Knabenschiessen

Der Erste Weltkrieg machte den Schützen einen Strich durch die Rechnung

Das Knabenschiessen hat in den letzten 117 Jahren viele Geschichten geschrieben. Unter anderem wurde ein späterer Stadtpräsident Schützenkönig.

Sandro Zimmerli
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Diese Knaben beobachten 1955 gespannt den Schiesswettkampf im Albisgüetli. K

Diese Knaben beobachten 1955 gespannt den Schiesswettkampf im Albisgüetli. K

KEYSTONE

«Es fühlt sich unbeschreiblich gut an.» Maria Grieser aus Obermeilen hatte es geschafft. Keiner der anderen 4271 Schützinnen und Schützen erreichte das Maximum von 35 Punkten. Damit war Grieser Schützkönigin am Knabenschiessen 2015. Die sechste in der Geschichte des ältesten Volksfestes der Stadt Zürich, an dem Mädchen seit 1991 zum Schiessen zugelassen sind.

Das Knabenschiessens geht auf die militärische Ausbildung der Knaben zurück. Diese ist bis ins Mittelalter bezeugt. Das eigentliche Knabenschiessen hat seine Wurzeln jedoch im 17. Jahrhundert. Damals, nach dem Dreissigjährigen Krieg (1618–1648) fanden im Sommer verschiedene Waffenübungen für Knaben statt, die mit einer Art Examen, dem Knabenschiessen im September, beendet wurden.

Bis 1847 wurde der Anlass beim Schützenhaus am Platz – beim heutigen Hauptbahnhof – ausgetragen. Nach der Gründung des Bundesstaates ein Jahr später wurde das Knabenschiessen vom Zürcher Stadtrat organisiert und im Sihlhölzli durchgeführt. Diese Organisationsform hatte bis 1893 Bestand. Dann vergrösserte sich die Einwohnerzahl durch Eingemeindungen massiv und der Stadtrat sah sich nicht mehr imstande, diesen Anlass zu organisieren. Bis 1899 fand deshalb kein Knabenschiessen statt.

Neue Schiessanlage

Auf Anregung der Schützengesellschaft der Stadt Zürich wurde der Traditionsanlass dann wieder belebt. Diese hatte 1898 den Neubau der Schiessanlage Albisgüetli eingeweiht und sah nun die Möglichkeit gekommen, das Fest durchzuführen. Unter anderem sollten dadurch auch die hohen Investitionen für die neue Anlage finanziert werden. Die Stadt fand die Idee gut, war aber nicht bereit, den Anlass zu organisieren und durchzuführen. Die Schützengesellschaft übernahm nun die Verantwortung. Die Stadt bezahlte den Organisatoren jedoch einen Beitrag von 50 Rappen pro Teilnehmer und übernahm die Kosten für die Medaillen und das Bankett am Montag. Insgesamt nahmen 2090 Knaben teil.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte das Knabenschiessen ohne Schwierigkeiten durchgeführt werden. Einen besonders spannenden Wettkampf erlebten die Besucher 1910, als gleich drei Schützen das Maximum von 35 Punkten erreichten. Zu ihnen gehörte auch Emil Landolt, der spätere Stadtpräsident. Er setzte sich im Ausstich durch und wurde Schützenkönig.

Zu jener Zeit war es noch üblich, zu Fuss ins Albisgüetli zu kommen. Bis 1907 verkehrten die städtischen Trams nur bis zur Sihlbrücke, wie Rolf Siegenthaler in seinem Beitrag in der Festschrift «525 Jahre Schützengesellschaft» schreibt. Von dort waren es noch rund zwei Kilometer Fussmarsch bis zum Schiessstand. Für die reicheren Leute stand immerhin ein Pferde-Droschken-Dienst zur Verfügung.

Zwei doppelte Schützenkönige

Die Kriegsjahre bedeuteten dann eine Zäsur für das Knabenschiessen. Denn es fehlte an Munition, die nun für die Armee gebraucht wurde. Der Anlass konnte ab 1914 nicht mehr durchgeführt werden. Erst 1921 stand wieder ein Knabenschiessen auf dem Programm. Allerdings beteiligte sich die Stadt nun nicht mehr finanziell am Fest. Der Anlass wurde fortan ausschliesslich von der Schützengesellschaft organisiert und durchgeführt. In jenen Jahren schaffte Otto Horber Aussergewöhnliches. 1924 und 1926 wurde er Schützenkönig. Ein Kunststück, das erst der Weininger Yves Miller wiederholen konnte, der sich 2006 und 2009 zum König krönte.

Die erste weibliche Gewinnerin: Rahel Goldschmid aus Zürich wird 1997 zur Schützenkönigin gekürt.
6 Bilder
2004 war Fabienne Freys Jahr. Die aus Zwillikon stammende junge Frau gewinnt das Knabenschiessen und strahlt.
2011 schiesst sich die Usterner Leonie Schärer mit 35 Punkten ganz nach oben.
Auch ein Jahr später steht eine junge Frau zuoberst auf dem Podest: Leila Rykart aus Erlenbach heisst die stolze Siegerin.
Milena Brennwald aus Neftenbach ist die fünfte weibliche Schützenkönigin. Sie wurde am Knabenschiessen von 2014 gekürt.
Schützenkönigin Maria Grieser aus Meilen posiert mit ihrer gewonnen Medaille am Knabenschiessen von 2015.

Die erste weibliche Gewinnerin: Rahel Goldschmid aus Zürich wird 1997 zur Schützenkönigin gekürt.

Keystone

Das nächste Mal fiel das Knabenschiessen 1939 und 1940 wegen der Generalmobilmachung aus. 1941, zum Jubiläum 650 Jahre Eidgenossenschaft, wurde unter den Augen von General Henri Guisan im Albisgüetli wieder ein Schiessen veranstaltet. Es folgten nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreiche Jahre für das Knabenschiessen, die 1959 in einem Teilnehmerrekord gipfelten. 8759 Knaben fanden sich damals im Albisgüetli ein. Zu jener Zeit durften nicht mehr nur Stadtzürcher Knaben am Fest teilnehmen, sondern auch jene aus den angrenzenden Gemeinden. Zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1991 wurden dann auch erstmals Mädchen zugelassen. Über 1000 von ihnen machten mit. Seither dürfen Jugendliche aus dem ganzen Kanton am Knabenschiessen ihr Können unter Beweis stellen. Hervorragend gelang dies 1997 Rahel Goldschmid. Sie wurde die erste Schützenkönigin in der Geschichte des Knabenschiessens.