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Neustart für muslimische Seelsorge – dieses Mal mit Hilfe der Polizei

Der Kanton Zürich lanciert ein Projekt für muslimische Spital- und Notfallseelsorge. Bei der Auswahl der Kandidaten wird auch die Polizei miteinbezogen.

Matthias Scharrer
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Für die Zürcher Spitäler – im Bild das Unispital – wird in einem zweijährigen Pilotprojekt muslimische Seelsorge aufgebaut. Wie es danach weitergeht ist offen.

Für die Zürcher Spitäler – im Bild das Unispital – wird in einem zweijährigen Pilotprojekt muslimische Seelsorge aufgebaut. Wie es danach weitergeht ist offen.

Matthias Scharrer

Gegen 100'000 Menschen muslimischen Glaubens gibt es im Kanton Zürich, Tendenz steigend. Damit die Spitäler und Notfallorganisationen besser auf deren Bedürfnisse eingehen können, lanciert der Kanton nun ein Pilotprojekt für muslimische Spital- und Notfallseelsorge.

Ein Vorgängerprojekt war im Herbst 2015 eingestellt worden, da der Verdacht aufkam, dass eine der Teilnehmerinnen eine islamische Extremistin sei. Solches soll sich nun nicht wiederholen. Deshalb wird bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten, die eine Ausbildung als Seelsorger anstreben, auch die Polizei einbezogen, wie Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) gestern vor den Medien sagte. Zum Sicherheitscheck gehöre unter anderem ein Informationsbericht der Polizei mit Auskünften aus verschiedenen Datenbanken.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Matthias Scharrer.

Zudem stelle eine Begleitkommission, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern des Kantons, der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) sowie der Landeskirchen sicher, dass zugelassene Seelsorgende sich regelmässig an Supervisionen beteiligen.

Ausbildung für zehn Personen

Mit dem auf zwei Jahre befristeten Pilotprojekt sollen rund zehn Personen als muslimische Seelsorger für Spitäler und Notfalldienste ausgebildet werden, wie Projektleiterin Deniz Yüksel von der kantonalen Direktion der Justiz und des Innern sagte. Sie absolvieren ihre Ausbildung an acht Kurstagen. Hinzu kommen rund 60 Praktikumsstunden in Spitälern, Heimen oder Gefängnissen. Ob die Seelsorger anschliessend fest in Spitälern oder bei Notfallorganisationen angestellt würden, sei noch offen. Fest stehe: «Reich wird man mit dieser Tätigkeit nicht.» Eine ideelle Motivation sei wohl Voraussetzung für diese Aufgabe.

Inhaltlich wird die Ausbildung für muslimische Spital- und Notfallseelsorge vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg gestaltet. Beratend wirken auch die beiden grossen Landeskirchen mit, die bereits langjährige Erfahrung in der Spitalseelsorge haben.

Erfahrung hat auch der Projektleiter der Trägerschaft, Muris Begovic, der lange als Imam in Schlieren arbeitete. Er ist seit Jahren als Spitalseelsorger in Zürcher Spitälern im Einsatz. Nun hat ihn der Kanton mit der Aufgabe betraut, das Pilotprojekt muslimische Spital- und Notfallseelsorge aufzubauen und zu organisieren. Begovic erhält dafür ein 80-Prozent-Pensum, ergänzend zu seinem 20-Prozent-Pensum im Vioz-Sekretariat.

Vioz soll Projekt längerfristig übernehmen

Für das auf den Zeitraum 2017 bis 2019 angelegte Pilotprojekt hat der Kanton bislang 325'000 Franken bewilligt. Damit sind die Jahre 2017 und 2018 abgedeckt, wie die Direktion der Justiz und des Innern in einer Mitteilung schreibt. 60'000 Franken trägt die islamische Dachorganisation Vioz bei, weitere 25'000 Franken kommen von der katholischen Landeskirche. Über die Finanzierung für das Projektjahr 2019 laufen noch Verhandlungen zwischen dem Kanton und der Vioz.

Erklärte Absicht ist, dass die Vioz das Projekt längerfristig übernimmt. Allerdings könnte dies laut Begovic finanziell schwierig werden. Anders als die beiden grossen Landeskirchen, die über Erträge in zweistelliger Millionenhöhe aus der Kirchensteuer verfügen, sind die finanziellen Mittel der Vioz bescheiden. Ändern könnte dies eine staatliche Anerkennung der muslimischen Glaubensgemeinschaft. Doch diese stehe in nächster Zukunft nicht in Aussicht, wie Vioz-Präsident Mahmoud El Guindi gestern auf Anfrage sagte. Allerdings fügte er an: «Wir hoffen, dass wir in ein paar Jahren Kandidat sein können.»

Premiere in der Zusammenarbeit

Fehr betonte derweil die Bedeutung des Seelsorge-Pilotprojekts: «Es ist das erste Mal, dass der Kanton und die Vioz auf diese Weise zusammenarbeiten.» Seelsorge sei in den Spitälern und in Notfallsituationen sehr gefragt, auch von Menschen, die sonst nicht besonders religiös seien. Dies gelte für Christen wie für Muslime. Für letztere bestehe aber weder in der Notfall- noch in der Spitalseelsorge ein genügendes Angebot. «Diese Lücke wollen wir schliessen», so Fehr.

Vorgängerprojekt

Mutmassliche Extremistin ausgebildet

Aus dem Zürcher Lotteriefonds finanzierte die Regierung zwischen 2014 und 2016 ein muslimisches Seelsorgeprojekt, das sich als problematisch erwiesen hat.
Auf die Bitte der Vereinigung des Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) bewilligte der Zürcher Regierungsrat vor einigen Jahren rund eine halbe Million Franken für ein muslimisches Seelsorgeprojekt. Mit dem Geld sind zwischen 2014 und 2016 rund 30 muslimische Seelsorger, die Hälfte von ihnen Frauen, ausgebildet worden, wie Deniz Yüksel von der Direktion des Innern gestern auf Anfrage bestätigte. Die Ausbildung dauerte damals vier Tage – halb so lang wie beim aktuellen Projekt. Ein Praktikum gab es nicht, anders als beim jetzigen Projekt.

Unter den Ausgebildeten befand sich auch eine Muslima mit Verbindung zum Islamischen Zentralrat. Sie ist verdächtigt worden, extremistisches Gedankengut zu propagieren. Muris Begovic, der dieses Vorgängerprojekt leitete und nun auch Geschäftsleiter des neuen Projekts ist, wollte gestern diesen Extremismusverdacht nicht bestätigen. Jedenfalls habe er beim Aufnahmegespräch mit der Frau nichts davon gemerkt. Ob und wo die Frau heute Seelsorge betreibt, weiss Begovic offenbar nicht.

Das Vorgängerprojekt ist unterdessen sistiert worden. Die Sache sei auch deshalb im Sande verlaufen, weil man nicht wisse, wo sich die rund 30 ausgebildeten Personen aufhalten. Beansprucht heute eine Person muslimischen Glaubens Seelsorge, rückt Muris Begovic persönlich aus, sei es in Spitäler oder Heime. Er ist ausgebildeter Imam und arbeitet weiterhin mit 20 Prozent für die Vioz. (tsc)