1.-Mai-Umzug
Demonstranten haben verschiedene und schräge Ideen für eine bessere Welt

Der gemeinsame Kampf der 1.-Mai-Demonstranten gilt grundsätzlich dem Kapitalismus. Die diversen Forderungen sind breit gefächert und reichen von «Kolumbien will Frieden» bis «Keine Zigaretten im Kinderzimmer».

Michael Rüegg
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1.-Mai-Umzug in Zürich
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Gegen Abzocker.
Gegen Heuchler.
Gegen Reiche.
Gegen Apartheid.
Feuer und Flamme.

1.-Mai-Umzug in Zürich

Keystone

Faire Löhne, bessere Renten. Das Transparent, das die Spitze des diesjährigen Zürcher 1.-Mai-Umzugs bildet, hat prominente Hände, die es halten: André Odermatt hält es hoch, Zürcher Stadtrat. Und VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-Huber, die wenig später zur 1.-Mai-Feier nach Dietikon enteilt. Davor ein Polizeiauto, dahinter geschätzte 13 000 Menschen, die den Tag der Arbeit begehen. Sie kämpfen. Aber wofür?

«Lieber gleich berechtigt als später», steht auf dem Schild, das zwei Frauen in die Höhe halten. «Ausbau statt Abbau» und «Keine Privatisierung», fordern die Demonstranten des Verbandes des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). Er ist eine der Gewerkschaften, die in der ersten Hälfte des Umzugs laufen. Die zweite Hälfte gehört dem 1.-Mai-Komitee. Die Stimmung zwischen Gewerkschaften und dem Komitee ist nicht besser als in anderen Jahren. Es vereint sie der gemeinsame Kampf, es trennen sie nicht zuletzt Stilfragen. So hatte das Komitee einmal mehr einen umstrittenen Redner eingeladen: Abdullah Öcalan, Führer der kurdischen PKK und seit Jahrzehnten ein zum Tode verurteilter Gefangener der türkischen Regierung. Später, auf dem Bürkliplatz, wird er eine Grussbotschaft verlesen lassen. «Aufgrund meiner gegenwärtigen Situation kann ich nicht bei euch sein», wird er sagen. Worte, die er in Isolationshaft ersann.

Gegen den Kapitalismus

Der gemeinsame Kampf der
1.-Mai-Demonstranten gilt grundsätzlich dem Kapitalismus und im Speziellen allem, was irgendwie negativ mit ihm in Verbindung gebracht wird. Und das kann schon mal variieren. «Nein zum Angriff auf die Fristenlösung», findet das Schild, das ein paar Frauen in die Höhe halten. Die Kommunistische Jugend fordert Gratis-öV für alle. Zahlen sollen die Abzocker, finden die Demonstranten. «Menschen retten, nicht Banken», steht anderswo. Fast könnte man meinen, die Autovermietung Avis demonstriere mit, doch es ist bloss eine zu gross geratene Avis-Werbetafel auf dem Fahrzeug der Gewerkschaft Unia.

Schräges Sammelsurium

Mitunter wirkt das Sammelsurium an Forderungen schräg. «Kolumbien will Frieden», steht da, dicht gefolgt von «Keine Zigaretten im Kinderzimmer». Bloss, wer will denn unbedingt Zigaretten im Kinderzimmer? Es sind die Roten Falken, die das fordern, eine Art sozialistische Pfadi. Und sie wollen mehr Wald für bessere Luft. «This shit is fucked up and stuff», sagt ein Schild, eine Botschaft, die man besser nicht ins Deutsche übersetzt, weil sie unflätig ist und wenig konkreten Inhalt bietet. Ein Mitläufer hält ein Schild in die Höhe mit der Botschaft: «Hier könnte Ihre Werbung stehen.» Ein überzeugter Veganer mit mobilem Degustationsstand verteilt «Haferbratlinge».

Wasserballons für die Polizei

Aus dem Lautsprecher eines Gewerkschaftswagens propagiert eine Stimme die Solidarität, in einem Tonfall, der wie «Jetzt Aktion, frische Erdbeeren» im Supermarkt klingt. «Was fordert ihr?», fragt der Reporter ein SP-Mitglied. «Wir fordern mehr Abstand zum Schwarzen Block», witzelt der Mann. Und tatsächlich, da kommt er schon, der gefürchtete Revolutionäre Aufbau, mehrheitlich in dunklen Kapuzenpullis. Aber unvermummt. Und ohne Pflastersteine. Einzig einen Einkaufswagen führen die mehrheitlich jungen Leute mit, gefüllt mit Wasserballons. Sie werfen sie auf einen Passanten, dem man einen Kilometer gegen den Wind ansieht, dass er ein Polizist in Zivil ist. Tänzelnd weicht der Ordnungshüter den Wasserbomben aus.

Dezent, aber präsent ist die Polizei. Sie steht in Kampfmontur in toten Winkeln. Die Wasserwerfer blockieren kleine Gassen entlang der Umzugsroute. Doch der Blick in den Gesichtern drückt eher Langeweile als Anspannung aus.

Zur Schlusskundgebung auf dem Bürkliplatz geht der Umzug nahtlos über in Schlangen, die sich vor den Bratwurstständen und der Toilette bilden. Auf der Bühne begrüsst SP-Stadtrat Odermatt namens der Stadtregierung die Demonstranten: «Strassen sind auch Orte der Politik», sagt er in Anspielung auf alle Feste, die das öffentliche Zürich übers Jahr erlebt. Die Tessiner SP-Nationalrätin Marina Carobbio, Präsidentin des Mieterverbandes, erntet Applaus für ihre Aussage: «Im Tessin verdient ein Uhrenarbeiter 2900 Franken im Monat. Dafür braucht CS-Chef Brady Dougan fünf Minuten.» Der griechische Streikführer Katsaros Panagiotis, der kurzfristig einsprang, spricht über die Geschichte der Arbeiterbewegung. Im Hinblick auf die Krise in Europa sagt er: «Es gibt vieles, was uns ein, aber nichts, das uns trennt.»

Polizei steht umher

Die ersten Feiernden ziehen vom See ins Kasernenareal. Der Schwarze Block hat sich aufs Kanzleiareal zurückgezogen. Die Polizei steht umher. Ein Journalistenkollege meint: «Tut sich noch nichts, alles ruhig.» Keine Steine, die fliegen. Keine brennenden Autos. Vielleicht bleibt es dabei. Die Mehrheit der 1.-Mai-Gäste würde davon nichts mitbekommen. Sie feiern ihren Tag ein paar hundert Meter weiter bei der Kaserne, friedlich. Und mit Überzeugung.

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