Limmattalbahn

Unsinnig, schädlich: Regierungsrat hält nichts von einem Projektstopp – es würden Millionen verschwendet

Über die Initiative zum Verzicht auf die zweite Etappe dürfte das Stimmvolk innert Jahresfrist befinden. Voraussetzung ist, dass der Kantonsrat der Empfehlung der Regierung folgt, die Initiative ablehnt und ebenfalls keinen Gegenvorschlag wünscht.

Sophie Rüesch
Drucken
Teilen
Spatenstich Limmattalbahn

Spatenstich Limmattalbahn

Sandra Ardizzone

Der Zürcher Regierungsrat lehnt die Volksinitiative «Stoppt die Limmattalbahn – ab Schlieren» ab und schickt sie ohne Gegenvorschlag zur Behandlung in den Kantonsrat, wie er gestern mitteilte. Die Initiative der Bahnprojektgegner wurde im Oktober ungeachtet der bereits begonnenen Arbeiten an der ersten Etappe für zustande gekommen erklärt – unter anderem, da sie nicht «offensichtlich undurchführbar» ist.

Baustelle Limmattalbahn Schlieren Zürcherstrasse 20. August 2017
13 Bilder
So wurden bereits einige Mittelinseln in der Zürcherstrasse zertrümmert.
So richtig los ging es am 11. September. Dann starteten die Hauptarbeiten und das Verkehrsregime änderte sich. Man kann mit dem Auto aber weiterhin in beide Richtungen fahren.
Besonders spüren wird man die Bauarbeiten vor allem in den Sommerferien 2018. Dann wird nämlich das Schlieremer Zentrum für fünf Wochen zur Intensivbaustelle mit Schichtbetrieb von 5 bis 22 Uhr.
In den Sommerferien 2019 wird dann der Farbhof zur Intensivbaustelle.
Nach den Sommerferien 2019 ist dann das Schlimmste überstanden: Das 2er-Tram verkehrt dann bis nach Schlieren. Und zwar im 7,5-Minuten-Takt.
Ab 2022 kommt dann die Limmattalbahn im 15-Minuten-Takt hinzu.
Zum Bauverlauf: Ab jetzt bis Sommer 2019 wird die Strecke vom Zürcher Farbhof bis nach Schlieren Geissweid gebaut. Die Abschnitte Altstetten bis Farbhof und Schlieren bis Killwangen folgen dann ab 2019.
Etwa so wird es dereinst aussehen, wenn die Limmattalbahn in Schlieren am Kesslerplatz vorbeifährt.
Am Bahnhof Dietikon wird sich die Limmattalbahn neben die bereits bestehende Bremgarten-Dietikon-Bahn der BDWM gesellen. Die BDWM wird auch die Limmattalbahn betreiben.
Eine weitere Haltestelle wird unter anderem die Haltestelle SCS/Tivoli in Spreitenbach sein, die dereinst in etwa so aussehen könnte.
Am Bahnhof Killwangen-Spreitenbach heisst es dann: "Endstation, bitte alle aussteigen".
Doch bis es so weit ist, muss noch viel gebaut werden.

Baustelle Limmattalbahn Schlieren Zürcherstrasse 20. August 2017

David Egger

Dass sie seiner Meinung nach aber offensichtlich unsinnig und schädlich ist, daran lässt der Regierungsrat in seinem Beschluss keinen Zweifel. Mit dem geforderten Verzicht auf den Bau der zweiten Etappe, mit der ab 2022 Schlieren mit Killwangen verbunden werden soll, falle eine umfassende Lösung für die heute schon prekäre Verkehrssituation in diesem «wichtigen Lebens- und Wirtschaftsraum» weg, schreibt er. «Für das Limmattal wäre es nicht gut, wenn dieses Projekt nicht als Gesamtwerk realisiert werden könnte», hält auf Anfrage auch Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) fest.

 Spatenstich für das 800-Millionen-Franken-Projekt Limmattalbahn auf dem Stadtplatz in Schlieren.
33 Bilder
 Die Limmattalbahn verbindet ab Ende 2022 die Gemeinden Zürich-Altstetten, Schlieren, Urdorf, Dietikon, Spreitenbach und Killwangen.
 Am Montag fand der Spatenstich für die 1. Etappe von Altstetten nach Schlieren mit Bundesrätin und Verkehrsministerin Doris Leuthard statt.
 Die Zürcher Regierungsrätin Carmen Walker-Späh beim Spatenstich.
 Der Aargauer Regierungsrat Stephan Attiger beim Spatenstich.
 Gesamtprojektleiter Daniel Issler beim Spatenstich.
 Bundesrätin Doris Leuthard beim Spatenstich, flankiert von der Zürcher Regierungsrätin Carmen Walker-Späh und dem Aargauer Regierungsrat Stephan Attiger
Die letzte Schaufel: Doris Leuthard beim Spatenstich, kurz bevor das Haltestellendomino fällt.
Der Startschuss für den Jahrhundertbau ist erfolgt.
Willy Haderer, sozusagen der Vater der Limmattalbahn, schaut Bundesrätin Doris Leuthard über die Schulter.
 Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger, der Aargauer Regierungsrat Stephan Attiger, Bundesrätin Doris Leuthard, der Limmattalbahn-Verwaltungsratspräsident Hans Egloff, die Zürcher Regierungsrätin Carmen Walker-Späh, der Limmattalbahn-Gesamtprojektleiter Daniel Issler, der Dietiker Stadtpräsident Otto Müller, die Urdorfer Gemeindepräsidentin Sandra Rottensteiner, der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin und der Killwanger Gemeindeammann Werner Scherrer.
 Regierungsrätin Carmen Walker-Späh, Bundesrätin Doris Leuthard, der "Vater der Limmattalbahn" Willy Haderer und der Verwaltungsratspräsident der Limmattalbahn AG, Nationalrat Hans Egloff am Baustart der Limmattalbahn in Schlieren.
 Der Spreitenbacher Gesamtgemeinderat liess es sich nicht nehmen, ein Erinnerungsbild mit Bundesrätin Doris Leuthard zu machen. Links von ihr Gemeindepräsident Valentin Schmid.
 Bundesrätin Doris Leuthard im Interview.
 Willy Haderer aus Unterengstringen, der "Vater der Limmattalbahn", liess sich das Spektakel nicht entgehen.
Statt eines roten Teppichs gab es einen schwarzen Teppich, darauf eingezeichnet die Bahnlinie mit den Haltestellen.
 Im Bild: Dietiker Stadtpräsident Otto Müller, Urdorfer Gemeindepräsidentin Sandra Rottensteiner, Nationalrat und Limmattalbahn-Verwaltungsratspräsident Hans Egloff aus Aesch, und der Limmattalbahn-Vater Willy Haderer.
 Im Bild: Urdorfer Gemeindepräsidentin Sandra Rottensteiner, Nationalrat und Limmattalbahn-Verwaltungsratspräsident Hans Egloff aus Aesch, der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin und der Dietiker Stadtpräsident Otto Müller.
Das Haltestellen-Domino, bevor es gefallen ist.
Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger.
Auch der Aargauer Regierungsrat und Baudirektor Stephan Attiger und sein Vorgänger Peter Beyeler liessen sich den Spatenstich nicht entgehen.
Der Gemeindeammann von Wettingen: Roland Kuster.
 Der Alt-Regierungsrat und Baudirektor des Aargaus, Peter C. Beyeler, filmt den Spatenstich. Links Jasmina Ritz, Geschäftsführerin Limmatstadt AG, ganz rechts im Bild Danilo Follador, im Urdorfer Gemeinderat zuständig für Bau und Planung.
Endhaltestelle Killwangen: Der Dominostein hat das Ziel erreicht.
 Die Limmattaler Politikerin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo.
 Der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin.
 Der Aargauer Alt-Regierungsrat und Alt-Baudirektor Peter Beyeler im Gespräch mit seinem Nachfolger Stephan Attiger (rechts).
Kopie von Impressionen vom Baustart der Limmattalbahn in Schlieren
Die Gemeindepräsidenten erhalten jeweils ihren Haltestellen-Dominostein. Hier nimmt der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin einen solchen Stein entgegen.
 Regierungsrätin Carmen Walker Späh, der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger und Bundespräsidentin Doris Leuthard beim offiziellen Spatenstich der Limmattalbahn in Schlieren.
Regierungsrätin Carmen Walker Späh, der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger und Bundespräsidentin Doris Leuthard beim offiziellen Spatenstich der Limmattalbahn in Schlieren.
Bundespräsidentin Doris Leuthard.
 Regierungsrätin Carmen Walker Späh.

Spatenstich für das 800-Millionen-Franken-Projekt Limmattalbahn auf dem Stadtplatz in Schlieren.

Sandra Ardizzone

Reine Geldverschwendung

Der Regierungsrat betont in seinem Beschluss, dass die Limmattalbahn weit mehr als ein Verkehrsprojekt sei. Damit verknüpft seien die Siedlungsplanungen der Standortgemeinden, die ohne die Bahn erschwert oder sogar infrage gestellt würden. So sähe sich etwa Dietikon mit einem Erschliessungsproblem im Entwicklungsgebiet Niderfeld konfrontiert, in Schlieren beträfe es vor allem das Wachstumsquartier im Westen. Auch die Verkehrsprobleme in der Region würden verschärft, nicht zuletzt, da die Limmattalbahnkredite auch in diverse Strassenprojekte fliessen.

«Im Limmattal haben wir die Gegner mobilisiert, nun müssen wir das Stimmvolk ausserhalb überzeugen.»

Bernhard Schmidt, Präsident des Initiativ-Komitees «Stoppt die Limmattalbahn»

Im Fall einer Annahme der Initiative befürchtet der Regierungsrat «unkoordinierte Notlösungen». Diese würden insgesamt nicht nur teurer kommen, sie wären auch weniger wirkungsvoll als das Gesamtverkehrs- und Siedlungsprojekt Limmattalbahn. Ohnehin sei ein Verzicht auf die Fertigstellung des Projekts reine Geldverschwendung: Der Kanton müsste im Fall einer Annahme der Initiative 30 bis 35 Millionen Franken an Planungsgeldern ohne Gegenwert abschreiben, so der Regierungsrat. Auch im Kanton Aargau, der ohne die zweite Etappe gar nichts von der Bahn hätte, wären bereits für Planungen aufgewendete 10 bis 15 Millionen in den Sand gesetzt. Weitere volkswirtschaftliche Schäden entstünden durch ohne die Bahn weiter ansteigende Staustunden auf den Strassen und verpasste Gebietsaufwertungschancen.

Ohne die zweite Etappe der Limmattalbahn würde in Dietikon (im Bild der Bahnhof) kein Tram verkehren.
15 Bilder
Die zweite Etappe erstreckt sich von Schlieren bis zum Bahnhof Killwangen-Spreitenbach.
Weitere Visualisierungen der Limmattalbahn: Bahnhof Altstetten
Zürich Micafil.
Kesslerplatz in Schlieren.
Spitalstrasse Schlieren.
Bahnhofplatz Dietikon.
Bahnhof Dietikon.
Die Haltestelle Badenerstrasse in Dietikon.
Die Haltestelle Furttalstrasse in Spreitenbach.
Der Endbahnhof Killwangen-Spreitenbach.
So sieht der Plan der Linienführung aus.
Dieser Plan zeigt die Linienführung in Schlieren.
Dieser Plan zeigt die Linienführung in Dietikon.
Plan der gesamten Linienführung.

Ohne die zweite Etappe der Limmattalbahn würde in Dietikon (im Bild der Bahnhof) kein Tram verkehren.

Architron Gmbh, Zürich

Diese Rechnung kann der Dietiker Initiativkomitee-Präsident Bernhard Schmidt, der vom Regierungsrat nichts anderes als eine Ablehnung erwartet hatte, nicht nachvollziehen. Würde die zweite Etappe nicht gebaut, würde der Kanton mehr Geld einsparen, als er für die Planungen in den Sand gesetzt hätte, sagt er. Die Fertigstellung der Limmattalbahn, zu der neben der Verlängerung von Schlieren nach Killwangen auch der Bau des fehlenden Streckenstücks zwischen Bahnhof Altstetten und Farbhof gehören, kostet rund 382 Millionen Franken. Der Kanton müsste davon voraussichtlich 262 Millionen zahlen, da der Bund 120 Millionen aus den Mitteln der Agglomerationsprogramme beitragen will.

Fokus auf auswärtiges Stimmvolk

Nicht gelten lässt der Regierungsrat das Hauptargument der Gegner: dass, nachdem die Vorlage im Bezirk Dietikon mit 54 Prozent Nein-Stimmen-Anteil verworfen wurde, eine neue Ausgangslage vorliege. Als die Zürcher Stimmberechtigten den 647-Millionen-Krediten für das Gesamtverkehrsprojekt am 22. November mit 64,5 Prozent Ja-Anteil zugestimmt hatten, hätten sie dies im Wissen um die Argumente beider Seiten getan. «Ich bin überzeugt, dass die damaligen Argumente nach wie vor greifen», sagt Walker Späh. Die Limmattalbahn stelle insbesondere für die Region selbst einen grossen Gewinn dar. «Das Gesamtprojekt ist eine umfassende Lösung für die Verkehrsprobleme in der zweitgrössten Region des Kantons Zürich.» Und dass das Zürcher Stimmvolk in den Agglomerationsverkehr investieren will, habe es schon mehrmals gezeigt.

«Ich bin überzeugt, dass die damaligen Argumente nach wie vor greifen.»

Carmen Walker Späh, Volkswirtschaftsdirektorin

Die Gegner der Limmattalbahn nehmen insbesondere den Rest des Kantons ins Visier bei der Planung des bevorstehenden Abstimmungskampfs. «Im Limmattal haben wir die Gegner mobilisiert, nun müssen wir das Stimmvolk ausserhalb davon überzeugen, dass wir die Bahn nicht wollen.» Walker Späh appelliert derweil an die lokale Politik, es den Gegnern gleichzutun: «Es ist ganz wichtig, dass die Limmattaler Behörden, von denen ausnahmslos alle uneingeschränkt hinter dem Projekt stehen, diese Überzeugung auch in den Rest des Kantons hinaustragen», sagt sie. Sie sollen aufzeigen, dass es im Limmattal auch klare Befürworter der Bahn gibt. «Diese Stimmen sind für die Abstimmung sehr wichtig.»

Der Abstimmungskampf dürfte übrigens einiges früher in die heisse Phase gehen als bisher angenommen. Der Urnengang findet voraussichtlich nicht erst 2020, sondern bereits im Herbst 2018 statt, wie die Volkswirtschaftsdirektion auf Anfrage erklärt. Dies unter der Voraussetzung, dass der Kantonsrat der Empfehlung der Regierung folgt, die Initiative ablehnt und ebenfalls keinen Gegenvorschlag wünscht. Ins Parlament dürfte das Geschäft im April kommen.

Kanton plant unbeirrt weiter

Schmidt ist froh, dass der Kanton die Sache zügig an die Hand nimmt, sodass ein Entscheid vor dem geplanten Baubeginn der zweiten Etappe im Jahr 2019 vorliegt. Vom Kantonsrat, der den Limmattalbahn-Projektkrediten 2015 mit überwältigender Mehrheit zustimmte, erwartet er «eine kontroversere Diskussion und mehr Stimmenthaltungen». Dass aus der Debatte aber kaum ein Gegenvorschlag oder gar eine Annahme der Initiative hervorgehen wird, weiss er.

In der Zwischenzeit plant der Kanton die zweite Etappe unbeirrt weiter. «Wir haben einen klaren Auftrag vom Volk und vom Kantonsrat. Diesen könnten nur gleichwertige Entscheide wieder aufheben», so Walker Späh.

Baustelle Limmattalbahn Schlieren Zürcherstrasse 20. August 2017
13 Bilder
So wurden bereits einige Mittelinseln in der Zürcherstrasse zertrümmert.
So richtig los ging es am 11. September. Dann starteten die Hauptarbeiten und das Verkehrsregime änderte sich. Man kann mit dem Auto aber weiterhin in beide Richtungen fahren.
Besonders spüren wird man die Bauarbeiten vor allem in den Sommerferien 2018. Dann wird nämlich das Schlieremer Zentrum für fünf Wochen zur Intensivbaustelle mit Schichtbetrieb von 5 bis 22 Uhr.
In den Sommerferien 2019 wird dann der Farbhof zur Intensivbaustelle.
Nach den Sommerferien 2019 ist dann das Schlimmste überstanden: Das 2er-Tram verkehrt dann bis nach Schlieren. Und zwar im 7,5-Minuten-Takt.
Ab 2022 kommt dann die Limmattalbahn im 15-Minuten-Takt hinzu.
Zum Bauverlauf: Ab jetzt bis Sommer 2019 wird die Strecke vom Zürcher Farbhof bis nach Schlieren Geissweid gebaut. Die Abschnitte Altstetten bis Farbhof und Schlieren bis Killwangen folgen dann ab 2019.
Etwa so wird es dereinst aussehen, wenn die Limmattalbahn in Schlieren am Kesslerplatz vorbeifährt.
Am Bahnhof Dietikon wird sich die Limmattalbahn neben die bereits bestehende Bremgarten-Dietikon-Bahn der BDWM gesellen. Die BDWM wird auch die Limmattalbahn betreiben.
Eine weitere Haltestelle wird unter anderem die Haltestelle SCS/Tivoli in Spreitenbach sein, die dereinst in etwa so aussehen könnte.
Am Bahnhof Killwangen-Spreitenbach heisst es dann: "Endstation, bitte alle aussteigen".
Doch bis es so weit ist, muss noch viel gebaut werden.

Baustelle Limmattalbahn Schlieren Zürcherstrasse 20. August 2017

David Egger