Corona-Krise

Das Pandemieschutz-Geschäft floriert

Eine Zürcher Firma versorgt Gemeinden, Spitäler und Banken mit Plexiglas-Schutzwänden. Trotz des Booms im Zuge der Corona-Krise befürchtet ihr Chef, dass er dereinst Kurzarbeit anmelden muss. Denn das Messe- und Eventgeschäft ist eingebrochen.

Matthias Scharrer
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Bei der Neoplex AG in Zürich werden Pandemieschutz-Stellwände produziert.

Bei der Neoplex AG in Zürich werden Pandemieschutz-Stellwände produziert.

Alex Spichale

Die Umgebung der Neoplex AG in Zürich Altstetten ist vielseitig: Links steht die Neuapostolische Kirche, ein paar Häuser weiter das besetzte Koch-Areal, gegenüber die Wohnsiedlung «James» mit Butler-Service. «Früher war hier alles Industrie. Jetzt sind wir die letzten Mohikaner», sagt Norbert Caviezel. Er hat vor 15 Jahren die auf Plexiglas-Verarbeitung spezialisierte Firma übernommen. Bald darauf, als die Vogelgrippe grassierte, machte er erstmals mit einem Produkt namens «Pandemie-Schutz» Umsatz. Es handelt sich um eine Plexiglas-Stellwand mit Durchreiche, einen Meter breit und achtzig Zentimeter hoch. Später, zu Zeiten der Schweinegrippe und von Sars, sei sie wieder gefragt gewesen. Dann interessierte sich jahrelang niemand mehr dafür.

Doch jetzt kommen Caviezels Angestellte mit der Produktion kaum noch nach: Gemeinden, Firmen, Spitäler und Hochschulen aus dem Raum Zürich sorgen für volle Auftragsbücher. Allein von der Pandemieschutz-Stellwand hat Caviezel seit Beginn der Corona-Krise 600 Exemplare verkauft respektive in Auftrag. Ebenfalls sehr gefragt seien Flyer-Halter für Hinweisschilder zum Umgang mit den Corona-Risiken.

Profitiert Caviezel von der Corona-Krise? «Wir nützen die grosse Nachfrage preislich nicht aus», betont er. Zudem sei ein anderer für seine Firma wichtiger Markt völlig zusammengebrochen: Events und Messen. Der Geschäftsführer macht sich keine Illusionen: Irgendwann sind die Gemeinden, Spitäler, Banken und Versicherungen mit Pandemieschutz-Stellwänden eingedeckt. Und wenn dann noch immer keine Events mehr stattfinden, werde wohl auch er Kurzarbeit beantragen müssen.

Doch aktuell läuft das Geschäft: In der Werkstatt in Zürich Altstetten werden Plexiglasscheiben zurechtgeschnitten, gebogen, poliert und gestapelt. Es riecht nach warmem Kunststoff. Ein paar Mal läutet es während unseres Besuchs gestern Nachmittag: Kunden holen den Pandemieschutz ab. Immer wieder muss Caviezel zwischendurch Anrufe entgegennehmen. Er suche noch Personal für einfache Hilfsarbeiten, sagt er. Für die Produktion vertraue er jedoch auf seine bewährten Fachkräfte: «Ich lasse niemanden an die Maschinen, der es nicht gelernt hat», sagt Caviezel.

Von der Informatik zum Plexiglas

Er selbst ist ursprünglich Informatiker und führte ein eigenes Geschäft für digitale Lernplattformen. Nachdem er 40-jährig geworden war, suchte er ein zweites Berufsleben: «Ich hatte genug von 16-Stunden-Tagen und wollte einen Job, bei dem ich um 17 Uhr die Türe abschliessen kann.» Während einer Auszeit habe er per Inserat nach einer Firma gesucht, die einen neuen Inhaber suchte. So stiess er auf das vormalige Familienunternehmen Neoplex, das seit 1952 Plexiglas und andere Kunststoffe verarbeitet. Heute hat der 60-Jährige fünf Angestellte, wobei zurzeit zwei krank seien. «Sie sind aber nicht Corona-infiziert, das wurde getestet», sagt Caviezel. Doch mit dem frühen Feierabend werde es zur Zeit nichts.

Über 300 Zürcher Firmen haben um staatliche Hilfe ersucht

Staatliche Hilfe für Firmen, die wegen des Corona-Virus hohe Einbussen haben, gibt es in Form von Kurzarbeit. Dabei übernimmt die Arbeitslosenversicherung eine Zeit lang einen Teil der Lohnkosten. Beim Kanton Zürich sind im Zusammenhang mit dem Corona-Virus weit über 300 Gesuche für Kurzarbeit eingegangen. Bislang wurden davon 171 bewilligt, wie eine Sprecherin des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit gestern sagte; 110 waren noch in Bearbeitung. Die Gesuche kamen vor allem aus der Event-Branche; darunter fallen auch Messebau, Catering, Musiker und Restauration. Auch aus der Reisebranche gingen Gesuche ein. (mts)