Reformierte Kirche
«Der Kirchenrat hätte mutiger sein dürfen»

An der Kirchensynode vom Dienstag haben viele Parlamentarier ihrem Unmut über den Reformprozess Kirchgemeinde plus (KG+) Luft gemacht. Dennoch ist Kirchenratspräsident Michel Müller ermutigt.

Katrin Oller
Drucken
Teilen
«Ich befürchte, dass das Zeichen der Synode falsch verstanden wird»: Kirchenratspräsident Michel Müller. keystone

«Ich befürchte, dass das Zeichen der Synode falsch verstanden wird»: Kirchenratspräsident Michel Müller. keystone

KEYSTONE

Waren Sie überrascht, dass in der Synode Unbehagen herrscht gegenüber der KG+?

Michel Müller Nein, damit hatten wir gerechnet. Man muss der Synode zum Teil recht geben: Dieser Prozess läuft seit einigen Jahren, ohne dass klar wäre, was die Synode genau will. So gesehen ist das ein Fortschritt, den der Kirchenrat begrüsst.

Synode stellt Fragen und Forderungen

Da die reformierte Kirche im Kanton Zürich jedes Jahr rund 5000 Mitglieder verliert, schwinden auch die finanziellen Ressourcen. Seit 2012 läuft deswegen ein Reformprozess namens Kirchgemeinde plus. Dabei sollen die heute knapp 180 Kirchgemeinden zusammengelegt werden. Bestimmte Gemeinden haben bereits fusioniert. Andere wehren sich aus verschiedenen Gründen noch gegen Reformschritte. Am Dienstag legte der Kirchenrat – die Regierung der reformierten Kirche – der Kirchensynode – dem Parlament – einen Bericht zum bisherigen Verlauf und weiteren Schritten vor. Er tat das im Rahmen einer Postulatsantwort, was von den Parlamentariern gerügt wurde. Klar wurde, dass unter den Synodalen Unbehagen gegenüber der Reform herrscht. Viele wichtige Fragen würden im Bericht nicht beantwortet. Eine Mehrheit wies den Bericht am Dienstag zurück. Zudem überwies die Synode dem Kirchenrat eine Motion mit Forderungen, etwa dass Rechtsgrundlagen für neue Gemeindemodelle vorgelegt werden sollen. (kme)

Der Synode war der Bericht des Kirchenrats zu schwammig.

Der Kirchenrat kann erfreut zur Kenntnis nehmen, dass er hätte mutiger sein dürfen. Vor drei Jahren gab es einen Riesenaufschrei, dass wir überhaupt über eine Reform sprachen. Dass jetzt klarere Antworten gefordert werden, ist ein Fortschritt. Die Frage ist, ob das, was der Kirchenrat erarbeiten wird, in der Synode zu einer klaren Meinungsbildung führen wird oder nicht. Vielleicht erschrickt die Synode dann ab dem eigenen Mut.

Die Synode will auch mehr Mitspracherecht. War das nicht vorgesehen?

Fast jedes Parlament neigt dazu, bei Unsicherheiten exekutiv tätig zu werden. Nicht alles läuft über die Synode. Verhandlungen mit Gemeinden führt die Exekutive. Wir hatten den Eindruck, im Rahmen der Gewaltenteilung korrekt gehandelt zu haben. Sobald wir Gesetzesvorlagen ändern, gelangen wir an die Synode. Bei gewissen Punkten rennt die Synode also offene Türen ein. Aber die Forderung, dass es ein grundsätzliches Bekenntnis der Synode zur KG+ braucht, ist wichtig. Der Kirchenrat ist ermutigt, dass es von allen Seiten Stimmen gibt, die sagen, macht weiter, auch wenn noch viele Fragen offen sind.

Aber das Vorgehen des Kirchenrats missfiel der Synode.

Das konnten wir ja nicht überhören, da es von allen Seiten kam. Als Exekutive muss man versuchen, gelassen zu bleiben. Im Nachhinein sind immer alle schlauer. Wir geben zu, dass es nicht glücklich war, alles an einer Postulatsantwort aufzuhängen.

Wie lange hat der Kirchenrat Zeit, die Fragen zu beantworten?

Grundsätzlich bis zu einem Jahr. Wir hatten bereits den Plan, bis im Sommer oder Herbst wesentliche Fragen zu beantworten. Wir versuchen, daran festzuhalten.

Gibt es jetzt Verzögerungen?

Das ist schwierig zu sagen. Wir wissen ja nicht, was das bei den Gemeinden auslöst. Ich befürchte, dass das Zeichen der Synode falsch verstanden wird. Diejenigen, welche sich bisher weigerten, sich zu bewegen, fühlen sich vielleicht ermutigt. Dann gäbe es Verzögerungen. Dabei gibt die Synode dem Kirchenrat primär einen Schupf, weiter zu machen.

Wird der Kirchenrat seine Strategie ändern?

Nein. In der Wahrnehmung ändert sich etwas. Es wurde behauptet, auf 2018 wolle der Kirchenrat den Kanton zusammenfusionieren. Das steht so nirgends. Wir sagten, in den nächsten zwei bis drei Jahren müssen Konturen sichtbar werden. Das klingt schwammig, das gebe ich zu. Das werden wir noch klarer formulieren. Wir müssen ein Bild vom ganzen Kanton bekommen und verhindern, dass eine massive Ungerechtigkeit entsteht. Etwa wenn den fusionierten Gemeinden Pfarrstellen gestrichen würden und anderen nicht. Es darf auch keine Gemeinde geben, die nirgends Anschluss finden und sich irgendwann nicht mehr finanzieren kann. Da sind die Gemeinden nicht ganz aufrichtig. Sie wollen Autonomie, aber bezahlen soll die Landeskirche.

Ist das eine Kampfansage an Gemeinden, die sich sträuben?

Mit einem Kampf erreicht man gar nichts. Wir werden alle an den Tisch bitten. Auch diejenigen, die nicht kommen wollen, werden wir auffordern. Niemand kann das Gespräch verweigern. Wir haben auch nicht die Mittel mit Anreizen zu arbeiten. Die Leute müssen der Wahrheit ins Gesicht schauen.

Die Mitglieder und damit die finanziellen Mittel schwinden.

Wir haben zwar seit fünfzig Jahren einen massiven Mitgliederschwund, aber trotzdem noch nicht weniger Geld. Es fragt sich nur, wie lange das noch gut geht. Was mich wundert, ist, dass Leute das Gefühl haben, wenn man es aussitze, werde die Situation besser. Mit Warten vergibt man sich aber nur Möglichkeiten.

Warum gilt 2019 als Horizont?

Das ist auch eine der Fragen, die wir beantworten müssen. 2019 ist ein Ziel, dass sich die Stadt Zürich gesetzt hat für den Zusammenschluss der Kirchgemeinden. Zudem gilt bis und mit 2019 der jetzige Rahmenkredit des Kantonsrats. Die Kirchenpflegen sind bis Sommer 2018 gewählt, und 2020 sind neue Pfarrwahlen, die 2019 vorbereitet werden müssen. An solche Rhythmen denkt der Kirchenrat.

Aktuelle Nachrichten