Wahlen
Ein Adliswiler schafft den Sprung ins italienische Parlament

Der 35-jährige Adliswiler Alessio Tacconi hat als Auslandkandidat den Sprung ins Parlament geschafft. Ein Grund für seinen Entscheid, in die Politik zu gehen, ist die Hoffnung, zur Rehabilitation von Italiens Ruf im Ausland beitragen zu können.

Sophie Rüesch
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Für Alessio Tacconi ist der Überraschungserfolg seiner Partei Movimento 5 Stelle Italiens letzte Hoffnung.che

Für Alessio Tacconi ist der Überraschungserfolg seiner Partei Movimento 5 Stelle Italiens letzte Hoffnung.che

Der Adliswiler Alessio Tacconi gehört zu den Gewinnern der italienischen Parlamentswahlen. Nicht nur erzielte seine Partei, das Movimento 5 Stelle (M5S), spektakuläre Resultate. Der 35-Jährige schaffte es auch selbst, auf der Erfolgswelle der Protestbewegung um Beppe Grillo ins Parlament zu reiten. Als einer von 18 Auslandparlamentariern (siehe Box) will er nun die Politik seines Heimatlandes mitgestalten.

3 von 7 Mandaten: Schweiz dominiert

Seit 2006 sind im italienischen Parlament 18 der insgesamt 945 Sitze für Auslanditaliener reserviert. Das Ausland, unterteilt in die Wahlkreise Europa, Südamerika, Nordamerika und Asien-Afrika-Ozeanien, stellt insgesamt 12 Abgeordnete und 6 Senatoren. Dem Wahlkreis Europa, in dem die Kandidaten aus der Schweiz antraten, stehen 5 Abgeordnete und 2 Senatoren zu.

Die Schweiz ist auch nach diesen Wahlen wieder überproportional vertreten. Wie bereits bei den letzten Wahlen 2008 wurden 3 der 7 Europa-Mandate an «Schweizer» Italiener vergeben. Neben Alessio Tacconi schaffte es auch der Pfäffiker Giovanni Farina (PD) in die Abgeordnetenkammer.
Im Senat sitzt mit dem Neuenburger Claudio Micheloni (PD) ein weiterer in der Schweiz lebender Auslanditaliener. (rue)

Ein Grund für seinen Entscheid, in die Politik zu gehen, ist die Hoffnung, zur Rehabilitation von Italiens Ruf im Ausland beitragen zu können. «Italien soll wieder als zuverlässiger politischer und wirtschaftlicher Partner wahrgenommen werden. Ich will mich nicht für mein Heimatland schämen müssen», sagt Tacconi. Als Abgeordneter des Wahlkreises Europa will er sich auch für Anliegen von Auslanditalienern, wie etwa mehr Hilfe bei der Integration, einsetzen.

Die Frage, weshalb er sich für Beppe Grillos Partei aufstellen liess, beantwortet er mit einer Korrektur: «Weil es keine Partei ist.» Vielmehr sei es eine «Vereinigung von Bürgerinnen und Bürgern», die nicht mehr daran glauben, dass die «alten Parteien» fähig seien, Lösungen für Italien zu finden. Das Parlament habe jahrzehntelang an der Bevölkerung vorbeipolitisiert; das M5S wolle die Interessen derjenigen vertreten, für die Politik gemacht werden sollte: «Das Volk».

Politische Erfahrung bringt Tacconi wie die meisten seiner Parteikollegen keine mit. Ein Hindernis sei das nicht. Für ihn ist die mangelnde Erfahrung im Gegenteil eine Garantie dafür, dass das M5S abseits des «politischen Spielchen-Spielens» unabhängig agieren könne.

Niemand soll auswandern müssen

Als Symptom der Probleme Italiens sieht Tacconi auch sein eigenes Auswandern. Er kam vor fünf Jahren in die Schweiz, weil er in Zürich eine Stelle als Consultant fand. Der Entscheid fiel ihm angesichts der miserablen wirtschaftlichen Lage im Heimatland nicht schwer. Genau da liegt für ihn der Hund begraben: «Der Entscheid, im Ausland zu leben und zu arbeiten, muss eine Gelegenheit sein. Heute ist es eine Notwendigkeit», sagt Tacconi. Italien müsse seiner Bevölkerung, und besonders der jüngeren Generation, wieder Perspektiven im eigenen Land bieten können.

Die Wahlversprechen des M5S bleiben aber diffus. Der Umweltschutz liege ihnen am Herzen und die Ankurblung des Arbeitsmarktes, so Tacconi. Ausserdem sei eine Revision des politischen Systems überfällig. «Das Schweizer System könnte dabei als Vorbild dienen», meint er. Am wichtigsten sei für ihn, dem Volk mehr Mitspracherecht zu gewähren. Dass das M5S EU-feindlich sei, streitet er ab. Auch in dieser Frage gehe es ihnen nur darum, die Italiener selbst bestimmen zu lassen. Er selbst sei weder gegen die EU noch den Euro.

Das neue Amt wird für Tacconi ein Vollzeitjob werden. Deshalb wird er seine Stelle in Zürich aufgeben und eine Wohnung in Rom suchen. Seinen Wohnsitz in Adliswil will er aber behalten und die sitzungsfreie Zeit in der Schweiz verbringen.

Skepsis darüber, ob er mit dem M5S im dreigespaltenen Parlament überhaupt etwas erreichen kann, weist auch Tacconi nicht gänzlich von der Hand. «Ich weiss nicht, was passieren wird», gesteht er. «Doch unser Wahlerfolg ist zumindest ein Zeichen, dass Italien zurück auf den richtigen Weg finden kann.»