Exorzismus

Wie Heilsarmee-Offizier Beat Schulthess den Menschen den Teufel austreibt

Beat Schulthess ist seit 15 Jahren Heilsarmee-Offizier in Uster. Zusammen mit seiner Frau Monika führt er einen sogenannten Befreiungsdienst, die protestantische Form des Exorzismus. Ein Besuch bei dem Mann, der behauptet, er könne den Menschen den Teufel austreiben.

Malte Aeberli
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Guru, Exorzist oder einfach Seelsorger? Beat Schulthess, Leiter Heilsarmee-Korps Zürcher Oberland, ist in der eigenen Kirche nicht unumstritten. Dennoch gilt er unter den Teufels- Bekämpfern als einer der seriösesten.

Guru, Exorzist oder einfach Seelsorger? Beat Schulthess, Leiter Heilsarmee-Korps Zürcher Oberland, ist in der eigenen Kirche nicht unumstritten. Dennoch gilt er unter den Teufels- Bekämpfern als einer der seriösesten.

Zur Verfügung gestellt

Beat Schulthess steht auf der Bühne im Saal der Heilsarmee in Uster. Rund 40 Personen schauen zu ihm auf. Schulthess spielt auf seiner Gitarre das Lied «Herr, dein Name sei erhöht». Mit seinen Füssen stampft er den Takt vor. Einige stehen auf, tanzen und klatschen. Es ist das gemeinsame Singen und Beten als Einstimmung auf den geistlichen Kampf gegen die bösen Mächte, der am Nachmittag folgen wird. Einige werden sich im Gebetsraum im Untergeschoss zusammenfinden, um durch Gebete den Kampf gegen das Böse zu unterstützen. Andere werden Schulthess und die anderen Seelsorger direkt im Befreiungsdienst unterstützen. «Danke Jesus, dass die dunklen Mächte ans Licht treten dürfen», sagt Schulthess in pathetischem Ton. Jeder scheint bei sich selbst zu sein. Dennoch scheint unter den Anwesenden ein krudes Gefühl von Gemeinschaft zu entstehen. «Das ist echt. Wir machen hier keine Show», sagt Schulthess.

Im Kaffeeraum des Seelsorge-Zentrums Hesekiel der Heilsarmee in Uster warten die Hilfesuchenden auf ihre Seelsorger. Jeder noch so kleine Raum im Gebäude wird als Besprechungszimmer genutzt. Der Andrang ist so gross, dass Schulthess längst nicht mehr alle Hilfesuchenden selber betreuen kann. Er schreitet mit langen, behutsamen Schritten leicht gebeugt durch den Raum. Die Uniform trägt er wie eine Rüstung.

Schulthess ist in der Nähe von Zofingen im Kanton Aargau aufgewachsen. Seine Eltern gingen regelmässig zu einer Wahrsagerin. Auch bei gesundheitlichen Beschwerden wie Bauchschmerzen suchten sie Rat bei der Pendlerin. Ihm war nicht wohl dabei. Mit 18 Jahren entschloss er sich für ein Leben mit Jesus Christus, wie er sagt. Er fühlte sich zu keiner Kirche speziell zugehörig, ehe er in einer Nacht von einer Gruppe uniformierter Männer träumte. Es waren Heilsarmee-Soldaten. Sie bestiegen gemeinsam einen Zug. Für Schulthess ein Zeichen Gottes. «Ich wusste, dass ich zur Heilsarmee muss.» Er brach seine Bemühungen ab, die Matura nachzuholen und absolvierte die Heilsarmee-Offiziersschule.

Den Niedergang aufhalten

Trotz des frommen Lebens: Schulthess fühlte sich nie vollkommen frei. Bis ein Befreiungsdiener aus dem freikirchlichen Milieu bei ihm «dämonische» Belastungen erkannte, die angeblich von den Besuchen bei der Wahrsagerin herrührten. Er sei durch die Kraft von Jesus Christus befreit worden, sagt Schulthess. Der Kontakt zu den Eltern war fortan schwierig. «Es steht in der Bibel: Du sollst Vater und Mutter ehren. Dieses Gebot habe ich immer geachtet, auch wenn es mir nicht immer leicht fiel.»

Im Sommer 2001 kam er mit seiner Frau Monika und den Kindern nach Uster. Die Mission: Den Niedergang der Heilsarmee im Oberland aufhalten. Sie hatten Erfolg. Vielleicht gerade wegen ihrer Tätigkeit. Heute besuchen jede Woche rund 200 Personen den Gottesdienst. Die Gemeinde ist eines der erfolgreichsten Heilsarmee-Korps und hat nach wie vor Zulauf. «Das hat sicher auch mit der Art und Weise zu tun, wie wir uns verhalten. Die Heilsarmee verleiht unserer Arbeit eine gewisse Seriosität. Das ist mir schon bewusst.»

Brief an den Teufel

Eine 60-jährige Frau mit strähnigem Haar und körperlichen Gebrechen erhebt sich schwerfällig und folgt Schulthess in eines der Zimmer. Der Raum ist spartanisch eingerichtet. Ein Tisch, vier Stühle, die Wände kahl. Auf dem Tisch steht ein Tablett mit Informationsflyern, Salbungs-Öl und einer Taschentuch-Box. Die Standardausrüstung für jeden Seelsorger vom Befreiungsdienst. Die Frau setzt sich mühsam hin. Schulthess blickt unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. Er scheint die Frau mit seinem Blick zu durchdringen. Es ist ihre erste Sitzung bei Schulthess. Sie vermutet, dass etwas mit ihr nicht stimmt.

Ihr Vater hat sie in der Kindheit geschlagen, erzählt sie. Eine Freundin gab ihr den Tipp, den Teufel um Hilfe zu bitten.«Eines Abends, als ich mir nicht mehr zu helfen wusste, habe ich mich in den Finger gestochen und mit meinem Blut einen Brief an den Teufel geschrieben», bringt sie mühsam hervor. Schulthess nickt. Es folgten Drogenexzesse und Prostitution. Sie war mehrfach in psychiatrischer Behandlung, hatte Angstzustände. Mit der Zeit konnte sie nicht mehr richtig -gehen und versuchte sogar sich umzubringen. Behutsam fragt Schulthess nach. Seine Helfer schreiben mit. Notieren den Namen des behandelnden Arztes. Nach einigen klärenden Fragen sagt er: «Hier könnten Dämonisierungen im Spiel sein.»

Die Gebetsgruppe

Während Beat Schulthess und seine Mitstreiter in den Räumen des Seelsorgezentrums Hesekiel in Uster die Menschen «im Namen Jesu befreit» oder vielleicht auch nur mit ihnen reden, sitzt im Keller eine Gruppe von rund zehn Leuten im Kreis und betet gemeinsam. «Wir danken dir Herr, dass diese Menschen heute Befreiung erleben dürfen», sagt eine ältere Frau, die Hände im Schoss gefaltet.

Die Luft im Raum ist warm und verbraucht. Die Teilnehmer wechseln sich im Gebet ab, ohne sich abzusprechen. «Jesus, danke, dass diese Menschen heute Nachmittag ihre Bitterkeit loslassen und frei werden können. Lob und Dank.» Tiefe Seufzer in der Runde. Auf dem Tisch steht eine kleine Krone, die symbolisiert: Der heilige Gott als König des Reiches ist anwesend und spendet Kraft. «In gewisser Weise sind wir das Kraftwerk der Befreiungsdiener», sagt Heinz Kündig, der Leiter der Gebetsgruppe. Er war einer der ersten, der die Befreiungsschule von Beat Schulthess besuchte. Dieser sagt: «Die Gebetsgruppe macht eine enorm wichtige Arbeit. Ohne die Gebete wären wir nicht so erfolgreich.»

Schulthess und Kündig sind felsenfest davon überzeugt, dass in einer Parallelwelt gute und böse Mächte gegeneinander kämpfen. «Mit unserem Gebet stärken wir die Armee des Lichtes», sagt Kündig. Aus seiner Sicht leistet Beat Schulthess herausragende Arbeit. «Gäbe es mehr wie ihn, bräuchten wir weniger Psychiatrien.»

Von Jesus Christus berufen

Schulthess fängt aber nicht etwa an, mit ihr zu beten oder gebietet den Dämonen, sie müssten verschwinden. Nein: «Hier sind lange Gespräche, Abklärungen mit Ärzten und Gebete nötig, ehe sie sich von den dunklen Mächten lossagen kann.» Das dauere in der Regel zwischen 50 und 70 Stunden. «Wir machen mit den Hilfe-Suchenden einen Schritt nach dem anderen.» Geld verdient Schulthess mit seiner «Dienstleistung» nicht. Er erhält lediglich einen Bedarfslohn von der Heilsarmee. Er sieht sich als überzeugter Berufener des Befreiungsdienstes. Schulthess ist davon überzeugt, dass Jesus Christus ihm die Gabe der Geisterunterscheidung und der Erkenntnis mit auf den Weg gegeben hat.

So nimmt er auch Häuserbefreiungen vor. Diese sind zwar auch in der Esoterik weit verbreitet. «Unsere Häuserberfreiungen sind völlig anders», widerspricht Schulthess. «Ich habe zu Gott gebetet und er hat mich in diesem Weg bestärkt, obwohl Häuserbefreiungen nicht traditionell protestantisch sind.» Trotzdem nähmen auch viele reformierte Gläubige diesen Dienst in Anspruch. Schulthess scheint dem Prinzip zu folgen: Solange Gott ihm positive Zeichen sendet, ist es sein Wille.

Seine Fragen an die Hilfe-Suchenden sind nie dieselben. «Es ist eine Art innere Gewissheit. Gott lenkt mich in die richtige Richtung. Und die Erfahrung hilft natürlich auch.» Schulthess bezichtigt die Menschen nicht, sondern formuliert seine Fragen als Vermutung: «Könnte es sein, dass du bei einem Pendler warst? Könnte es sein, dass Sodomie im Spiel war?» Schulthess diagnostiziert nicht einfach willkürlich Dämonisierungen. So vermutet er bei einem jungen Mann zum Beispiel eher Seelen-Ballast als dunkle Mächte und verordnet ein wöchentliches Seelsorge-Gespräch sowie die Fortsetzung der Therapie beim Psychiater.

Wenn Dämonen sprechen

Erst am frühen Abend geschieht etwas Überraschendes. Eine Frau mit spanischem Akzent betritt den Raum. Sie habe Zuckungen und schreie zum Teil unvermittelt auf. Schulthess spürt die Gegenwart der Dämonen. Da ist sie wieder, diese innere Gewissheit. Die Frau ist einverstanden, dass die Befreiung aufgezeichnet wird. Schulthess gebietet: «Im Namen Jesus Christus von Nazareth befehle ich allen Dämonen auszufahren. Kraft des Blutes Jesu.» Stille. Schulthess gebietet. Stille. Ein schrilles Kichern. Stille. Nach einer Stunde
verlassen Schulthess, die Frau und die anderen Befreiungsdiener das karge Besprechungszimmer. Alle sehen müde aus.

«Sie hatte starke Manifestationen», sagt Schulthess am nächsten Tag. So nennt er für den Verstand nicht erklärbare, fremde Klänge und Reaktionen von betroffenen Menschen: «Der Dämon ergreift in gewisser Weise Besitz vom Körper und kämpft gegen die Kraft von Jesus Christus», erklärt Schulthess. Schliesslich sei nicht er es, der die Menschen befreit: «Es braucht zunächst den Willen und den Glauben der Menschen, damit sie durch die göttliche Kraft von Jesus Christus frei werden dürfen.»

Eine Woche später scheint die Frau erlöst zu sein von ihren Gebrechen. Sie fühle sich viel besser; freier. Manifestationen hatte sie gemäss eigener Aussage keine mehr. 90 Prozent der Leiden, die sie plagten, seien weg, sagt sie. «Dass vielleicht auch psychische Probleme mit im Spiel waren, will ich nicht ausschliessen», sagt Schulthess. Sie wird wohl wieder kommen. «Wir helfen den Leuten, so lange sie unsere Hilfe wollen. Die Psychiater sagen bei Langzeit-Patienten ja auch nicht, okay wir wollen dir nicht mehr weiterhelfen.»

Drohbriefe und Anfeindungen

Schulthess ist bewusst, dass er sich in einem schwierigen Umfeld bewegt. Damit meint er: Seine Familie und er seien schon mehrfach von dunklen Mächten heimgesucht worden. «Dieser Weg ist nicht einfach», sagt auch seine Frau Monika. Drohbriefe und Anfeindungen von Aussenstehenden kommen vor.

«Unser Sohn wurde zum Beispiel von einem ehemaligen Mitglied der Gemeinde, das wir ausgeschlossen hatten, verwünscht», erzählt Monika Schulthess. Sie sagt, das Kind habe Leukämie bekommen. «Aber dank Jesus Christus wurde unser Sohn von diesen dunklen Mächten befreit. Selbst für die Ärzte war das unerklärlich», sagt Monika Schulthess.
Trotz der Kritik und der bedrohlichen Mächte haben beide nie an ihrem Weg gezweifelt. «Die Liebe zu den Menschen und der Weg mit Gott bestärkt uns jeden Tag in unserem Schaffen.»

Die Befreiungsdienstler kümmern sich auch um Pornografie- und Sexsucht

Beat Schulthess gilt in der Befreierszene in gewisser Weise als Guru. Er verdient zwar als Heilsarmee-Offizier nicht viel, aber für das
Korps ist seine «Schule für Befreiungsdienst und geistliche Kampfführung» eine
zusätzliche Geldquelle.

In einem einjährigen Kurs kann man sich zum Befreiungsdiener ausbilden lassen. Dazu muss man an einem Samstag im Monat in verschiedene Seminare gehen und 30 Praxis-Stunden im Befreiungsdienst leisten. Kostenpunkt: Zwischen 400 und 800 Franken pro Jahr. Die Module können auch einzeln besucht werden. Das Zertifikat wird mit Kreditpunkten in der freikirchlichen Schule International Seminary of Theology and Leadership (ISTL) belohnt.

Gott als Allheilmittel

An einem Samstag im Mai findet das Modul «Befreiung von Pornografie- und Sexsucht» statt. Der Saal der Heilsarmee ist mit 80 Personen gut gefüllt. Nur eine Handvoll wird später im Befreiungsdienst mitarbeiten können. Eine Frau in weiten Schlaghosen und knalliger Bluse tanzt in der Mitte des Raumes. Nach dem üblichen gemeinsamen Singen und Beten erzählt der Theologe Christian Jungo von seiner Erfahrung mit seiner Pornografiesucht. Die Aufmachung des Vortrages kommt durchaus wissenschaftlich daher. Die Sucht wird in diesem Seminar nicht verteufelt, sondern als Vorgang im Gehirn und als zwanghafte Gewohnheit dargestellt.

Von Sodomie befreit

Man wähnt sich beinahe an einer Informationsveranstaltung einer Suchtfachstelle, würde als einziger Ausweg nicht Gott genannt. Jungo erzählt: «Ich betete zu Gott und flehte ihn an, dass er mich von meiner Porno-Sucht frei machen würde. Zum
ersten Mal sprach Gott zu mir. Ich wusste, Jesus ist für mich und meine Sünden am Kreuz gestorben. Ich darf frei sein.»

In der Mittagspause spricht Beat Schulthess mit seinen Schäfchen. Ein Herr unter ihnen hat ein Selbstbefriedigungs-Problem und litt unter «schwerer Sexsucht und
Sodomie», davon sei er aber seit Jahren frei. «Nur Christus kann helfen.» Er fragt den Journalisten, ob er auch Christ sei. Nein, ist er nicht: «Dann werde ich für Sie beten», sagt der Mann mit verklärtem Blick.

Beat Schulthess ist sich bewusst, dass er mit seiner Befreiungsschule auch sonderbare Figuren anzieht. Keiner seiner Absolventen solle ohne Unterstützung einen Befreiungsdienst in einer Gemeinde eröffnen. Das steht auch auf dem Zertifikat.

Stetige Entwicklung

«Aber natürlich bin ich mir der Gefahr bewusst, dass einige Leute unter dem Radar etwas Eigenes machen könnten. Ich weise aber alle darauf hin.» Schulthess versucht, seine Ausbildung stets weiterzuentwickeln. «Viele Menschen, die zu uns kommen, haben Traumatisches erlebt. Deshalb werden wir nächstes Jahr ein Modul für Traumatherapie anbieten.»