Interview

Das Ja zur Homo-Ehe ist so ziemlich das einzige, was diese Jungpolitiker eint

Sie gehören zu jenem Bruchteil der «Generation happy», der sich politisch engagiert: Rafael Mörgeli (Juso) und Andri Silberschmidt (Jungfreisinnige) über den Einstieg in die Politik.

Matthias Scharrer
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Wenig Gemeinsamkeiten: Die Jungpolitiker Rafael Mörgeli (links) und Andri Silberschmidt.Sandra Ardizzone

Wenig Gemeinsamkeiten: Die Jungpolitiker Rafael Mörgeli (links) und Andri Silberschmidt.Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Sie zählen zu den aufstrebenden Zürcher Jungpolitikern: Andri Silberschmidt (21, FDP) und Rafael Mörgeli (22, SP). Mörgeli wurde bekannt als Sekretär der Juso Kanton Zürich − und als Neffe von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli. Silberschmidt ist Präsident der Zürcher Jungfreisinnigen. Er machte sich zudem einen Namen als Initiant der gescheiterten Initiative für die Abschaffung der Kirchensteuer für Firmen. Beide wollen am 12. April in den Zürcher Kantonsrat gewählt werden.

Was verbindet Sie?

Andri Silberschmidt: Wir gehören dem Bruchteil der jungen Generation an, der sich aktiv politisch engagiert. Das ist einer der wenigen Schnittpunkte, die wir haben.

Rafael Mörgeli: Ich denke auch, wir sind eine Minderheit in unserer Generation, der Generation happy. Aber ich glaube, uns verbindet noch mehr, etwa unsere liberale Haltung zur Homo-Ehe. Ansonsten hat es jedoch schnell ein Ende mit den Gemeinsamkeiten.

Warum engagiert sich nur eine Minderheit der «Generation happy» politisch?

Mörgeli: Gute Frage. Wir stehen an einer Schwelle: Wir sind die erste Generation, die es wirtschaftlich nicht besser haben wird als ihre Eltern. Das müsste eigentlich einen Aufschrei geben. Auf der anderen Seite sind wir in den 90er-Jahren aufgewachsen, als es allen noch ziemlich gut ging. Und Bewegungen wie die «Occupy»-Bewegung haben es nicht geschafft, Diskussionen darüber, was wir von der Wirtschaft erwarten können, weiterzuziehen.

Silberschmidt: Dort gaben die falschen Leute den Ton an.

Mörgeli: Ja. Wenn ich Andri gewesen wäre, hätte ich auch keine Lust gehabt, mich mit solchen Leuten auseinanderzusetzen.

Es ging den Leuten also zuletzt wirtschaftlich zu gut, um sich politisch zu engagieren. Herr Silberschmidt, was ist Ihr Erklärungsansatz?

Silberschmidt: Ich erwarte nicht von allen Leuten, dass sie politisch aktiv sind. Aber ich erwarte, dass sie sich eine Meinung bilden und ihre demokratischen Mitbestimmungsrechte wahrnehmen. Mir ist jemand, der bei den Juso ist, lieber als jemand, der gar keine Meinung hat. Wichtig ist, dass wir Jungen uns Gedanken über die Zukunft machen und nicht einfach nur herumhängen.

Braucht es neue Denkansätze in der Politik?

Silberschmidt: Es braucht vor allem mal wieder liberale Lösungen. In den letzten 20 Jahren gab es keine grossen liberalen Reformen mehr in diesem Land. Wir haben grosse Herausforderungen, vor allem im Vorsorgebereich und in der Wirtschaft. Die Entscheide, die wir heute fällen, spürt man nicht morgen, sondern in zehn, zwanzig Jahren. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir Jungen auch einen Gegentrend zum Mainstream setzen. Und Mainstream bedeutet momentan: mehr Staat, dem Bürger die Freiheiten einschränken, die Jungen bevormunden. Die Renten sind für uns Junge nicht mehr sicher, wir werden 40 oder 50 Jahre lang einzahlen, wissen aber nicht, ob wir dann auch etwas bekommen. Daher braucht es frischen liberalen Wind. Die Schweiz war zwar auf dem Papier immer bürgerlich. Aber was man in den letzten 20 Jahren alles gemacht hat, verbaut den Jungen die Zukunft.

Herr Mörgeli, Sie schütteln den Kopf?

Mörgeli: Diese Analyse überzeugt mich nicht. Es sind durchaus liberale Ansätze gekommen, wie zum Beispiel die Senkung des Grundstückgewinnsteuersatzes. Das Volk hat Nein dazu gesagt. Und: Der Kanton Zürich ist bürgerlich regiert. Die Linke ist immer in der Minderheit. Ich will mich nicht als Opfer darstellen. Aber den Ton geben nicht die Linken an. Die Bürgerlichen setzen im Kantonsrat Pauschalkürzungen beim Budget durch, ohne zu sagen, wo konkret gespart werden soll. Ich gehe aber mit Andri wohl darin einig, dass es in gewissen Bereichen zu viel Bürokratie gibt; zum Beispiel beim Lehrplan 21 mit seinen 600 Seiten.

Ihre Mutterparteien, die FDP und die SP, haben zuletzt bei den Zürcher Kantonalwahlen verloren. Gibt es junge Politik, die neue Akzente setzen könnte, um vermehrt junge Wähler anzulocken?

Mörgeli: Am wichtigsten ist es, den Jungen zu vermitteln, dass alles, was wir tun, irgendwie mit Politik zu tun hat. Zum Beispiel wenn sie sich beklagen, dass im Ausgang alles so teuer ist: Da kann man argumentieren, dass die Clubbetreiber erstens satte Gewinne einstreichen und zweitens in der Stadt hohe Mieten bezahlen müssen. Das führt wiederum zur Bodenpolitik. Etwas anderes, das ich unfair finde, ist der Nachtzuschlag im öffentlichen Verkehr. Den bezahlen vor allem die Jungen, denn alte Leute fahren meistens nicht nachts um eins mit dem öV heim. Also bezahlen genau die Leute, die es sich eigentlich am wenigsten leisten können. Darum haben sich die Juso das Motto «ändern, was dich stört» auf die Fahnen geschrieben.

Was ist aus jungfreisinniger Sicht zu tun, damit die FDP wieder auf Erfolgskurs kommt?

Silberschmidt: Wir sind seit letztem Jahr auf Erfolgskurs, als die FDP bei den Zürcher Gemeindewahlen viele Siege errang. Man merkt langsam, dass die Konzepte der FDP uns weiter bringen, vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Was die Jungfreisinnigen von den Juso unterscheidet: Wir machen keine Politik fürs Partyvolk, in der es um teure Drinks und Nachtzuschlag geht. Ich will den Jungen vermitteln: Ihr seid erfolgshungrig. Und wer Erfolg haben will, braucht gute Rahmenbedingungen. Für Start-ups muss es einfach sein, Kapital zu bekommen. Wer studieren will, muss eine gute Uni haben. Aber wer Erfolg haben will, muss auch selber die nötige Leistung erbringen. Wer so denkt, merkt schnell, dass eine Zwängerei-Politik, die Erfolg bestraft, einfach nicht zukunftsweisend ist. Ich richte den Blick mehr auf die nächsten 20 Jahre als darauf, ob ich jetzt den Nachtzuschlag bezahlen muss, um nach Hause zu fahren.

Mörgeli: Ich wollte mit diesem Beispiel nur verdeutlichen, dass wir ansprechen, was die Leute beschäftigt. Ich möchte auch Berufsschulen, an denen Erfolgshunger herrscht. Es ist aber auch klar, dass die Berufsschüler in ihren Betrieben Probleme haben, derer sich die Juso annehmen, zum Beispiel zu wenig Lohn. Erfolgshunger beruht auch darauf, dass man Perspektiven hat. Und Perspektiven kann nur eine gute Ausbildung ergeben. Wir sind ja nicht die, die ständig bei der Bildung sparen. Das seid Ihr!

Silberschmidt: Die Bildungsausgaben wachsen überproportional zum Kantonshaushalt.

Mörgeli: Gute Bildung kostet halt.

Silberschmidt: Klar, aber man kann sie nicht nur in Zahlen fassen. Wenn der Lehrer fast nicht mehr Schule gibt, sondern sich mehr mit Eltern und Paragrafen beschäftigen muss, kann man noch so viel Geld in die Bildung pumpen.

Mörgeli: Da bin ich mit dir einig, da gibt es Handlungsbedarf. Aber ich sehe auch: Was von rechts kommt, sind Pauschalkürzungsanträge, die dann die Bildungsqualität treffen.

Silberschmidt: Es geht ja nie um eine Ausgabenkürzung, sondern um weniger Budgeterhöhung.

Jetzt sind wir in einer Budgetdebatte, fast wie bei altgedienten Kantonsräten. Gibt es Ansätze, wie Sie Ihre Parteien verändern möchten?

Silberschmidt: Wir sollten noch enger mit der Start-up-Szene zusammenarbeiten und vermehrt ihre Anliegen berücksichtigen. Die Programme der Jungfreisinnigen und der FDP unterscheiden sich aber nicht grundlegend. Wir wollen das Parteiprogramm der FDP nicht auf den Kopf stellen.

Mörgeli: Auch ich sehe mich nicht als SP-Feind, sonst würde ich nicht auf einer SP-Liste kandidieren.

Herr Silberschmidt, Sie sind mit Ihrem alten Opel Rekord auf Wahlkampftour. Braucht es einen neuen Politikstil?

Silberschmidt: Ich bin Verfechter einer sachlichen Debatte und nicht von Provokationen. Das ist nicht unbedingt ein neuer Politikstil. Den Juso gehts vor allem ums Auffallen, mir gehts mehr um die Hintergrundarbeit.

Mörgeli: Ein Stück weit setzen wir auf Provokationen, damit die Bevölkerung gewisse Themen überhaupt wahrnimmt.

Braucht es neue Kommunikationskanäle, um die Jungen zu erreichen?

Silberschmidt: So wie meinen alten Opel? Nein, Spass beiseite: Man sollte die Kommunikationskanäle nützen, die einem liegen. Wenn ein gestandener Politiker plötzlich das Gefühl hat, er müsse jetzt auch auf Social Media aktiv sein, wirkt das eher komisch.

Mörgeli: In der SP-Wahlkampagne setzen wir stark darauf, die Leute übers Telefon zu erreichen. Denn ein persönliches Gespräch nützt viel mehr als ein Tweet.

Das Telefon und ein alter Opel sind also die Kommunikationsmittel des Wahlkampfs im 21. Jahrhundert?

Mörgeli: Politik ist ein altes Geschäft, das hat sich nicht wahnsinnig geändert. Das Wichtigste dabei sind immer noch die Argumente. Man muss mit den Leuten ins Gespräch kommen, deswegen bist Du ja mit Deinem Opel unterwegs. Ich schreibe auch Blogs und bin auf Facebook und Twitter. Aber ich weiss nicht, wie stark das wirklich zu einem Wahlsieg beitragen kann.

Silberschmidt: Die auf Social Media veröffentlichten Meinungen ergeben ja oft das Gegenteil dessen, was dann bei Abstimmungen herauskommt. Was mir bei meiner Opel-Aktion unter dem Motto «Was kann ich im Rathaus für Sie tun?» wichtig ist: Wir Politiker wissen nicht alles besser, sondern sollten wahrnehmen, was die Bürger wirklich beschäftigt.

Mörgeli: Aber wir sollten mit einer gewissen Linie an die Leute herantreten und versuchen, sie mit Argumenten zu überzeugen. Sonst wären wir ja wie Fähnlein im Wind.

Letzte Frage: Wer gewinnt, wer verliert bei den kantonalen Wahlen am 12. April?

Mörgeli: Schwer zu sagen. Nach dem letzten Abstimmungssonntag denke ich, dass Parteien ohne klare Ideen, wie zum Beispiel die GLP und die CVP, abstürzen werden und die SP leicht zulegt.

Silberschmidt: Ich weiss nicht wie das Volk am 12. April denken und entscheiden wird. Ich kämpfe dafür, dass die FDP zu den Siegern zählt. Aber ich wage keine Prognose.