Dietikon/Schlieren
«Wir sind seit langer Zeit ausgebucht»

Walter Trottmann, Urdorfer alt Gemeinderat und Präsident der Stiftung Jugend und Wohnen, kann von einem gelungenen Werk berichten. Seit zwanzig Jahren arbeiten die Jugendwohngruppen Limmattal erfolgreich zusammen.

Flavio Fuoli
Merken
Drucken
Teilen
Das Haus Neumattstrasse 2 in Dietikon. Flavio Fuoli

Das Haus Neumattstrasse 2 in Dietikon. Flavio Fuoli

Limmattaler Zeitung

Schon seit zwanzig Jahren kümmert man sich in den Jugendwohngruppen im Haus Schlieren und im Haus Dietikon um total 16 Jugendliche und junge Erwachsene, welche aus diversen Gründen nicht mehr zuhause leben können und sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden (siehe auch Kasten). «In den letzten drei Jahren, wahrscheinlich weiter zurück, sind wir voll ausgelastet. Wir führen stets eine Warteliste. Das ist auch der Grund, weshalb wir in den letzten Jahren nicht mehr soviel Werbung für unsere Institution machten», schaut Trottmann zufrieden zurück.

Zuerst Verein, dann Stiftung

Wohngruppen gabs im Limmattal zwar schon seit 1984 in Dietikon und Urdorf. Die Jugendlichen wurden durch Mitglieder der Jugendkommission des Bezirks betreut, was sich bald als unpraktisch erwies. Der Kanton anerkannte die Institution nur als Heim, wenn die Trägerschaft durch einen Verein übernommen werde. 1991 erfolgte die Gründung des Vereins Jugend und Wohnen Limmattal. Der Verein musste diese Forderung des Kantons erfüllen. Er musste ein Konzept entwickeln und Foundraising für die Pilotphase betreiben. Ab 1.Januar 1996 wird der Verein als dezentrales Jugendheim vom Kanton anerkannt. 1997 wird das Haus Urdorf abgebrochen, in Schlieren, an der Turmstrasse 12/14, wird das ganze Haus mit drei Wohnungen bezogen.

2005 ging der Verein in die Stiftung Jugend und Wohnen über. «Ein Verein ist komplizierter zu führen», urteilt Trottmann, «bei einer Stiftung ist die materielle Aufsicht besser gewährleistet, sie ist auch anders in der Region verankert.» Am Grundsatz, mit Jugendlichen umzugehen, habe sich dabei nichts geändert, sagt Trottmann, doch die Pädagogik habe sich stets weiter entwickelt.

16 Leute in Schlieren und Dietikon

Die Stiftung Jugend und Wohnen kann in Schlieren an der Turmstrasse12/14 auf dem Wagiareal zehn Plätze, im Haus Dietikon an der Neumattstrasse2 sechs Plätze anbieten. Die in den beiden Häusern untergebrachten Jugendlichen werden unterschiedlich betreut. In Schlieren existiert eine Jugendwohngruppe mit sechs vollbetreuten Plätzen, ein Studio mit zwei vollbetreuten Plätzen und eine Jugendwohnung mit zwei teilbetreuen Plätzen. In Dietikon sind es eine Jugendwohngruppe mit vier bis fünf teilbetreuten Plätzen und das Einzelwohnen mit ein bis zwei teilbetreuten Plätzen.

Die Stiftung garantiert die Betreuung an 365 Tagen im Jahr. Die vollbetreuten Gruppen in Schlieren werden 24 Stunden täglich beaufsichtigt. Für die anderen, teilbetreuten Jugendlichen besteht bei Abwesenheit der Sozialpädagoginnen und -pädagogen ein telefonischer Bereitschaftsdienst.

Höchstnote des Bundesamtes

In der Regel würden die Jugendlichen von den Sozialdiensten der Gemeinden angemeldet, erklärt Trottmann. Bezahlen würden die platzierenden Institutionen, also vor allem die Gemeinden oder die Justizämter.

Mit den Betreuten wird mittels gruppenzentriertem Modell gearbeitet. «Das heisst, alle in der Gruppe dürfen mitreden», so Präsident Trottmann, der der Trägerschaft seit zwanzig Jahren vorsteht. «Es werden Ziele formuliert und Rückmeldungen gemacht. Der Sozialpädagoge ist nur der Moderator und Coach. Es können auch Jugendliche die Sitzung leiten, welche in ihrer Entwicklung schon weit vorangeschritten sind.» Das Ziel sei immer, dass die Jugendlichen in eigener Verantwortung ihr Leben führen können.

Dieses Konzept hat sich offenbar bewährt. Das Bundesamt für Justiz führte im August 2009 einen Audit durch und kam auf die Höchstnote. «Ohne überzeugtes Mitwirken der betreuenden Fachleute und der Konstanz der langjährigen Mitarbeiter wäre die hohe Qualität nicht entstanden», ist sich Trottmann sicher. «Das Engagement der neuen Gesamtleiterin Maya Loosli und der beiden hausleiter Drago Juric, zehn Jahre Haus Schlieren, und Walter Fischer, 20 Jahre Haus Dietikon, ist für alle Vorbild.»

Ein wichtiger Beitrag sei auch die wohlwollende Unterstützung durch die Vermieter beider Häuser, Albert Anneler in Schlieren und die Stadt Dietikon. Und schliesslich der Beitrag der Jugendlichen: Die grössten Erfolgserlebnisse für alle seien die erfolgreichen Abschlüsse der Berufslehre und der Übertritt in eine eigene Wohnung.

Offen sein für Lücken

Für die Zukunft sieht Walter Trottmann die Erhaltung der Qualität als oberstes Ziel. Zweitens müsse man «bereit sein für erkennbare Lücken». Man habe zum Beispiel keine eigene Tagesstruktur. Einst habe man Wohnmöglichkeiten für Jugendliche mit Essstörungen eruiert, dies aber wieder fallen gelassen. «Vielleicht tauchen in Zukunft neue Bedürfnisse auf. Wir müssen offen sein zu reagieren.»