Stadtklima

Bauboom, Klimawandel, Abgase: Die Bäume in der Stadt haben viele Feinde

Eine Ausstellung der Stadtgärtnerei Zürich zeigt auf, wie es um die Stadtbäume steht und mit ihnen weitergeht. Im Klimawandel sind sie nötiger denn je. Dennoch geraten sie zunehmend unter Druck.

Matthias Scharrer
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Eichen, Linden und Platanen zählen zu den traditionellen Stadtbäumen. Doch welche Bäume passen zum künftigen Stadtklima?

Eichen, Linden und Platanen zählen zu den traditionellen Stadtbäumen. Doch welche Bäume passen zum künftigen Stadtklima?

Ayse Yavas/zvg

Der Tod markanter Bäume sorgt bisweilen für Aufsehen. So etwa in Schlieren, als eine Blutbuche der Limmattalbahn weichen musste. Oder aktuell in Zürich-Witikon, wo Baumfreunde gegen das Fällen einer Hängebuche kämpfen, wie das «Tagblatt der Stadt Zürich» berichtete. Doch die meisten Bäume verschwinden sang- und klanglos. Das zeigt gleich zu Beginn die Ausstellung «Bäume in der Stadt», die kürzlich in der Stadtgärtnerei Zürich eröffnet wurde: Im Stadtteil Schwamendingen etwa sank der Baumbestand seit dem Jahr 2006 um 18 Prozent – von 7033 auf 5793 Bäume mit einem Umfang von mehr als 80 Zentimetern.

Bauboom, Klimawandel, Abgase, Streusalz: Die Stadtbäume haben viele Feinde. Trotzdem gibt es in Zürich gut 110000 von ihnen. Ein sorgsamer Umgang mit den grünen Schattenspendern ist nötig, das macht die Ausstellung deutlich. Ansonsten würde es in der Stadt noch heisser. Bei einer allgemeinen Lufttemperatur von 30 Grad sorgen beispielsweise die 14 Bäume auf dem Stadelhoferplatz für angenehme 24 Grad. Hingegen ist es auf dem baumlosen Münsterhof gleichzeitig gefühlte 38 Grad heiss.

Doch wie trägt die Stadt den Bäumen Sorge? Private können dabei eine wichtige Rolle spielen. So seien die Baumverluste in Schwamendingen vor allem auf kleinen Parzellen passiert, wenn ohne Ersatzpflanzungen gebaut wurde, heisst es in der Ausstellung. Auf grossen Flächen seien die gesetzlichen Grundlagen für den Schutz und die Förderung von Bäumen besser. Dort werde eher für angemessenen Ersatz gesorgt.

Das Thema Bäume wurde lange unterschätzt

Das Beispiel Münsterhof zeigt jedoch: Auch die Stadt Zürich hat das Thema Bäume lange unterschätzt. Bei der Neugestaltung des Platzes inmitten der Altstadt verzichtete sie 2016 noch auf Bäume. Nachdem in der Folge aus der Bevölkerung der Wunsch nach Schatten und Pflanzen lauter wurde, schwenkte sie um. Nun plant das Tiefbauamt, drei Winterlinden auf dem Münsterhof zu pflanzen.

Münsterhof Zürich Der Zürcher Münsterhof, fotografiert am Abend des 17. Mai 2017.

Münsterhof Zürich Der Zürcher Münsterhof, fotografiert am Abend des 17. Mai 2017.

SEVERIN BIGLER

Linden gehören zu den traditionsreichsten Bäumen in Zürich. So wurde der Lindenhof schon im 15. Jahrhundert damit bepflanzt und zur ersten Grünanlage innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern. Auch der wohl älteste Baum Zürichs, die 300-jährige Oerliker Dorflinde, ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Sie diente einst als Gerichtsort.

Der Lindenhof - wo Zürichs Geschichte begann Der Lindenhof war die erste Grünanlage innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern Zürichs.

Der Lindenhof - wo Zürichs Geschichte begann Der Lindenhof war die erste Grünanlage innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern Zürichs.

Hat Zürich bald ein Klima wie heute Madrid?

Heute ist der Spitzahorn mit einem Anteil von zwölf Prozent der häufigste Strassenbaum in Zürich. Allerdings machen ihm die steigenden Temperaturen zu schaffen, wie es in der Ausstellung heisst. Auch bei den in Zürich ebenfalls häufigen Platanen seien in letzter Zeit neue Krankheiten und Schädlinge aufgetreten. Erinnert sei zudem an die alten Rosskastanien am Seeufer beim General-Guisan-Quai, die die Stadt 2017 wegen Pilzbefalls reihenweise fällen liess. Nachdem ein Sturm einen erkrankten Baum umgeworfen hatte, galten sie als Gefahr für Fussgänger.

Welche Bäume in der Stadt Zukunft haben, ist also unsicher. «Unser Klima 2050 könnte das heutige Klima von Madrid werden», sagt Roger Lanz von Grün Stadt Zürich in der Ausstellung. Was dann in dieser Klimazone wächst, gelte es erst noch herauszufinden.

Einen Beitrag dazu könnte die Zukunftsallee leisten: eine Reihe von frisch gepflanzten verschiedenen Baumsorten im Aussenbereich der Stadtgärtnerei. Zum Verweilen und Nachdenken laden gleich nebenan die aus massivem Holz gesägten Liegestühle unter einer alten Eiche ein.

Dort lässt es sich nachdenken über Sätze wie jenen, den Franz Hohler zur Ausstellung beisteuerte: «Jeder Baum atmet mit uns und für uns.»

Ausstellung «Bäume in der Stadt»

Stadtgärtnerei Zürich, Sackzelg 27, bis 22. August 2021, täglich
12 - 16.30 Uhr, Eintritt frei.

In der Zukunftsallee testet die Stadtgärtnerei, welche Bäume in Zürich künftig gedeihen könnten.

In der Zukunftsallee testet die Stadtgärtnerei, welche Bäume in Zürich künftig gedeihen könnten.

Ayse Yavas/zvg