Seuchen

Krisen als Treiber von Innovation: Die Cholera veränderte Zürich

Nach der Epidemie von 1867 wurde Zürich hygienischer und demokratischer. Drei Cholera-Epidemien erlebte die Schweiz im 19. Jahrhundert. Die stärkste davon erwischte Zürich im Sommer 1867.

Matthias Scharrer
Drucken
Teilen
Bahnhofbrücke, Escher-Wyss-Fabrik und Niederdorf: Zürich in einer Ansicht von 1865.

Bahnhofbrücke, Escher-Wyss-Fabrik und Niederdorf: Zürich in einer Ansicht von 1865.

Baugeschichtliches Archiv Zürich

Eingeschleppt wurde sie von einer Familie, die der Seuche aus Rom entfliehen wollte, wie der damalige Zürcher Bezirksarzt Carl Zehnder in seinem Cholera-Bericht festhielt. Die Familie stieg im Zürcher Niederdorf ab.

Die dortigen eng aneinander gebauten Häuser, zum Teil nur durch schmalste Gassen voneinander getrennt, kann man heute noch besichtigen. Was man sich hinzudenken muss, ist ein furchtbarer Gestank. Denn damals gab es in Zürich noch keine moderne Kanalisation. Abwasser und Fäkalien wurden durch die schmalen Gassen, die sogenannten Ehgräben, in die Limmat gespült.

Schon nach der Cholera-Epidemie von 1855 wurden Ideen für eine Kloakenreform gewälzt. Acht Jahre später schuf der Kanton dafür eine gesetzliche Grundlage, mit dem «Gesetz betreffend eine Bauordnung für die Städte Zürich und Winterthur und für Städte überhaupt.»

Die Industrialisierung liess die Städte damals schnell wachsen. Damit verschärfte sich das Problem der Fäkalien- und Abwasserentsorgung. Bezirksarzt Zehnder, der an der Universität eine Vorlesung über die Cholera-Epidemie von 1855 hielt, war klar: Die «unleidlichen Kloakenverhältnisse» begünstigten die Cholera-Verbreitung. Den Cholera-Erreger, der über verunreinigtes Trinkwasser verbreitet wird, entdeckte der Deutsche Forscher Robert Koch jedoch erst 1883.

Doch zurück nach Zürich: 1864 erteilte der Stadtrat dem Stadtingenieur Arnold Bürkli den Auftrag zur Abwassersanierung. Drei Jahre später sprach das Stimmvolk den nötigen Kredit. Nun sollte die Kloakenreform losgehen. Die Cholera verzögerte das Projekt, das dann ab 1868 mit dem Bau eines umfassenden Abwasserkanalnetzes umgesetzt wurde.

Zwei Drittel der Erkrankten starben

Die ins Niederdorf eingeschleppte Seuche breitete sich rasch aus: Im damaligen Zürcher Stadtgebiet, dem heutigen Kreis 1, erwischte es laut Zehnder 219 Personen. Allein in der Neumühle, seinerzeit Standort der Escher-Wyss-Fabrik, waren es deren 41. Hart getroffen wurden auch die im Zuge der Industrialisierung rasant wachsenden Vororte Aussersihl und Oberstrass mit insgesamt 200 Cholerakranken.

Kantonsweit traf es 770 Menschen, davon 666 auf dem heutigen Zürcher Stadtgebiet. Zum Vergleich: Die Limmattaler Gemeinden Altstetten und Höngg kamen mit 23 respektive 9 Fällen relativ glimpflich davon. Zwei Drittel der Erkrankten starben, oft innerhalb eines Tages nach Ausbruch der Krankheit. Als wichtigste Seuchenherde sah Zehnder das Niederdorf mit den als Kloake dienenden Ehgräben sowie den Arbeitervorort Aussersihl, in dem die Hygieneverhältnisse ebenfalls prekär waren. Die Seuche grassierte von Juli bis November.

Ein Zeitzeuge schrieb: «Wer im Herbst 1867 Zürich besuchte, der glaubte sich in ein grosses Sterbehaus versetzt. Verstummt war Sang und Lust in der lebensfrohen Stadt, verödet und still die Strassen, die öffentlichen Lokale standen leer, und wo früher herrliche Musik das Ohr ergötzte, das geschäftige Treiben der Börse die Tonhalle-Säle belebte, da erblickte das Auge Bett an Bett gereiht der Lazarette stummen Jammer.»

Angehörige der Oberschicht flohen aus der Stadt, während es in den Arbeiterquartieren viele Choleraopfer gab. Die Seuche verstärkte ein Krisengefühl, dass sich bereits seit der Wirtschaftskrise von 1863 anbahnte, wie der Historiker Flurin Condrau in seinem Aufsatz «Demokratische Bewegung, Choleraepidemie und die Reform des öffentlichen Gesundheitswesens im Kanton Zürich» 1996 dargelegt hat. Die Krisenstimmung habe mit dazu geführt, dass weite Teile der Bevölkerung das Vertrauen in das «System Escher» verloren. Der Zürcher Unternehmer und freisinnige Politiker Alfred Escher war darin die zentrale Figur. Bei ihm liefen die Fäden zusammen.

In den 1860er-Jahren kam die Bewegung der Demokraten auf, die dieses System in Frage stellte. Einer ihrer Wortführer, Karl Bürkli, zog im Dezember 1867 an einer Volksversammlung ausdrücklich Parallelen zur Seuche: «Das System, wie die Cholera, ist nicht mit den Händen zu greifen, aber man spürt es in allen Gliedern.» Der spätere Arbeiterführer Herman Greulich, der 1865 aus Schlesien nach Zürich eingewandert war, sollte rückblickend schreiben: «Die Epidemie erschöpfte sich schliesslich und hörte auf. Aber die durch sie hervorgerufene Erregung sollte sich noch vor Ablauf des Jahres in schöpferischer Weise Luft machen.» Gemeint war die von der demokratischen Bewegung erkämpfte neue Zürcher Kantonsverfassung von 1869, deren Kern die Einführung direktdemokratischer Rechte bildete.

Die Seuche hatte sich somit bei allem Leid, das sie verursachte, auch als Treiber für technische und politische Innovationen erwiesen.