Zürcher Wahlen

Grüne ziehen wieder in Zürcher Regierung ein – SVP-Rickli erzielt schlechtestes Resultat

Der als Aussenseiter gestartete Martin Neukom wird Regierungsrat. Der Zürcher Freisinn erleidet derweil ein Debakel und stellt nur noch einen Vertreter.

Oliver Graf
Drucken
Teilen
Die neuen Regierungsräte: Natalie Rickli (SVP) und Martin Neukom (Grüne).

Die neuen Regierungsräte: Natalie Rickli (SVP) und Martin Neukom (Grüne).

Keystone

Martin Neukom schafft den Coup. Bei der ersten Hochrechnung, die um 12.20 Uhr vorlag, glaubte der 32-Jährige noch an einen Fehler, wie er am Sonntagabend sagte. Doch was diese erste Prognose vorausgesagt hatte, blieb auch nach der Auszählung aller Stimmen kurz nach 17 Uhr noch so: Der Winterthurer zieht für die Grünen in den Zürcher Regierungsrat ein.

Und es war keine Zitterpartie: Neukom, der anfänglich eigentlich als Aussenseiter und als eher unbekannter Kantonsrat in den Wahlkampf gestartet war, erreichte den sechsten Platz. Er überholte selbst die landesweit bekannte SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Und er distanzierte auch FDP-Fraktionspräsident Thomas Vogel klar, der die Wahl auf dem achten Platz nicht schaffte.

Der neue grüne Regierungsrat habe im Wahlkampf bewiesen, dass er der «klimakompetenteste Kandidat» sei, begründete Parteipräsidentin Marionna Schlatter das Resultat.

Zürcher FDP: Nur noch ein Sitz

Für die FDP ist dies ein Debakel. Der staatstragende Zürcher Freisinn stellt nach dem Verlust des Sitzes, der nach dem Rücktritt von Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) frei wurde, zum ersten Mal nur noch einen einzigen Vertreter in der Regierung.

Für Vogel kam das Wahlresultat nicht ganz unerwartet. Prognosen hatten darauf hingedeutet, dass es knapp werden könnte, sagte der 47-Jährige. «Nun bin ich von einer grünen Welle richtiggehend weggeschwemmt worden.» Der Wahlkampf sei mit der Klima-Debatte praktisch nur von einem einzigen Thema beherrscht worden, wie er es noch nie erlebt habe, meinte Vogel. Deshalb hätten ihm am Ende auch ein paar linke Stimmen gefehlt, auf die er bei einer normalen Wahl hätte zählen können. «Aber die Linke witterte die Chance, in dieser Klima-Wahl Neukom in die Regierung zu bringen, dazu mussten sie mich verhindern und durften mich nicht wählen.»

Vogel dürften aber insbesondere auch von bürgerlicher Seite Stimmen gefehlt haben: Das bürgerliche Bündnis funktionierte nicht. Zudem gingen weniger SVP-Wähler an die Urnen, wie sich auch bei den Kantonsratswahlen zeigte. Darauf deutet auch das Abschneiden von Natalie Rickli, die es bloss auf den siebten Rang schaffte.

Rickli zeigte sich über dieses Resultat nicht überrascht: «Ich ging davon aus, dass es zur Wahl reicht, nicht aber für ein sehr gutes Ergebnis.» Geschadet habe ihr, dass die Medien von einer «sicheren Wahl» geschrieben hätten. Weil sich ihre Basis sicher gefühlt habe, sei die Mobilisierung gering geblieben.

Auf der Gegenseite glückte die Mobilisierung hingegen. So haben die beiden bisherigen SP-Regierungsräte am meisten Stimmen geholt. Bei Sicherheitsdirektor Mario Fehr überraschte dies nicht sonderlich. Der 60-Jährige holt stets auch Stimmen bis ins bürgerliche Lager hinein.

Dass aber Justizdirektorin Jacqueline Fehr das zweitbeste Resultat erzielte, ist eine Überraschung. Die 55-Jährige, die mit ihren klaren Positionen und Stellungnahmen oft auch aneckt, hatte dies ebenfalls nicht erwartet. Das gute Abschneiden führte sie in einer ersten Reaktion darauf zurück, dass die Wählerinnen und Wähler es achten und respektieren würden, wenn man die Diskussion nicht scheue.

Der neu gewählte Regierungsrat von links nach rechts: Jacqueline Fehr (SP), Martin Neukom (Grüne), Natalie Rickli (SVP), Mario Fehr (SP), Silvia Steiner (CVP), Ernst Stocker (SVP) und Carmen Walker Spaeh (FDP)
14 Bilder
Ein sichtlich enttäuschter Thomas Vogel: Der FDP-Mann erreichte bei den Regierungsratswahlen zwar das absolute Mehr, schied allerdings als überzählig aus.
Die neu gewählten Regierungsräte: Natalie Rickli (SVP) und Martin Neukom (Grüne).
Bedrängt von den Medien: Der neu gewählte Regierungsrat Martin Neukom (Grüne).
Martin Neukom, (Grüne) strahlt im Mediencenter bei den kantonalen Wahlen
Wahlen Kanton Zürich
Ernste Gesichter bei SVP-Präsident Konrad Langhart (links) und Kantonsrat Hans-Peter Amrein (SVP). Die SVP gehört bei den Zürcher Kantonsratswahlen zu den Verlierinnen.
Auch die FDP verliert gemäss erster Hochrechnung leicht. In der Mitte: Hans-Jakob Boesch, Präsident der kantonalen FDP
Im Parlament verliert die SP leicht, die beiden Regierungsratssitze sind der Partei aber sicher. Im Bild: Priska Seiler, Co-Präsidentin der SP Kanton Zürich.
Hat Grund zum Strahlen: Nicola Forster, Co-Präsident glp Kanton Zürich.
Auch sie freut sich über die Wahlerfolge: Marionna Schlatter-Schmid, Präsidentin Grüne Kanton Zürich.
Wahlplakate für den Regierungs- und Kantonsrat.
Die FDP schwenkt auf Klimaschutz ein. Zürcher Partei wirbt für ihre Anliegen.
Wahlplakate für den Regierungs- und Kantonsrat.

Der neu gewählte Regierungsrat von links nach rechts: Jacqueline Fehr (SP), Martin Neukom (Grüne), Natalie Rickli (SVP), Mario Fehr (SP), Silvia Steiner (CVP), Ernst Stocker (SVP) und Carmen Walker Spaeh (FDP)

WALTER BIERI

Bisherige ungefährdet

Die weiteren bisherigen Regierungsräte schafften die Wiederwahl erwartungsgemäss problemlos. Hinter dem SP-Duo folgten Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP), Bildungsdirektorin Silvia Steiner und Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) auf den weiteren Plätzen.

Von der grünen Welle nicht profitieren konnte Jörg Mäder: Der Kandidat der Grünliberalen erzielte zwar ein gutes Resultat. Doch erreichte er einen Viertel weniger Stimmen als der Grüne Neukom. Dies zeigt, dass die GLP bei den Regierungsratswahlen von der linken Seite nicht stark unterstützt wurde.

Der neue Regierungsrat: grossstädtischer, weiblicher und jünger

Der Zürcher Regierungsrat für die Legislatur 2019/2023 wird städtischer. Gleich drei der sieben Mitglieder leben in Winterthur. Damit hat sich die Fraktion aus der zweiten Zürcher Grossstadt verdreifacht: Jacqueline Fehr kann in der neuen Legislatur gemeinsam mit ihren beiden neuen Amtskollegen Natalie Rickli und Martin Neukom mit der S11 oder der S12 nach Zürich pendeln.

Dass die Politik wegen des Wohnorts der Regierungsräte nun anders wird, glaubt Neukom dabei nicht. Er sei ja nicht als Winterthurer gewählt worden, sondern als Regierungsrat für den ganzen Kanton, sagte er gestern. Fehr meinte hingegen, dass durch die städtischere Zusammensetzung durchaus auch neue Themen aufs Tapet gebracht werden könnten.

Mit der Wahl von Rickli besteht im Zürcher Regierungsrat zum zweiten Mal in der Geschichte eine Frauenmehrheit: Den vier Regierungsrätinnen Natalie Rickli, Jacqueline Fehr, Silvia Steiner und Carmen Walker Späh stehen drei Männern – Ernst Stocker, Mario Fehr, Martin Neukom – gegenüber.

Mit der Wahl der beiden Neuen wird die Zürcher Regierung zudem auch um einiges jünger. Martin Neukom ist mit seinen 32 Jahren ohnehin deutlich das jüngste Mitglied der aktuellen Regierung – und er ist auch der jüngste Zürcher Regierungsrat seit Beginn des letzten Jahrhunderts. Natalie Rickli drückt den Altersschnitt in der Exekutive ebenfalls. Die Winterthurerin ist 42 Jahre alt. (og)