Seuchengeschichten

Als Sars 2003 zu einem folgenreichen Streit um die Zürcher Uhrenmesse führte

Die von einem Coronavirus hervorgerufene Sarspandemie sorgte 2003 für Aufregung an der Zürcher Uhrenmesse. Weil der Bund ein Arbeitsverbot für Messemitarbeitende aus Südostasien verfügte, kam es zum Streit bis vor dem Bundesgericht. Und in der Folge zum neuen Epidemiengesetz.

Matthias Scharrer
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Als der Schweinegrippe-Impfstoff endlich da war, herrschte vor dem Impfzentrum der Uni Zürich Grossandrang.

Als der Schweinegrippe-Impfstoff endlich da war, herrschte vor dem Impfzentrum der Uni Zürich Grossandrang.

Keystone

Als die Coronakrise diesen Winter näher rückte, dachten viele: Wird schon nicht so schlimm werden bei uns. Dabei wirkte die Erinnerung an die Schweinegrippe des Jahres 2009 und Sars 2003 mit, also an die letzten grossen Seuchen, die auch die Schweiz tangierten. Damals war die Besorgnis anfangs riesig gewesen. Doch nach ein paar Monaten stellte man fest: War ja doch nicht so schlimm. Gleichwohl wurden in der Folge die Weichen für den heutigen Umgang der Schweiz mit der Coronapandemie gestellt: Ein neues Epidemiengesetz entstand.

Ausgangspunkt war Sars. Der Erreger der Sars-Pandemie, die sich 2002/3 von Südchina aus global verbreitete, war ebenfalls ein Coronavirus. 800 Menschen starben daran, in 32 Ländern. In der Schweiz gab es im Frühjahr 2003 rund 30 Verdachtsfälle, aber keine Erkrankten, wie das Bundesamt für Gesundheit rückblickend schreibt.

In Zürich kam es wegen Sars an der Uhrenmesse in jenem Frühling zum Eklat: Der Bund verfügte ein Arbeitsverbot für Messepersonal aus Südostasien. Viele Messestände blieben leer, die Messe floppte. Ihre Macher gingen vor Bundesgericht. Dieses gab dem Bund recht: Da die Uhrenmesse-Kantone Zürich und Basel-Stadt sich nicht hatten einigen können, wie mit der Seuchengefahr umzugehen sei, habe er richtig gehandelt. Laut Gericht bestand eine «besondere Problemlage, welche den üblichen Rahmen der den Kantonen zustehenden Vollzugsaufgaben klar sprengte und richtigerweise auf Bundesebene zu regeln war».

Das Urteil wurde zum Startsignal für ein neues Epidemiengesetz. Sars und die Schweinegrippe spielten in der Argumentation des Bundesrats für seine Gesetzesvorlage von 2010 eine wichtige Rolle: Es galt, seine Kompetenzen im Umgang mit Seuchen zu klären und zu stärken. Nach dem National- und Ständerat sprach sich auch das Stimmvolk in einem Referendum klar dafür aus. 2016 trat das neue Epidemiengesetz in Kraft.

Sechs Jahre nach Sars sorgte die nächste Pandemie für Verunsicherung: Die Schweinegrippe. Sie war ursprünglich aus Mittelamerika gekommen und verbreitete sich weltweit. Anfang Mai hatte die Schweiz ihren ersten Infektionsfall, einen Studenten aus Baden, der das Virus aus Mexiko mitgebracht hatte. Einen Monat später gab es den ersten bestätigten Fall im Kanton Zürich: eine Frau, die in den USA in den Ferien gewesen war.

Schreckensszenario des Bundes

Im Juli 2009 folgte dann die Schreckensmeldung des Bundesamts für Gesundheit: Bis im Herbst könnten zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer an der Schweinegrippe erkrankt sein. Würden die Schulen schliessen müssen? Müsste die Street Parade ausfallen? Das Bundesamt für Gesundheit sah keinen Grund, Grossveranstaltungen abzublasen. Und aus der Zürcher Gesundheitsdirektion verkündete eine Sprecherin: «Wir appellieren an die Eigenverantwortung. Wer sich krank fühlt, soll keinesfalls an die Parade gehen und auch nach dem Abklingen noch 24 Stunden warten.»

Auch die Schulen blieben offen. Sie mussten lediglich auf regelmässiges, ausgiebiges Händewaschen pochen. Der Zürcher Lehrerverband monierte, dies sei kaum konsequent umsetzbar, da sonst zu viel Unterrichtszeit draufginge. Darüber hinaus untersagte die kantonale Bildungsdirektionen zeitweise klassenübergreifende Veranstaltungen an den Schulen. Und in den Zürcher Kitas und Horten wies das Volksschulamt darauf hin, dass Kinder bei Erkrankungssymptomen sofort nach Hause müssten.

Die Schweinegrippe breitete sich aus, doch die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Im November 2009 meldete die Weltgesundheitsorganisation 6250 Schweinegrippe-Tote. Auch die Schweiz hatte erste Opfer zu beklagen: Ein Baby mit Herzfehler aus dem Kanton Basel-Landschaft und zwei chronisch kranke Frauen aus Winterthur erlagen der Schweinegrippe.

Für Diskussionen sorgte in jenem November das Thema Impfen. Zwar gab es neue Impfstoffe gegen die Schweinegrippe. Doch Meldungen über schwere Nebenwirkungen machten die Runde. Und: Die Impfstoffe waren erst gegen Ende November verfügbar. Sie blieben zunächst den Risikogruppen vorbehalten. Als dann der Impfstoff da war, bildeten sich vor dem Impfzentrum der Universität Zürich lange Schlangen von Impfwilligen. Doch die Impfungen blieben umstritten: Teilweise sträubte sich selbst Pflegepersonal in den Spitälern dagegen, sich impfen zu lassen. In den Spitälern Uster, Winterthur und Triemli wurde das Tragen von Schutzmasken für Ungeimpfte zur Pflicht. Personalverbände kritisierten dies als diskriminierend, wie die «Limmattaler Zeitung» damals berichtete.