Zürich

Vom Tagespilgern für Anfänger bis zur Reise für Trauernde:: «Es ist der Weg, der die Themen vorgibt»

Das Reformierte Pilgerzentrum St. Jakob in Zürich ist die Anlaufstelle für Menschen, die auf einer Reise zu sich selbst sind. Michael Schaar steht ihm vor.

Gabriele Spiller
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Michael Schaar machte 2001 seine erste Pilgerwanderung. Marc Dahinden

Michael Schaar machte 2001 seine erste Pilgerwanderung. Marc Dahinden

Marc Dahinden

Sie sind der neue Pilgerpfarrer von St. Jakob am Stauffacher. Wie gut zu Fuss sind Sie?

Michael Schaar: Ich denke, ich bin recht gut zu Fuss. Aber man kann ja auch als Velofahrer oder Inliner pilgernd unterwegs sein... Wir bieten sogar ein Pilgern mit dem Bus an, das gerade für Seniorinnen und Senioren geeignet ist, die mobil eingeschränkt sind. Oft handelt es sich dabei um ehemalige Jakobspilger. Wir fahren dann so nahe wie möglich entlang der Route.

Es ist also nicht für jüngere Rollstuhlfahrer gedacht?

Nein, aber Inklusion beim Pilgern wäre auch mal ein gutes und für mich sehr wichtiges Thema, gerade auch mit dem Blick auf junge Menschen.

Das Reformierte Pilgerzentrum St. Jakob existiert seit 20 Jahren. Wie hat es sich entwickelt?

Als Gründer hat mein Vor-Vorgänger Pfarrer Theo Bächtold wahre Pionierarbeit geleistet. Pilgern war für Reformierte «exotisch»; manche verbinden es noch heute ausschliesslich mit dem katholischen Glauben. Mein Vorgänger im Amt, Pfarrer Andreas Bruderer, ist Ende September in Pension gegangen. Er hat sich sehr mit der Frage auseinandergesetzt, was Pilgernde auf dem Weg für Wandlungen erleben. Mir sagen einige, dass sie durch die Gemeinschaft auf dem Weg, durch das Unterwegssein und diese Form von «Gottesdienst auf dem Weg» wieder neu einen Zugang zu ihrer Kirche erhalten.

Zur Person: Michael Schaar

Der Leiter des Reformierten Pilgerzentrums St. Jakob in Zürich wurde 1977 in Hannover geboren. Er studierte Evangelische Theologie, Anglistik und Pädagogik in Göttingen und Greifswald – mit Diplomabschluss in Theologie. Anschliessend absolviert er das Lernvikariat in der Kirchgemeinde Zürich-Aussersihl (2006 Ordination).

Schaar wird Pfarrer in Buch am Irchel und später von 2009 bis 2016 in Laufen am Rheinfall. Ausserdem ist er Fachlehrkraft für Religionsunterricht in der Sekundarstufe. Er ist verheiratet mit Eva Ebel, Dozentin für Religion und Kultur am Institut Unterstrass an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Ab welcher Marschdauer verändert sich etwas in einem?

Das ist sehr individuell, Langzeitpilgernde brauchen drei Wochen. Aber vorher stellt sich auch etwas ein.

Wie viele Pilger betreuen Sie in
Zürich?

Rund 200 Menschen holen sich jährlich den Pilgerpass bei uns ab, der aber auch beim Verein Jakobsweg erhältlich ist. Unser Adressstamm umfasst 1500 Pilger und Interessenten. Ausserdem bieten wir hier einen Pilgerstamm am ersten Freitag des Monats.

Im kommenden Herbst haben Sie eine einwöchige Pilgerreise für Trauernde im Programm.

Menschen, die trauern, sind meist erstarrt. Es geht darum, auch ganz praktisch wieder in Bewegung zu kommen. Wir bieten das Pilgern für trauernde Frauen und Männer an, die einen nahen Menschen an den Tod verloren haben, wobei es nicht in einer Akutsituation geeignet ist. Tränen sind auf diesem Weg erlaubt, es geht um den gemeinsamen Austausch. Das Pilgern hilft, den eigenen Körper neu wahrzunehmen und wieder «auf die Füsse» zu kommen.

Aber hatten Sie auch eine persönliche Motivation, diese Tour zu entwickeln?

Das Angebot haben wir im April ersonnen. Unterdessen ist im Juni mein Vater plötzlich und ohne Voranzeige mit 67 Jahren verstorben. Ich selbst habe in Dänemark auf dem Heerweg Haervejen die Erfahrung machen können, wie sich das Thema Trauer um einen nahen Menschen anfühlt und, dass der Weg hilft, die Trauer zu verarbeiten. Diese Erfahrung möchten wir nun auch anderen Menschen weiter geben.

Das «Pilgern für Trauernde» führen Sie gemeinsam mit Regula Würth, einer römisch-katholischen Seelsorgerin.

Wir kennen uns bereits viele Jahre. Im Zürcher Weinland haben wir exzellent ökumenisch arbeiten können. Wir haben Exerzitien im Alltag als Vorbereitung auf den Advent angeboten. Ich finde es sehr wichtig, dass wir als Frau und als Mann seelsorgerisch Begleitende auf dem Weg sind. Es können Themen kommen, die man vielleicht nur mit einer Frau oder einem Mann besprechen möchte.

Wie sieht denn der typische Pilger aus?

Den gibt es eben nicht! Aber es ist jemand, dem die Schöpfung und die Natur wichtig sind; auch Gastfreundschaft zu geben und anzunehmen. Das trifft häufig auf Menschen ab 40, 50 Jahren zu. Und natürlich motiviert manche der Eintritt ins Pensionsalter. Bei den Jüngeren, die allein pilgern, geht es auch um Abenteuerlust.

Wann wurden Sie zum Pilger?

Ich bin durch einen Studienfreund im Jahr 2001 auf meine erste Pilgerwanderung gekommen. Damals studierte ich an der Ostsee, und wir sind die «Via Baltica» von Swinemünde in Polen bis Lübeck gegangen. Damals hatte ich natürlich viel zu viel Gepäck dabei. Als dann an das erste deutsche Postamt gekommen sind, habe ich sechs Kilo zurück an mein Studienwohnheim geschickt.

Nun sind Sie zu 50 Stellenprozent Leiter des Pilgerzentrums und zu 30 Prozent ordentlich gewählter Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zürich-Aussersihl.

Die Kombination finde ich spannend: Ich bin als Ausländer Pfarrer in diesem Quartier, das sich sehr verändert hat, seit ich 2005 als Lernvikar hier arbeitete. Inzwischen ist es «in», im Kreis 4 zu wohnen. Es gibt neben den verschiedenen Nationalitäten auch viele junge Familien.

Und die kommen in Ihren Gottesdienst?

Leider noch nicht. In meinen elf Pfarramtsjahren hatte ich bisher immer einen Schwerpunkt in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien. Zwischen 24 und 30 Konfirmanden konnte ich an meiner letzten Stelle in Laufen am Rheinfall jährlich konfirmieren. Das sieht hier in der Stadt anders aus. Es sind drei, vier – zu wenige für eine Konfirmandenklasse. Das beruht aber auch auf der Zusammensetzung des Quartiers.

Warum haben Sie die Tätigkeit in Laufen am Rheinfall, an einem aussergewöhnlichen Ort, überhaupt aufgegeben?

Nach elf Jahren Pfarramt in seiner ganzen Breite bot sich diese einmalige Gelegenheit, sich einem speziellen Thema widmen zu können. Ich habe gemerkt, dass mich das Thema der christlichen Spiritualität, der Kontemplation und Achtsamkeit auch persönlich mehr und mehr interessiert hat. Im März beginne ich zudem eine Ausbildung zum Kontemplationslehrer. Diese Kompetenzen möchte ich dann in die Pilgerreisen einbringen. Es war für mich erstaunlich, wie oft gewünscht wird, dass während des Gehens geschwiegen wird.

Am Pilgerzentrum St. Jakob werden sogar Pilgerbegleiter ausgebildet.

Ja, aber erst 2018 startet ein neuer Kurs mit drei Modulen, von Mai bis September. Er richtet sich an Laien, die das Thema Pilgern in ihre Kirchgemeinde einbringen wollen. Man lernt den Unterschied zwischen Wandern und Pilgern, und man lernt das Sprechen im Wald, das ein anderes als in der Kirche ist. Ein Nothelferkurs ist übrigens Voraussetzung für die Teilnahme.

Sie haben aber auch Angebote für absolute Beginner.

Zum Beispiel ein Generationenpilgern im Schaffhauser Land, an einem Wochenende im Herbst. Der Einstieg ist unser Tagespilgern, das wir ab Januar ungefähr alle 14 Tage veranstalten, jeweils am Samstag oder Montag. Da sind 20 bis 30 Personen mit uns unterwegs. 2017 möchten wir nicht den Jakobsweg begehen, sondern uns dem Hugenottenweg durch die Schweiz widmen. Dieser wird gerade mit Beginn des Reformationsjubiläums im kommenden Jahr auch unser Weg sein. Zudem gibt es dazu einen aktuellen Bezug mit dem Thema Flucht. Es ist der Weg, der Themen vorgibt – nicht umgekehrt.