Fekker-Chilbi

Daniel Huber : «Wir sind der 27. Kanton der Schweiz»

Seit drei Jahren präsidiert er die Interessengemeinschaft der Fahrenden in der Schweiz. Zuvor hatte sein Vater Robert Huber das Präsidium der Radgenossenschaft inne.

Matthias Scharrer
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Daniel Huber im Dokumentationszentrum der Radgenossenschaft der Landstrasse in Zürich: «Wiedergutmachung wäre, wenn wir Plätze erhielten.»

Daniel Huber im Dokumentationszentrum der Radgenossenschaft der Landstrasse in Zürich: «Wiedergutmachung wäre, wenn wir Plätze erhielten.»

Fekker-Chilbi: Das Fest der Fahrenden

Schweizer Fahrende und Sesshafte treffen sich am kommenden Wochenende erstmals in Zürich zur Fekker-Chilbi. Den Auftakt bilden am Donnerstag- und Freitagnachmittag Filmvorführungen: Das Kino Xenix zeigt «Jung & Jenisch» und «Kinder der Landstrasse». Am Freitagabend stehen Konzerte von Dodo Hug und Flo Kollegger auf dem Programm. Am Samstag und Sonntag bieten Jenische auf dem Helvetiaplatz Waren feil und zeigen traditionelles Handwerk. Dazu gibt es jenisches Essen, Trinken und von früh bis spät Musik. In der Bäckeranlage sind Lesungen sowie ein Bootsch-Turnier angesagt - eine Art Boccia mit eckigen Steinen.

Daniel Huber freut sich auf die Fekker-Chilbi in Zürich. Das Fest der Fahrenden in der Schweiz geht auf eine letztmals 1830 belegte Tradition in Gersau SZ zurück. Von dort stammt auch der Ausdruck Fekker, eine ursprünglich abschätzige Bezeichnung der Sesshaften für die Fahrenden. Vor einigen Jahren wurde die Fekker-Chilbi wiederbelebt, und nach vier Ausgaben in Brienz findet sie am Wochenende erstmals in Zürich statt (siehe Text).

«Ich hoffe, viel sesshaftes Volk zu sehen, damit mit wir bei einem Kafi Luz oder einem Bier Vorurteile abbauen können», sagt der Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse. Noch immer gelte: «Wenn ein Fahrender etwas klaut, wird das auf die ganze Gruppe bezogen.» Und beim Hausieren müssten die Fahrenden unzählige Kontrollen über sich ergehen lassen. «Die Jenischen sind die bestkontrollierten Bürger der Schweiz», sagt Huber.

Seit drei Jahren präsidiert er die Interessengemeinschaft der Fahrenden in der Schweiz. Zuvor hatte sein Vater Robert Huber das Präsidium der Radgenossenschaft inne. Der heute 80-Jährige war eines von über 600 Kindern, die das zur Pro Juventute gehörende Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» ihren Eltern weggenommen hatte, um sie in Heime zu sperren oder bei Pflegeeltern zu verdingen. Erst, nachdem der «Beobachter» diese jahrzehntelange Praxis aufgedeckt hatte, wurde sie vor 40 Jahren allmählich gestoppt.

Fahrende Lebensweise wieder «in»

Die Folgen sind bis heute spürbar: Neben den seelischen Wunden der Betroffenen zählt dazu laut Daniel Huber auch die Tatsache, dass von den 35 000 Jenischen in der Schweiz nur 3000 bis 5000 Fahrende sind. «Man hat sie sesshaft gemacht und ihnen eine andere Kultur gegeben», sagt Huber.

Doch in den letzten Jahren sei eine Gegenbewegung entstanden. Die fahrende Lebensweise sei bei den jungen Jenischen wieder «in». Dass Prominente wie die Sängerin Dodo Hug sich zu ihrer jenischen Herkunft bekennen, trage mit dazu bei. «Wir sind der 27. Kanton der Schweiz», sagt Huber selbstbewusst.

Was noch immer fehle, seien aber Standplätze und Durchgangsplätze für die Fahrenden und ihre Wohnwagen. Die «Kinder der Landstrasse» und ihre Angehörigen erhielten vom Bund zwar finanzielle Entschädigungen. Der Bund anerkannte die Jenischen als schützenswerte Minderheit. Laut Bundesgericht haben sie ein Recht auf Standplätze, um ihre Lebensweise beibehalten zu können. Doch in der Praxis hapere es genau daran, sagt Huber.

«Wiedergutmachung wäre, wenn wir Plätze erhielten.» Besonders gross sei das Manko in den Kantonen Solothurn, Schwyz und Bern. Der Kanton Zürich liege mit drei Standplätzen in Winterthur, Kloten und Zürich im Mittelfeld; Graubünden sei diesbezüglich «sehr gut», der Aargau hole auf.

Daniel Huber selbst ist mehrheitlich sesshaft, obwohl er einen Teil seines Geldes als fahrender Messerschleifer verdient. Er wohnt in einer Wohnung in Birmensdorf. Seinen Wohnwagen hat er vor sieben Jahren verkauft. Das 60-Prozent-Pensum als Präsident der Radgenossenschaft, die ihren Sitz in Zürich hat, wäre mit ständigem Herumreisen schwer vereinbar, erklärt er. «Ich habe meine Aufgabe noch nicht so weit erfüllt, wie ich das will: Mir ist wichtig, dass die jungen Jenischen die Chance haben, ihre Kultur zu leben.»

Ob er später wieder mehr auf Achse sein werde? Huber schmunzelt. Die Frage nach der Zukunft sei typisch für einen Sesshaften. «Ich kann Dir nicht sagen, was morgen ist.»