Krisenhilfe

Tausche Mietnachlass gegen Naegeli-Zeichnungen – so hilft Kunst den Gewerblern in Corona-Zeiten

Eine Aktion des Künstlers Harald Naegeli hat bereits 29 Betrieben geholfen, die wegen der Coronakrise geschlossen sind. Grosszügige Vermieter werden mit Kunstwerken belohnt.

Matthias Scharrer
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Harald Naegeli, bekannt als "Sprayer von Zürich", schenkt grosszügigen Vermietern 50 Bilder.

Harald Naegeli, bekannt als "Sprayer von Zürich", schenkt grosszügigen Vermietern 50 Bilder.

Keystone/DPA/FEDERICO GAMBARINI

Kunst kann helfen, auch in Coronazeiten. Das merken gegenwärtig bereits 29 Gewerbler in und um Zürich, die ihre Betriebe wegen der Coronapandemie auf Geheiss des Bundesrats schliessen mussten. Sie erhalten Mietreduktionen mittels einer Aktion des Zürcher Künstlers Harald Naegeli.

Naegeli weiss seine Werke auf spezielle Arten unter die Leute zu bringen. Ende der 1970er-Jahre sprayte er sie in nächtlichen Aktionen an die Betonwände der Stadt und wurde als «Sprayer von Zürich» bekannt.

Nun hat der mittlerweile 80-Jährige im Zeichen der Coronakrise die Aktion Wolkegabe lanciert: Private Vermieter von Gewerbebetrieben, die wegen des Lockdowns geschlossen sind, können sich eine signierte Naegeli-Originalzeichnung aussuchen, wenn sie ganz oder teils auf die Miete verzichten. 50 Zeichnungen im Wert von jeweils 2000 bis 3000 Franken verschenkt Naegeli zu diesem Zweck – Werke, die ansonsten unverkäuflich wären, wie es auf der Internetseite der Aktion Wolkegabe heisst.

Anfang April hat Naegeli, der auch als Harry Wolke in Erscheinung tritt, die Aktion lanciert. Davon profitieren bis jetzt: zehn Restaurants, sieben Kleider- und Schmuckläden, fünf Coiffeursalons, zwei Physiotherapeuten, zwei Sportgeschäfte, eine Buchhandlung und ein Laden für Gravuren, wie Projektleiterin Anna Barbara Neumann auf Anfrage mitteilte. In vielen Fällen hätten Vermieter weitaus mehr Mietnachlass gewährt, als es dem veranschlagten Wert der Naegeli-Zeichnungen entspräche. So zum Beispiel bei Marco Pero, dem Wirt des Restaurants «Drei Stuben» im Zürcher Kreis 6: Sein Vermieter, der Schützenverein Schweizerischer Studierender, erlasse ihm die Miete für die gesamte Zeit der wegen Corona angeordneten Schliessung, sagt Pero. Dabei handle es sich um einen fünfstelligen Betrag. «Dank diesem Entgegenkommen haben wir überhaupt eine Chance zu überleben», so der Wirt, der das Restaurant seit bald zehn Jahren führt.

Vor der Coronakrise habe er zwölf Mitarbeitende beschäftigt. Jetzt seien es noch acht – mit Kurzarbeit. Einige ausländische Angestellte hätten angesichts der Pandemie nach Hause zu ihren Familien gewollt. «Wir liessen sie gehen», sagt Pero. Er habe einen Kredit aufgenommen, um das Überleben des Betriebs soweit zu sichern. Seine verbliebenen Mitarbeitenden würden nun putzen, aufräumen und streichen. Ein Takeawaybetrieb würde sich laut Pero nicht lohnen, da in der Nähe vor allem Büros seien. Und die stünden jetzt leer, wegen Homeoffice.

Aktion Wolkegabe wurde ausgeweitet

Laut Projektleiterin Neumann fand die Aktion Wolkegabe Anklang über den ursprünglich angedachten Rahmen hinaus. So hätten sich auch kunstinteressierte Private gemeldet, die nicht Vermieter seien. Und gefragt, ob sie mit dem Kauf eines Naegeli-Bilds von der Coronakrise betroffenen Betrieben helfen könnten. Auf diesem Weg habe etwa eine Zürcher Buchhandlung einen Zustupf erhalten. Zudem beteiligen sich auch Vermieter von Läden ausserhalb Zürichs an der Aktion, bislang etwa in Winterthur, Dübendorf und Richterswil, wie Neumann weiter erwähnt.

Naegeli, der letztes Jahr im Vorfeld seines 80. Geburtstags gesundheitlich angeschlagen war, gehe es im Übrigen gut. «In der Utopie und der ethisch motivierten Tat zeigt sich die Kunst am reinsten», schreibt er auf der Wolkegabe-Website. Weiter heisst es dort: «Eine Vorahnung, wie Städte aussehen ohne die Vielfalt von kleinen Läden haben wir alle.» Und: «Es ist in unserem Interesse, ob Vermieter oder Kunde, diejenigen zu unterstützen, die mit ausserordentlichem Engagement unsere Stadtquartiere so lebenswert machen.»