Studium

Numerus clausus im Medizinstudium führt zu mehr Ärzten

Der Ansturm auf das Medizinstudium hält an, aber die Regierung hält an Zulassungsbeschränkungen fest. Ab Herbst können 350 Studenten in Zürich Medizin studieren.

Oliver Graf
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Der Arztberuf gilt als sicher – entsprechend beliebt wäre er: Allein an der Uni Zürich bewerben sich jeweils rund 1300 Interessierte für die 300 Studienplätze.

Der Arztberuf gilt als sicher – entsprechend beliebt wäre er: Allein an der Uni Zürich bewerben sich jeweils rund 1300 Interessierte für die 300 Studienplätze.

KEYSTONE

Für den Zürcher Regierungsrat ist klar: Der Numerus clausus an der medizinischen Fakultät hat sich bewährt. Alternativen zu dieser Zulassungsbeschränkung sieht er keine.

In einer Anfrage hatten sich drei FDP-Kantonsräte erkundigt, wie die medizinische Ausbildung verbessert werden könne: Schon heute gebe es landesweit zu wenige Ausbildungsplätze, um den Bedarf zu decken. Mittelfristig dürfte sich die Situation angesichts der demografischen Entwicklung verschärfen – die im Durchschnitt deutlich älter werdende Bevölkerung werde schliesslich zu einem Ausbau der zu erbringenden Gesundheitsleistungen führen.

Natürlich komme der «medizinischen Versorgung der Bevölkerung eine zentrale Bedeutung zu», hält der Regierungsrat in seiner Antwort nun grundsätzlich fest. Von einem «Ärztemangel» mag er aber nicht sprechen: «Auch wenn häufig davon die Rede ist, bleibt unklar, worin der Mangel genau besteht.» Im Durchschnitt praktizieren in der Schweiz pro Einwohner deutlich mehr Ärzte als in den übrigen Industrieländern, wie die Regierung betont. Und: «Auch die jährlichen Abschlusszahlen der Medizinstudierenden pro Einwohner entsprechen dem Durchschnitt.»

«Auswahl ist verlässlich»

Den 1998 an der Zürcher Universität eingeführten Numerus clausus stuft der Regierungsrat als gutes Instrument ein. «Dieser erfolgreiche Studienverlauf spiegelt die verlässliche Auswahl der am besten geeigneten Studierenden», hält er fest. Dank der Zulassungsprüfung beginnen praktisch nur Studentinnen und Studenten die Ausbildung, die dafür auch geeignet sind: Insgesamt liegt die Quote der mehrmals durchfallenden und damit von der Uni ausgeschlossenen Studenten bei weniger als zehn Prozent. Der Grossteil von diesen muss das Studium bereits in den ersten beiden Jahren beenden.

Klaus-Dieter Hänsgen von der Uni Fribourg, welche die Zulassungsprüfungen entwickelt, stimmt mit dem Regierungsrat überein. Dank einer «optimalen Studienerfolgsprognose» könne die Zahl der Abbrüche minimiert werden. Und damit werde auch die Zahl der Absolventen erhöht – weil eben die nur beschränkt vorhandenen Studienplätze in der Regel von erfolgreichen Studenten besetzt sind.

Wie Hänsgen kürzlich an der Uni Zürich in einem Referat ausführte, wird die Nachfrage nach einem Medizinstudium, die bereits sehr gross ist, weiter steigen. Dies als Folge der Ärztemangel-Diskussion, guten Berufsaussichten und sicheren Arbeitsstellen. «Die Nachfrage nach Studienplätzen steht in keinem Verhältnis zu den Ressourcen.» Denn es braucht nicht nur an der Uni Platz – die medizinische Ausbildung findet bereits früh auch praxisorientiert in Kliniken, Spitälern und Labors statt.

Es mangelt an Raum und Platz

Eine Zulassungsbeschränkung zum Studium sei deshalb notwendig, glauben sowohl Hänsgen als auch der Zürcher Regierungsrat. «Ohne müssten alle Studieninteressierten zugelassen werden», schreibt die Regierung. Das wären gemäss den aktuellen Anmeldezahlen mindestens 1300 Personen. Systembedingt sind an der Uni Zürich aber lediglich rund 300 Plätze vorhanden. Rund 1000 Studenten müssten in diesem Fall deshalb während den ersten Semestern über strenge Prüfungen wieder ausgesiebt werden. Das sei weder ökonomisch (Kosten für den Staat) noch ethisch (Zeitverlust für die Studenten) vertretbar, glaubt Hänsgen.

Er geht auch davon aus, dass selbst bei einer «optimistischsten» Steigerung der Ausbildungskapazitäten in der Schweiz weiterhin Zulassungsbeschränkungen erforderlichen wären. Angesichts des Ansturms müssten selbst dann, wenn landesweit anstelle der heute 1100 Studienplätze gleich 1900 angeboten würden, «immer noch 50 Prozent der Bewerber abgewiesen oder herausgeprüft werden».

In Zürich gibt es im kommenden Semester für das erste Studienjahr 350 Plätze - 300 für Humanmedizin, 50 für Zahnmedizin. Das ist eine leichte Aufstockung im Vergleich zum Vorjahr und gut 33 Prozent mehr als noch 2007, wie der Regierungsrat am Mittwoch mitteilte.

Alternativloser Numerus clausus

In der Anfrage, welche die Vertreter der FDP im Februar im Rahmen ihrer «Bildungsoffensive» mit gleich 20 verschiedenen Vorstössen eingereicht hatte, wird der Numerus clausus als «reine Sparmassnahme» kritisiert: Der Eignungstest ziele einzig und allein auf eine zahlmässige Reduktion ab, auf soziale Kompetenzen, die für einen zukünftigen Arzt wichtig seien, werde bei der Selektion der Studierenden zu wenig Gewicht gelegt.

Als mögliche Alternativen zum bisherigen Eignungstest zählt der Regierungsrat in seiner Antwort nun das Abstellen auf die Maturitätsnoten, den Besuch von Sozialpraktika oder Aufnahmegespräche auf. Allerdings bleibt diese Aufzählung theoretisch. Denn: Noten und Praktika seien untauglich, sagt der Regierungsrat. «Einzig mehrere kurze Interviews mit verschiedenen Interviewern könnten eine taugliche Grundlage für eine voruniversitäre Selektion bilden.» Angesichts der vielen Studieninteressierten wäre dies aber gar nicht umsetzbar.