Schlieren
Schlieren-Trainer Fernando Esteban stört sich an fehlenden Ärzten bei Frauenfussballspielen in der NLB: «Wir müssen professioneller werden»

Fernando Esteban trainiert seit 2019 die Schlieremer NLB-Fussballerinnen. Im Interview bezieht er Stellung zur aktuellen Lage.

Ruedi Burkart
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Fernando Esteban hofft, dass im Frühling wieder gespielt werden kann: «Das hätten alle verdient.»

Fernando Esteban hofft, dass im Frühling wieder gespielt werden kann: «Das hätten alle verdient.»

Bild: Ruedi Burkart

An diesem Wochenende hätte eigentlich in der Nationalliga B die erste Meisterschaftsrunde nach der Winterpause auf dem Programm gestanden. Für die Frauen des FC Schlieren wäre es auswärts beim SC Derendingen Solothurn um weitere Punkte im Kampf um den Ligaerhalt gegangen. Doch wegen Corona ist bekanntlich alles anders. Aufgrund der bundesrätlichen Bestimmungen ist an einen geordneten Trainingsbetrieb nicht zu denken, geschweige denn an eine baldige Wiederaufnahme der Meisterschaft. Denn anders als bei den Männern die Challenge League, gilt bei den Frauen die zweithöchste Fussball-Liga per Definition nicht als «professionelle Liga». Wie alle anderen Amateurspieler dürfen auch die NLB-Kickerinnen weiterhin keine Teamtrainings abhalten oder Vorbereitungspartien absolvieren. Schlierens Chefcoach Fernando Esteban (53) lässt sich davon jedoch nicht entmutigen. Er sieht in der aktuellen Situation auch Chancen.

Es kommt einem wie eine kleine Ewigkeit vor. Am 17. Oktober des letzten Jahres absolvierten Sie mit ihrem Team letztmals ein Wettbewerbsspiel.

Fernando Esteban: Ja, das stimmt. Es ist schon viel zu lange her.

Damals gewann Schlieren gegen die Femina Kickers Worb mit 3:1. Seit dieser Partie sind knapp vier Monate vergangen.

Sie sagen es. Ich erinnere mich noch gut an das Spiel. Adriana Bösiger und Sanja Mijovic schossen zwei frühe Tore, unser Captain Céline Bürgisser machte mit dem 3:1 kurz vor Schluss den Deckel zu. Auch dank dieser drei Punkten liegen wir aktuell über dem Strich.

Dann verordnete der Bundesrat den hinlänglich bekannten «Sport-Lockdown». Seither sind Teamtrainings bei Amateursportlern ab 16 Jahren strikt untersagt. Ich nehme an, Sie haben Ihre Spielerinnen seither nicht mehr alle miteinander zu Gesicht bekommen.

Doch, ab und zu via Skype. Wir halten immer wieder Teammeetings ab. Oder wir trainieren gemeinsam – einfach virtuell.

Sie leiten Trainingseinheiten, die Ihre Spielerinnen vor dem Laptop absolvieren?

Ja, das gibt’s ab und zu. Ich bin jetzt also auch einer dieser modernen sogenannten Laptop-Trainer. (schmunzelt)

Welche Übungen müssen Ihre Spielerinnen machen?

Es geht in erster Linie darum, die Rumpfstabilität zu erhöhen. Kondition kann jede individuell trainieren, da muss ich keine Anweisungen geben. Manchmal treffen sich drei oder vier Frauen zum gemeinsamen Joggen der Limmat entlang. Andere trainieren auf dem Hometrainer daheim. Viel mehr kann man ja nicht machen.

Der lange Meisterschaftsunterbruch hat aber auch seine guten Seiten. Ihre verletzten Spielerinnen können sich in aller Ruhe erholen.

Ja, das kann man auch so sehen.

Wadenbeinbruch bei Andreia Machado, Fussbruch bei Marina Radulovic, gerissene Kreuzbänder bei Jil Studer, Prisca Conte und Aslihan Erkol, Seraina Küng ebenfalls out nach einer Operation am Fuss haben Sie eine Erklärung für die Häufung von schweren Verletzungen bei Ihren Frauen?

Wenn Sie damit ansprechen wollen, dass es sich dabei um ein Problem beim FC Schlieren handelt, muss ich Ihnen entgegnen, dass das ein allgemeines Problem im Frauenfussball ist.

Sind Sportlerinnen also grundsätzlich anfälliger für Verletzungen als Männer?

Ich kann das nur im Fussball bestätigen. Sehen Sie, nur schon die Tatsache, dass die Muskulatur in und um ein weibliches Knie kürzer ist als um ein männliches, erklärt die zahlreichen gerissenen Kreuzbänder. Ich habe mal gelesen, dass von 100 Fussballern nur gerade deren fünf in ihrer Laufbahn einmal ein gerissenes Kreuzband haben. Bei den Fussballerinnen sind es 20 von 100. Diese Zahlen sagen alles aus.

Hätte ich eine Tochter, würde ich ihr verbieten, mit Fussballspielen anzufangen.

Halt, halt, so war das nicht gemeint. Ich will damit nur sagen, dass es im Frauenfussball bei der medizinischen Betreuung noch viel zu tun gibt. Wir müssen professioneller werden.

Zum Beispiel?

Ich wünschte mir, dass bei jedem Wettbewerbsspiel ein Arzt vor Ort wäre. Der könnte auch vom Verband gestellt sein. So könnten Verletzungen, die während einer Partie passieren, gleich untersucht und allenfalls verarztet werden.

Das wäre ganz schön teuer.

Aber es wäre ein kleiner Schritt in Richtung Professionalität. Oder dieses Beispiel: Im Frauenfussball müssen wir in der Nationalliga B mit einem einzigen Schiedsrichter auskommen, die Linienrichter müssen die beiden Teams stellen. Bei den Männern leiten sogar in der regionalen 2. Liga drei offizielle Unparteiische die Partien – das ist wohlverstanden die sechsthöchste Liga. Zudem wünschte ich mir, dass in Zukunft einmal Punkteprämien an die Spielerinnen ausbezahlt werden könnten. Die Frauen kommen teilweise von sehr weit her in die Trainings und an die Spiele – das wäre in meinen Augen auch ein Zeichen der Wertschätzung.

Wie realistisch ist die Umsetzung solcher Vorschläge?

Ich bin kein Träumer, dafür bin ich schon viel zu lange im Fussball dabei. Solche Sachen kommen nicht von heute auf morgen, das ist mir klar.

Beim FC Schlieren und den NLB-Frauen sind Sie seit dem Sommer 2019 dabei. Ihre erste Meisterschaft konnten Sie nicht beenden, weil die Saison 2019/20 bekanntlich abgebrochen und nicht gewertet worden ist. Und jetzt droht dasselbe Szenario gleich nochmals.

Ja, das ist nun mal so. Ändern kann ich es nicht. Nur hoffen, dass wir bald wieder spielen können.

Wird die angefangene Meisterschaft zu Ende gespielt?

Ich bin kein Hellseher. Aber natürlich hoffe ich sehr darauf, dass der Ball im Frühling wieder rollen wird. Das hätten alle verdient, die Spielerinnen, der Trainerstaff und natürlich auch unsere Zuschauerinnen und Zuschauer.

Ihr Vertrag mit dem FC Schlieren läuft am 30. Juni dieses Jahres aus. Bleiben Sie auf dem Zelgli?

Gespräche mit dem Vorstand haben noch keine stattgefunden. Aber mir gefällt es im Verein, der von den beiden Co-Präsidenten Stefan Bolliger und Marco Seifriz mit viel Herzblut geführt wird.

Mit anderen Worten: Ja, Sie bleiben.

Von mir aus gerne.

Saisonschluss spätestens am 4. Juli

Anfang Woche haben die Amateurvereine Post vom Schweizerischen Fussballverband (SFV) erhalten. Inhalt des Schreibens: Der Zentralvorstand wolle auch weiterhin die angefangene Saison 2020/21 in allen Ligen und Kategorien «wenn immer möglich vollständig zu Ende spielen». Es soll sichergestellt werden, dass die Meisterschaften gewertet werden können. Dies ist der Fall, wenn in der Mehrheit der Meisterschaftsgruppen aller Kategorien und Ligen mindestens die Hälfte der regulären Runden vollständig gespielt werden kann. Als Vorbereitungsphase sind aktuell je nach Entwicklung drei bis maximal vier Wochen vorgesehen. Zugleich hat der Zentralvorstand mit Blick auf den Start der kommenden Saison 2021/22 mit dem 4. Juli bereits einen verbindlichen Endtermin für die aktuelle Spielzeit festgelegt. Man lasse nichts unversucht, dass unverzüglich wieder Fussball gespielt und normal trainiert werden könne, sobald es die epidemiologische Situation zulässt, heisst es in dem Schreiben weiter.

Von der Challenge League in die NLB der Frauen

Der 53-jährige Spanier Fernando Esteban übernahm die NLB-Fussballerinnen des FC Schlieren im Sommer 2019. Es ist sein erster Job im Frauenfussball. Zuvor war er bei YF Juventus Assistenztrainer in der 1. Liga Promotion. Esteban assistierte unter anderem auch während zweier Saisons Martin Rueda beim FC Wohlen in der Challenge League. Ein Grund dafür, dass es ihm im Frauenfussball gefällt, ist die Disziplin der Spielerinnen. «Ich spüre auch eine Dankbarkeit, die von den Männern eher selten gezeigt wird.»