute muten diese Aussagen rückständig an.» Heidi Altherr Präsidentin Schlieremer Frauenverein

Schweiz am Wochenende

Fest steht, dass sie später als erste Präsidentin Erwähnung fand. Zu Beginn seien mit einer Mütterberatung, Säuglingspflegekursen und Weihnachtsfeiern für Ältere die fürsorglichen Belange im Vordergrund gestanden. Mit dem Beitritt zum Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenverein (SGF) im Jahr 1926 wurden auch frauenspezifische und aufklärerische Themen vermehrt aufs Parkett gebracht. Etwa im Rahmen von Vorträgen oder Ausflügen wie jenem nach Bern, der eingangs beschrieben wurde.

Die Sehnsucht nach dem starken Mann, der sie durch die Frauenmesse begleiten sollte, zeigte sich auch an der Generalversammlung ein Jahr nach der Saffa. So wurde den Schlieremerinnen eine vom SGF lancierte Petition, die das Frauenstimmrecht forderte, vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatten schweizweit bereits rund 170 000 Frauen und knapp 80 000 Männer den Vorstoss unterzeichnet. In Schlieren kam die Idee jedoch nicht sonderlich gut an. «Alle Anwesenden meinten, für eine solche Abstimmung noch nicht reif zu sein», heisst es im Protokoll.

Während des Zweiten Weltkriegs gerieten die Anliegen der Frau schweizweit wieder in den Hintergrund und die Schlieremer Frauen waren um die Beschaffung von Lebensgrundlagen und die Bekämpfung der Armut besorgt. 1939 entschied der Vereinsvorstand, monatlich 100 Franken für Mütter und Kinder zu spenden, denen mit dem Kriegsbeginn und dem damit einhergehenden Weggang des Vaters sämtliche Existenzmittel fehlten. Es folgten zahlreiche Aktionen, wie die Verarbeitung von Wolle zu Wäsche für Soldaten, das Sammeln von Spenden für Flüchtlinge oder das Veranstalten von Weihnachtsfeiern.

Keine Delegierte für Stimmrecht

Doch nach Kriegsende im Jahr 1945 gingen die Bemühungen für die politischen Rechte weiter. Die Zürcher Frauenzentrale forderte vom Schlieremer Verein eine Delegierte, die sich für das Frauenstimmrecht einsetzt. «Dem wird NICHT entsprochen», wie es im Protokoll der Generalversammlung im gleichen Jahr heisst. Im letzten Protokoll vor der Einführung des Frauenstimmrechts im Jahr 1971 war lediglich eine Information über das politische Geschäft vermerkt. Wortmeldungen hat es demnach keine gegeben.

In den 100 Jahren Schlieremer Frauenverein wurden politische Themen hin und wieder besprochen, aktiv für den Fortschritt einsetzen wollte sich jedoch niemand. Heute legt man den Fokus noch immer auf das soziale Engagement. «Wir sind politisch neutral und geben weder Wahlempfehlungen ab, noch organisieren wir Veranstaltungen, an denen Politik thematisiert wird», sagt Präsidentin Heidi Altherr.

Der Blick in die Protokolle von früher, als sich die Frauen gegen das eigene Stimmrecht aussprachen, sei schon sehr speziell. «Heute muten diese Aussagen rückständig an. Doch war dies nicht nur die Haltung der Schlieremerinnen, sondern jene der Mehrheit in der Schweiz.» Damals wie heute steht die Unterstützung von gemeinnützigen Organisationen und das Organisieren des Mahlzeitendienstes im Zentrum der Tätigkeit. An Anlässen wie etwa dem Herbstmarkt oder durch den Mitgliederbeitrag von jährlich 20 Franken kommt Geld zusammen, das vornehmlich Schlieremer Organisationen abgegeben wird. Jedes Jahr um die Weihnachtszeit spendet der Verein auch einen Betrag speziell für alleinerziehende Mütter. «Mit ein paar Hundert Franken für neue Schuhe oder ein Weihnachtsgeschenk kann man solchen Familien viel Freude bereiten», sagt Altherr.

Name wirke antiquiert

Aktuell zählt der Verein 153 Frauen als seine Mitglieder, womit er die Höchstmarke aus dem Jahr 1963 um über 100 Personen unterbietet. «Andere Frauenvereine sind jedoch heute noch deutlich besser aufgestellt als wir. Zudem stellen auch wir – wie fast alle Vereine – eine Überalterung fest», so Altherr. Warum lassen sich junge Frauen nicht für die wohltätigen Aktivitäten begeistern? «Neben dem Kulturwandel – heute sind die Menschen viel beschäftigt – suche ich den Grund auch beim Namen, der auf viele wohl ein wenig antiquiert klingt.»