Zürich

Profimusiker Marcel Buergi erteilt Randständigen Musikunterricht

Der Profimusiker Marcel Buergi bietet in der Zürcher Sunestube Randständigen Musiklektionen und eröffnet ihnen dadurch neue Perspektiven. Diesen Monat erschien sein eigenes Album

Sophie Rüesch
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Marcel Buergi (links) zeigt seinem Schüler Michel Bresson, wie er die Gitarre zum Klingen bringt. bild: Sophie Rüesch

Marcel Buergi (links) zeigt seinem Schüler Michel Bresson, wie er die Gitarre zum Klingen bringt. bild: Sophie Rüesch

Michel Bresson lernt Bass spielen – auf einer Gitarre. Er nimmt sie auf die Knie, setzt seine Finger an, zupft ein bisschen an den Saiten, um ein Gefühl für das – falsche – Instrument zu bekommen. Dann schaltet sich Marcel Buergi ein, zeigt Bresson, wie er seine Finger positionieren und die Saiten anschlagen muss, damit der richtige Ton herauskommt. Buergi ist professioneller Musiker und gibt seit über einem Jahr regelmässig Konzerte in der Sunestube, einer niederschwelligen Anlaufstelle der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS) mitten im Zürcher Kreis 4 (siehe Box). Seit bald drei Monaten bietet er im winzigen Lokal an der Militärstrasse vor den Konzerten zusätzlich Musikunterricht für interessierte Randständige an. «Und wie man sieht, ist vieles noch improvisiert», sagt Marcel Buergi.

Doch an diesem Mittwoch ist jede der vier halbstündigen Lektionen schon ausgebucht. Und das Üben lohnt sich: Am vergangenen Wochenende habe einer seiner Sunestube-Schüler bei seinem Konzert mitspielen können, erzählt Buergi; sein Stolz ist ihm deutlich anzusehen. «Genau das ist mein Wunsch: Den Leuten durch die Musik Perspektiven zu eröffnen, von denen sie vorher nicht zu träumen wagten.»

Buergi weiss, wovon er spricht: Er hatte selbst mit Suchtproblemen zu kämpfen, war eine Zeit lang obdachlos. Seit zehn Jahren ist er clean. Sein Hintergrund vereinfacht ihm den Zugang zu den Sunestube-Besuchern: «Ich kenne das Gefühl, als hoffnungsloser Fall abgestempelt zu werden», sagt er. Deshalb sei das Hauptziel seines Engagements für die SWS, den Leuten zu vermitteln, dass auch sie etwas wert seien und dass ein Ausweg aus ihrer Situation nicht unmöglich sein müsse. Von seiner eigenen Geschichte weiss er auch um die heilende Kraft der Musik. «Musik kommt vom Herzen, aus dem tiefsten Innersten einer Person», sagt er. Was die Leute in der Sunestube aus Angst oder Scham nicht aussprechen könnten, würde beim gemeinsamen Musizieren hervorkommen.

Das heisst aber nicht, dass keine Gespräche während der Lektionen stattfinden. Buergi ist nicht nur Musiklehrer, sondern steht seinen Schülern auch beratend zur Seite. Er erzählt ihnen aus seinem Leben, wie er wieder Tritt fasste. Dabei spiele auch sein Glaube eine Rolle. Aufdrängen wolle er diesen aber niemandem: «Ich will kein Prediger sein. Doch mein Glaube gehört genauso zu mir wie meine Leidenschaft für die Musik, deshalb ist er manchmal schon auch ein Gesprächsthema», sagt er.

«Wir wollen den Menschen, die zu uns kommen, ein möglichst breit gefächertes Spektrum von Möglichkeiten bieten, ihr Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten», sagt Roy Gerber, der Betriebsleiter der Sunestube. Das musikalische Angebot sei ein Weg, die Leute zu erreichen. «Für die einen sind wir mit einem Gebet da, für andere mit einem warmen Kaffee und für wieder andere mit der Musik», so Gerber weiter. Mit dem Konzert- und Musikunterrichtsprogramm wolle die Sunestube darüber hinaus einen Kontakt zur Aussenwelt herstellen. Wenn Buergi hier ein Konzert gebe, würden sich auch immer wieder neugierige Passanten dazugesellen, die die Sunestube sonst nie betreten würden. «Wir wollen damit eine Philosophie des Miteinanders statt des Gegeneinanders vermitteln», erklärt Gerber. Seine Hoffnung sei es, in einem grösseren Lokal dereinst Open-Mic-Veranstaltungen durchzuführen, um die Durchmischung zu fördern.

Auch Buergi schwebt Grosses mit seinen Schülern vor. «Wer weiss, vielleicht schaffen wir es ja, eine Sunestube-Band zu gründen?», sinniert er. Darin würde er einen grossen Mehrwert für seine Schüler sehen: «Konzerte zu geben, einen Auftrag zu haben – das könnte ihnen Sinn spenden und Halt geben.» Doch im Moment sei dies noch eine Zukunftsvision.

Buergi gibt zu , dass sich die Lektionen in der Sunestube mitunter auch etwas schwierig gestalten. «Der Unterricht ist schon nicht derselbe wie der mit ‹normalen› Leuten», sagt er. Die wenigsten seiner Schüler hätten feste Tagesstrukturen. Üben liege deshalb bei vielen nicht drin, und immer wieder würden Interessierte, die sich für eine Stunde eingetragen haben, nicht auftauchen. Tatsächlich wartet Buergi bereits auf den zweiten Eingetragenen vergebens.

Michel Bresson ist darüber nicht traurig; so bleibt mehr Zeit für ihn. Bresson ist selbst in der Sunestube engagiert, seit zwei Jahren arbeitet er als Koch für die Anlaufstelle. Auch er hat eine lange Geschichte von Alkohol- und Drogensucht, ist immer noch in einem Methadon-Abgabeprogramm, von dem er demnächst wegkommen will. Nach seiner «Bass»-Lektion ist er sichtlich erheitert. «Musik tut mir tut. Selber zu spielen, gibt mir etwas zu tun und macht auch noch Spass», sagt er.

Solch positive Rückmeldungen bekräftigen Buergi in seinem Engagement. Es sei ein schönes Gefühl, den Leuten etwas weitergegeben zu haben, das ihnen guttue. Und dabei komme auch er selbst nicht zu kurz: «Ich habe die Sunestube bisher noch immer glücklich verlassen.»

Marcel Buergis neues Album «Strassemusig» ist seit dem 18. Mai im Handel.