Oetwil
Mit der «Tic-Tac-Lösung» zum Bienen-Date

Mike Felder betreibt mit Leidenschaft seine Hobby-Imkerei. Die lässt er sich auch einiges kosten.

Gabriele Heigl
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 Mike Felder auf dem Weg zu seinem Bienenhaus
23 Bilder
 Im letzten Frühjahr ist er unter die Hobby-Imker gegangen.
 Im Laufe der Monate hat sich der Besitzer einer Kung-Fu-Schule in Zürich eine grosses Imker-Fachwissen angeeignet.
 Mike Felder weiss genau, was Bienen brauchen und wie man ihr Verhalten interpretiert.
 Mike Felder vor seinem Bienenhaus-Wagen
 Das Bienenwäldli ist einer der idyllischsten Orte im Kanton.
 Business as usual vor dem Loch
 Aber kaum ist der Fütterungssirup eingefüllt, kommen Räuber von den anderen drei Stöcken.
 Auswärts schmeckt's eben besser!
 Felder versucht, durch das Vorlegen eines Holzstabes, den Eindringlingen den Spass zu verderben.
 Zwei von vier Stöcken
 Die Stöcke sind an diesem Nachmittag gut besucht.
 Felder entnimmt eine Bienenwabe.
Sommerserie: So lebt das Limmattal. Beim Hobby-Imker Mike Felder
 Dicht an dicht sitzen die Bienen.
 Keine Chance, die Königin zu finden
 Die Behälter für den Fütterungssirup sind leer.
 Der Sirup wird eingefüllt.
 Dabei handelt es sich um spezielles Zuckerwasser.
 Gegen Sturm und Dachs werden die Deckel mit Ziegelsteinen und Seilen geschützt.
 In diesem Jahr konnte Felder 13 Kilo Honig ernten.
 Aus dem Bienenwachs stellt der Hobby-Imker nun seine eigenen Kerzen her.
 Bernsteinfarbene, süsse Köstlichkeit

Mike Felder auf dem Weg zu seinem Bienenhaus

SEVERIN BIGLER

Man hat es sich so einfach vorgestellt: Mit Schutzkleidung ausgerüstet nähert man sich dem Stock, öffnet ihn, schaut, was die Bienen da drin so treiben, und sucht vielleicht noch die Königin. So viel zum Thema Naivität. Aufklärung kommt dann vom Fachmann, der einem mit jedem seiner Sätze vermittelt, wie ungeheuer schlau und sensibel Bienen sind. Und auch wie wehrhaft. Später wird eine versuchen, ihn durch seinen Lederhandschuh hindurch zu stechen und lässt dabei ihr Leben. Bienen könnten sogar spüren, was Menschen fühlten: Angst, Stress, Panik. Jetzt übertreibt er aber, oder?

Mike Felder (48) ist kein Ökofundamentalist und auch kein Natur-Esoteriker. Der Oetwiler wohnt seit 13 Jahren zusammen mit seiner Tochter Jasmine auf dem Hof von Rudolf Lienberger am nördlichsten Zipfel der Gemeinde. Seit 1988 führt Felder eine Wing-Chun-Kung-Fu-Schule in Zürich, eine der ältesten im deutschsprachigen Raum. Er lernte direkt bei einem Grossmeister in Taiwan und ist Sicherheitsspezialist für Privatpersonen wie für Polizei und Armee. Auch in Hongkonger Martial-Art-Filmen hat der Schwarzgurt-Träger schon mitgewirkt. Selbstverteidigung ist also sein Fachgebiet.

Die Rolle des Bienen-Dolmetschers

Die braucht es auch bei seinen Bienen. Anders als in seinem Beruf hat hier aber nicht er das Sagen; die Tiere sind die Chefs. Für ahnungslose Besucher muss er also erst mal in die Rolle des Bienen-Dolmetschers schlüpfen und die Verhaltensregeln erklären: helle Kleidung und Gummistiefel tragen und Abstand halten zwischen Gesicht und Netz, denn sie stechen auch durch das Netz hindurch. «Ausserdem sollte man es vermeiden, zu intensiv auszuatmen oder gar zu pusten», so Felder, denn die Tiere wittern die grossen Mengen menschlicher «Abgase», wie etwa das Kohlendioxid, und greifen den vermeintlichen Bären an, der sich dem Stock nähert.

Da Luftanhalten aber auch keine Lösung ist, reicht Felder kleine süsse Propolis-Kügelchen aus Bienenproduktion zum Lutschen – die ultimative «Tic-Tac-Lösung» für das Bienen-Date. Ausserdem immer mit dabei: eine Wasserspritze, um allzu lästige Exemplare sanft zu vertreiben. Viele andere Imker verwenden dafür Rauch, der allerdings, falsch angewandt, den Geschmack des Honigs verdirbt. Bei seinen Bienenstöcken angekommen, bewegt sich Felder langsam und macht keine hektischen Bewegungen. Es reiche, wenn einige wenige Bienen in Stress geraten. Der übertrage sich durch die sogenannte «Schwarmintelligenz» auf den ganzen Stock und auch die Nachbarstöcke, so Felder.

13 Kilo geerntet

Im Frühjahr 2016 stellte Mike Felder am Waldrand von Oetwil vier Bienenstöcke auf, an einem besonderen Fleckchen unberührter, idyllischer Natur, im Ort als «Bienenwäldli» bekannt. Seit über zehn Jahren gab es dort am Waldrand im Wisentäli keine Bienenvölker mehr, seit das Bienenhaus des früheren Imkers, das dort stand, durch einen Brandstifter zerstört worden war. Mike Felder: «Ich habe mich gefragt, warum er seine Stöcke so weit oben und schlecht erreichbar aufgestellt hat. Inzwischen kenne ich den Grund: die besondere Qualität des Honigs.»

Die Gruppe ist klüger als die Summe der Individuen

Als kollektive Intelligenz oder Schwarmintelligenz bezeichnet man ein Phänomen, bei dem Kommunikation und Handlungen von Individuen intelligente Verhaltensweisen der sozialen Gemeinschaft als Ganzes hervorrufen können. Klassische Beispiele in der Natur sind das Bienenvolk und der Ameisenstaat. Eine einzelne Ameise hat ein sehr begrenztes Verhaltensrepertoire.

Im Zusammenspiel ergeben sich jedoch Verhaltensmuster, Abläufe und Resultate, die aus menschlicher Sicht «intelligent» genannt werden können. Die Gesamtheit solcher Insektengesellschaften ist überaus leistungsfähig. Zur Kommunikation untereinander nutzen Bienen beispielsweise Pheromone und den Schwänzeltanz. Ohne jede Form einer zentralisierten Oberaufsicht ist das Ganze also mehr als die Summe der Teile. Das Phänomen tritt auch bei menschlichen Gruppen auf, in Firmen, beim Militär, im Internet, in der Didaktik. (GAH)

In diesem Jahr konnte Felder seinen ersten Honig ernten: 13 Kilo – eine beachtliche Leistung für einen Anfänger. Wenn die Völker noch etwas älter sind, wird der Ertrag noch beträchtlich steigen. Über den Verein Zürcher Bienenfreunde, wo er 280 Franken Jahresbeitrag zahlt, konnte er an Schulungen teilnehmen. Sehr schnell lernte er, dass er auch eine Art Bienenhaus braucht: um Schutzkleidung und Arbeitswerkzeug aufzubewahren, Jungbienenvölker geschützter aufzustellen und ihm selbst als eine Art Schutzbunker zu dienen, sollte es zu einer koordinierten Attacke vieler Bienen auf ihn kommen. Die Strategie: Die Angreiferinnen vor der Tür abklopfen und schnell hinein. Dann können sich draussen die Hitzköpfe wieder abkühlen.

2300 Franken an die Gemeinde

Felder bestellte bei einem Schäferwagenbauer eine Spezialanfertigung, einen Imker-Wagen, für gut 6000 Franken. Hinzu kam die Gebühr für die Vergabe einer Bienenstand-Nummer durch den Kanton in Höhe von knapp 1000 Franken. Ein grosser Brocken ist schliesslich noch an die Gemeinde Oetwil fällig. Sie erachtete die vier Bienenmagazine als baubewilligungspflichtig und verlangte gut 2300 Franken. All das ist Felder sein Hobby wert.

Seine Motivation speist sich nicht nur aus dem Wunsch, die alte Bienenwäldli-Tradition wieder aufleben zu lassen. Ursprünglich wollte er vor allem für seine vom Heuschnupfen geplagten Tochter reinen Honig aus der Region produzieren. Verbringt man allerdings einen Nachmittag mit Mike Felder bei seinen Bienenvölkern, erkennt man, dass aus seiner nicht enden wollenden Lust, sein Wissen über die Imkerei weiterzugeben, vor allem seine Leidenschaft und Liebe zu den Bienen spricht. «Die Arbeit mit ihnen ist wie die Arbeit mit Holz oder die Stallarbeit eine sinnvolle Tätigkeit», so Felder. Das merke er beim Herstellen seiner eigenen Kerzen wie beim Genuss seines eigenen Honigs. «Ich esse ihn lieber als Schokolade, ohne Brot, löffelweise.»

Die Honigernte hat in diesem Jahr schon stattgefunden; sie ist ein kritischer Moment der Imkerarbeit. «Wenn man ihnen den Honig wegnimmt, dann werden sie ärgerlich. Wir haben ja auch was dagegen, wenn man unser Bankkonto leerräumt», so Felder. Auch nach der Ernte ist genug zu tun. Jeden Tag verbringt er Zeit bei den Stöcken; im Monat kommen 30 bis 40 Stunden zusammen. In diesen Tagen versorgt er sie mit einem speziellen Fütterungssirup, wie sie ihn in dieser Phase der Saison brauchen. Ausserdem kontrolliert er, ob die Seilsicherungen gegen Plünderungen durch Dachse noch halten, und sieht nach, wie die Stimmung unter den Bienenvölkern ist. «Man kann am Brummton des Stockes hören, ob dicke Luft herrscht. Dann lässt man sie besser erst mal in Ruhe.»

Kein leichtes Leben im Matriarchat

Vor allem ein Volk von schwarzen Bienen der Schweizer Sorte Mellifera, das er von einem Imkerkollegen übernommen hat, bereitet ihm wegen seiner Aggressivität Sorgen. Wahrscheinlich muss er zu einem radikalen Mittel greifen und die Königin auswechseln. «Es kommt vor, dass Volk und Königin nicht harmonieren. Manchmal übernimmt das Volk den Rauswurf selbst.» Zoff gibt es derzeit allerdings in jedem Stock: Die weiblichen Bienen werfen die stachellosen männlichen Drohnen aus dem Stock ins Verderben. Die Begatter der Königin sind nur noch unnütze Fresser.

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