Zürich
«Die Stadt Zürich hat eine falsche Bodenpolitik»

Katharina Prelicz-Huber hat Verständnis mit den Labitzke-Besetzern. Sie kritisiert Abrisse auf Vorrat und private Investoren, die mit ihren Spekulationen die Bodenknappheit in Zürich erschaffen.

Philipp Lenherr
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Katharina Prelicz-Huber, Gemeinderätin Grüne

Katharina Prelicz-Huber, Gemeinderätin Grüne

Sandro Zimmerli

Haben Sie Verständnis für das Vorgehen der Besetzer auf dem Labitzke-Areal?

Katharina Prelicz-Huber*: Dafür habe ich viel Verständnis. Ich finde es aber auch schade, dass es überhaupt zu Besetzungen kommen muss. Eigentlich wäre es gar nicht nötig. Dazu müsste man aber gemeinsam nach sinnvollen Lösungen suchen. Selbstverständlich sollen Neubauten auf solchen Arealen möglich sein — aber solange nicht alle Fragen geklärt sind und die Baubewilligung vorliegt, muss eine Zwischennutzung erlaubt sein. So würden Brachen verhindert. Wäre das die übliche Politik, bräuchte es keine Besetzungen.

Ein baldiger Abriss wäre also verfrüht?

Das ist das Verrückte an der Situation. Erst im Juni wurde das Baugesuch eingereicht. Geplant sind zwei Hochhäuser. Wahrscheinlich wird es Rekurse und damit Verzögerungen geben. Das Verfahren wird mindestens ein Jahr, vielleicht auch zwei oder drei Jahre dauern. Ich lebe beim Hardturm-Areal selbst neben einer Brache, auf der ohne Not das Stadion abgerissen wurde. Zum Glück kann die Brache heute immer mehr mit kreativen, quartierbezogenen Zwischennutzungen belebt werden. Auf dem Labitzke-Areal weiterhin eine Zwischennutzung zu ermöglichen, wäre in jedem Fall die bessere Lösung. Ich war erst kürzlich noch einmal vor Ort — es ist genial, was dort realisiert wurde.

Auf dem Areal sind Wohnungen im «mittleren Preissegment» geplant, beispielsweise 31⁄2-Zimmerwohnungen für 2500 Franken.

Diese Zahlen veranschaulichen, dass wir eine falsche Bodenpolitik haben. Wenn wir eine Miete von 2500 Franken als mittleres Segment bezeichnen, dann braucht jemand ein Monatseinkommen von rund 7500 Franken, um sich die Wohnung leisten zu können. Denn mehr als ein Drittel des Einkommens sollte man für die Miete nicht ausgeben. 7500 Franken sind aber nicht der Medianlohn in der Schweiz. Die Wohnungen befinden sich also eher im hochpreisigen Segment. Was Zürich wirklich braucht, sind Wohnungen für etwa 1500 Franken.

Doch wie soll das realisiert werden? Der Andrang ist gross, der Boden knapp.

Der Boden ist eigentlich nicht knapp. Das Problem ist, dass der grösste Teil davon in privaten Händen ist, und dass damit spekuliert wird. Immerhin kann die Stadt jetzt auf einem Drittel des Landes in ihrem Besitz sozialen Wohnungsbau betreiben. Dass der Boden der Öffentlichkeit gehört, sollte der Normalfall sein. Öffentlicher und genossenschaftlicher Wohnungsbau führen zu günstigem Wohnraum.

Haben Sie die Räumung des Areals erwartet?

Ich hoffte auf eine einvernehmliche Lösung. Man hätte für geordnete Verhältnisse sorgen und in Abstimmung mit dem Verlauf des Bauprojekts eine weitere Nutzung ermöglichen sollen. Denn es gibt nicht nur das Eigentumsrecht, auf das die Besitzer gerne pochen. Es gibt auch das Recht auf Verhältnismässigkeit und auf Wohnraum.

*Katharina Prelicz-Huber ist Gemeinderätin (Grüne). Sie arbeitet als Fachhochschuldozentin und ist Präsidentin der Gewerkschaft VPOD.

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