Urdorf

Sie tritt auf dem Höhepunkt ab – und ist reif für die Insel

Die Urdorfer Politikerin Brigitta Johner tritt auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ab als Kantonsratspräsidentin. Was die 64-Jährige danach macht, ist der gelernten Übersetzerin bereits klar.

Jürg Krebs
Drucken
Teilen
Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner tritt ab
11 Bilder
Zum Abschied erhielt Brigitta Johner an ihrer letzten Sitzung im Kantonsrat einen Zürich-Stich (ZVG)
Johner besucht den Orgelbauer Metzler in Dietikon
Johner mit Fraktionskollege Andreas Geistlich nach ihrer Wiederwahl 2011 in Dietikon, wo die FDP feierte
Ernst Spillmann war 1980 bis 1981 der letzte Politiker aus dem heutigen Bezirk Dietikon, der den Kantonsrat präsidiert hatte - bevor Brigitta Johner kam
Johner erteilt Staatskundeunterricht für Ausländer und Schweizer - Bild von 2002
Johner 2006 im Kantonsrat - die FDP-Bildungspolitikerin gilt als sehr dossiersicher, was ihr Respekt verschaffte
Bildungsdirektorin Regine Aeppli und Bildungspolitikerin Brigitta Johner sind über ein Jahrzehnt politische Weggefährtinnen - trotz unterschiedlicher Parteizugehörigkeit
Ehemann Martin Johner (links) begleitete seine Frau an so manchen Anlass
Die letzte Sitzung mit dem Kantonsratsbüro führt auf den Limmattower in Dietikon - zuerst aber über einen roten Teppich (ZVG)
Die «Berufszürcherin»: Das Präsidialjahr brachten der Urdorferin fast 200 repräsentative Auftritte als amtshöchste Zürcherin. Nun beendet Bildungspolitikerin Brigitta Johner ihre fast 30-jährige Karriere.

Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner tritt ab

Limmattaler Zeitung

Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner steht im menschenleeren Ratssaal und ringt mit den Emotionen. Hier, wo normalerweise so laut diskutiert und gestritten wird, dass sich Stimmen jeweils zu einer mächtigen Klangkulisse vereinen, hier umhüllt Brigitta Johner plötzlich Stille. Ein Jahr lang bestimmte die FDP-Politikerin im Kantonsrat die Musik – als amtshöchste Zürcherin, sozusagen als Dirigentin der montäglichen Sitzungen. Doch irgendwann ist die schönste Symphonie zu Ende, ist der letzte Ton verklungen.

Die Emotionen kommen hoch

Wie so oft, wenn eine intensive Zeit vorbei ist, kommen unvermittelt die Emotionen hoch. Für einen kurzen Moment ringt Johner mit den Tränen, dann gewinnt sie ihre Souveränität zurück, die sie im Präsidialjahr bei so vielen Gelegenheiten ausgestrahlt hatte. Sie ist stolz – und überglücklich. Und reif für die Insel, wie sie im anschliessenden Gespräch sagen wird, das am Kommissionstisch mitten im Saal stattfindet. Doch dazu später.

Noch bis Montag ist die 64-jährige Urdorferin nominell Präsidentin des Kantonsparlaments. Dann geht eine Politkarriere zu Ende, die 1986 mit der Schulpflege Urdorf begonnen hatte und 2000 im Kantonsrat eine Fortsetzung fand. Johner wird sich nun aus der aktiven Politik zurückziehen.

Das Kantonsratspräsidium ist ein Amt, das aus zwei Gründen auf Brigitta Johner zugeschnitten ist: Erstens scheut sie keinen Aufwand und zweitens mag sie die Repräsentationsaufgaben, die ihr als Präsidentin des Kantonsparlaments in den letzten 365 Tagen gegen 200 Auftritte eingebracht haben. Was andere als anstrengend empfinden würden – das Kommunizieren – das geht Brigitta Johner leicht von der Hand, respektive über die Lippen. Nicht von ungefähr ist sie ausgebildete Übersetzerin. «Ich liebe es, mich mit Menschen aller Art zu treffen.» Kein Wunder: Sie selbst bezeichnet sich als wissbegierig und nimmt jede Begegnung, jeden Besuch als Gelegenheit wahr, sich weiterzubilden und ihre Weltsicht zu vervollständigen.

Begegnung mit Gorbatschow

Der Begegnungen waren viele: Im Rathaus beispielsweise mit dem ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, mit Parlamentariern aus dem Ticino, aus Kuwait, Bhutan und anderen Ländern, mit einer ukrainischen Studentengruppe. Ausserhalb ergaben sich Treffen mit dem Nationalbankspräsidenten, Sportlern, Spitzenmanagern, Vereinsmitgliedern sowie Diplomaten. Und immer wieder traf sie Menschen im ganzen Kanton, aus dem Limmattal und ihrem Wohnort Urdorf, der ihr zur Amtseinsetzung ein grosses Fest organisiert hatte.

Und wie war das Jahr als Sitzungsleiterin? Die emotionale Debatte zur Aufhebung der Immunität von Bildungsdirektorin Regine Aeppli im Zuge der Mörgeli-Affäre habe sie «stark gefordert». Ihr Amtsmotto «Respekt und Fairness in der Politik» habe sie aber durchsetzen können. Die Beratung des Gemeindegesetzes sei hingegen wegen der Komplexität anspruchsvoll gewesen. Für Brigitta Johner persönlich wichtig war die Limmattalbahn, der Kantonsrat hat für den Bau am 30. März grünes Licht gegeben. Johner ist froh darüber, denn die Bahn sei ein wichtiges Verkehrs- und Entwicklungsprojekt für das Limmattal. Eines, das der nächsten Generation zugutekommt.

Frau Kantonsratspräsidentin

Eine politische Karriere ist kaum planbar. Das weiss Brigitta Johner. Vor allem ein gutes Ende zu finden ist schwer. Die Urdorferin geht auf dem Höhepunkt, wenns am schönsten ist. Um das zu erreichen, braucht es immensen persönlichen Einsatz und das Glück, zur richtigen Zeit gefragt zu sein. Deshalb ist es nur wenigen vergönnt, wie Brigitta Johner ihre Politkarriere mit dem Kantonsratspräsidium zu krönen.

Auf der «Ochsentour»

Brigitta Johner hat dies geschafft. Erschafft, müsste man vielmehr sagen, sich erarbeitet – durch «die Ochsentour», wie sie es nennt. Sie meint damit die wichtige aber zeitaufwendige Arbeit in Kommissionen und für die Partei oder weniger populäre Ratsarbeit, wie regelmässig 80-seitige Kantonsratsprotokolle gegenzulesen oder Gesetzestexte zu redigieren. Das alles geschieht fern der Öffentlichkeit und bringt deshalb bei der Wählerschaft keine Punkte.

Dafür bei den Ratskollegen. Am 12. Mai 2014 wurde Brigitta Johner als erste Limmattalerin seit 1980 zur Präsidentin des Kantonsparlaments gewählt. Und das mit einer nie da gewesenen Deutlichkeit: 169 der 173 anwesenden Kantonsräte und Kantonsrätinnen votierten für Brigitta Johner. Das beste Resultat seit 1940 macht vor allem eines deutlich: FDP-Politikerin Johner ist über alle Parteigrenzen hinweg respektiert und beliebt.

Das beweist sehr schön BDP-Präsident und Kantonsrat Marcel Lenggenhager, der Johner zum Abschied ein selbstgemaltes Bild geschenkt hat. Auf zürichblauem Grund blickt Johner auf aufgemalte stilisierte Formen in Weiss, die sie als Hochhäuser interpretiert und die Bildaussage mit «Weitblick» deutet. Das passe zum Abschiedsanlass mit dem Kantonsratsbüro auf dem Limattower in Dietikon, an dem Lenggenhager mit von der Partie war, findet sie.

Das Lob von Regine Aeppli

Die Dietiker SP-Kantonsrätin Rosmarie Joss lobt Johners Fähigkeit «erfolgreich Politiker und Politikerinnen verschiedenster Lager integrieren» zu können. Doch das ist nicht das ganze Geheimnis: Die abtretende Regierungsrätin Regine Aeppli (SP) würdigt nicht nur Johners «grosses Engagement», sondern auch ihre «grosse Sachkenntnis», welche diese während ihrer Zeit als Präsidentin der kantonsrätlichen Kommission für Bildung und Kultur bewiesen habe.

SVP-Kantonsrat Rochus Burtscher kommt auf einen weiteren Punkt zu sprechen: Brigitta Johner sei während ihres Präsidialjahres eine «charmante» Botschafterin für das Limmattal gewesen. Mit Erfolg: Vom Kantonsrat werde das Limmattal nach den diversen Besuchen nun als «prosperierende Region wahrgenommen».

Und was fällt der eigenen Fraktion, der FDP, ein, wenn das Thema auf Brigitta Johner zu sprechen kommt? Der Schlieremer Kantonsrat Andreas Geistlich charakterisiert sie als «sehr zielstrebig, präzis und volksnah». Auch Geistlich lobt Johners Wirken für ein besseres Image des Bezirks Dietikon. Und dann kommt er auf Johners Kernarbeit zu sprechen: Mit ihrem Netzwerk als Bildungspolitikerin habe sie dem Limmattal zu einem guten Zugang zur kantonalen Bildungspolitik verholfen. Zuletzt habe dies dazu beigetragen, dass die Kantonsschule Limmattal ausgebaut werden kann.

«Leistung muss sich lohnen»

Die Bildungspolitik. Für Brigitta Johner ist klar: «Leistung muss sich lohnen.» Sie beweist damit nicht nur, dass sie das Parteiprogramm der FDP verinnerlicht hat. Nein, es ist ihre ureigene persönliche Überzeugung. Und die Grundlage für Leistung ist laut Johner eine gute Schule, auf allen Ebenen, also von der Volksschule über die Berufsschule, bis hin zur Fachhochschule und der Universität.

Dass diese so gut aufgestellt sind, daran hat Brigitta Johner ihren Anteil. Ihre Kommission für Bildung und Kultur hat zwischen 2000 und 2007 unter anderem das Volksschulgesetz, das Fachhochschulgesetz, das Universitätsgesetz und das Berufsbildungsgesetz behandelt, die von der Bildungsdirektion eingebracht worden waren, und ihnen zum Durchbruch verholfen. Darauf und auch auf die Realisierung der neuen Pädagogischen Hochschule an der Europaallee und der Zürcher Hochschule der Künste im Toni-Areal, ebenfalls Geschäfte aus jener Zeit, ist Brigitta Johner stolz, denn sie spricht ihnen die Bedeutung von «Generationenprojekten» zu.

Jetzt folgt der Bruch

Doch jetzt folgt der Bruch. Ab Montag ist Schluss mit Politik. Und Schluss mit ihrer Rolle als «Berufszürcherin». Diesen Begriff hat ein Zugpassagier geprägt, dem an Johners Revers das Zürichwappen aufgefallen war und sie danach gefragt hatte. Von der Tribüne des Kantonsratsaales aus wird Brigitta Johner mitverfolgen, wie Theresia Weber (SVP, Uetikon) als ihre Nachfolgerin ins Amt eingeführt und Rolf Steiner (SP, Dietikon) zum Vize-Präsidenten gewählt wird. Dann wird sie das Ratshaus in ein neues, zumindest anderes Leben verlassen. Ohne Politik. Wirklich ohne Politik? «Ja», sagt Brigitta Johner. Untätig wird sie aber nicht bleiben, Angebote seien vorhanden, doch sie will sich Zeit lassen mit Entscheiden.

Als Erstes wird sie sich sammeln, das intensive, bereichernde Jahr persönlich verarbeiten. Sie wird das auf der Insel Teneriffa tun. Auf ihre Weise: «Einfach für mich über Dinge nachdenken. Das tue ich unglaublich gerne», sagt Johner. Und weil sie doch gerne kommuniziert, wird sie sich abends unter die lokale Bevölkerung mischen und ihr geliebtes Spanisch sprechen.