Zirkus

Zirkus trotz Corona: «Ich bin megahappy, dass wir spielen können»

Mit dem Heimspiel auf dem Zürcher Koch-Areal feiert der Zirkus Chnopf sein 30-jähriges Bestehen. Wegen Corona waren viele Anpassungen nötig.

Matthias Scharrer
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Alda Otter zählt zu den Profis im Ensemble.
11 Bilder
Die 16-jährige Emilie Sieber am Schminktisch.
Zirkus Chnopf in Zürich
Bei der Kollekte achtet Zirkusdirektor Dave Sieger auf Abstand.
Zum 30-Jahr-Jubiläum haben Sieger und sein Team in einem Zirkuswagen ein Museum eingerichtet.
Das Aufwärmen im Zirkusquartier wird zum spielerischen Improvisationstheater.
Lino Gioia macht grosse Sprünge auf dem Schleuderbrett.
Artistin Alda Otter verkauft vor der Show Popcorn hinter Plexiglas.
Konzentration am Schminktisch.
Das Freiluft-Spektakel findet im Zirkusquartier beim Zürcher Koch-Areal statt.
Hier wohnen die Artisten.

Alda Otter zählt zu den Profis im Ensemble.

Severin Bigler

Der Bauchladen, mit dem Alda Otter durch die Zuschauerreihen schlendert, um Popcorn zu verkaufen, hat eine Plexiglasscheibe. Die Artistin trägt eine Atemschutzmaske aus grünem Stoff. Die Zuschauerränge sind in Sektoren unterteilt. So liesse sich im Falle einer Corona-Infektion das Contact-Tracing vorschriftsgemäss bewerkstelligen, erklärt Dave Sieger, der künstlerische Leiter des Zirkus Chnopf.

Eigentlich hätte die Jubiläumssaison des 1990 gegründeten Zirkus im Mai beginnen sollen. Doch dann kam Corona und änderte fast alles. Die Artisten harrten im Zirkusquartier beim Zürcher Koch-Areal aus, ohne zu wissen, ob sie überhaupt auftreten können. Die Tournee begann dann Ende Juli und strebt jetzt, mit dem Heimspiel im Zirkusquartier, ihrem Höhepunkt entgegen: Am Samstag findet das Jubiläumsfest statt.

In der Mittwochsvorstellung sind die 350 Sitzplätze alle belegt, dazu auch einige Stehplätze. 381 Besucher meldet Sieger kurz vor Vorstellungsbeginn.

Rückblende: Eine Stunde vorher wärmen sich die Artisten in einer ehemaligen Fabrikhalle des Zirkusquartiers auf. Das Aufwärmen wird zum lustvollen Improvisationstheater: Die Artisten lachen, klatschen, werfen sich imaginäre Bälle zu. Der Mensch – ein verspieltes Wesen. So ist auch Zirkus irgendwie systemrelevant.

Eine der wenigen Zirkus-Ausbildungsstätten

Mit dem Zirkusquartier beim Koch-Areal ist der Zirkus Chnopf eine der wenigen Ausbildungsstätten für Zirkusleute in der Schweiz. Hier finden fast täglich Workshops und Kurse für Tanz und Akrobatik statt. In zwei, drei Jahren sollen die alten Fabrikgebäude einer neuen Überbauung weichen. Der Zirkus wird gemäss den Plänen der Stadt Zürich, die das Areal gekauft hat, auch in der neuen Überbauung sein Winterquartier erhalten. «Bei den meisten Überbauungen fehlt anfangs das Herz. Hier implantiert man es von Anfang an», sagt Sieger.

Zwischen den Wohnwagen bereiten sich die Artisten auf die Vorstellung vor. Die 16-Jährige Emilie Sieber trägt gerade türkise Schminke auf ihre Augenlider auf. Sie ist eine der drei jugendlichen Artisten, die mit den professionellen Zirkusleuten auf Tour sind. «Es ist eine megacoole Erfahrung. Das gibt es sonst nicht so, dass man mit Profis zusammenarbeitet», sagt die junge Baslerin. Sie war bereits während fünf Saisons mit dem Jugendzirkus Robiano unterwegs. Am Donnerstag und Samstagvormittag hat sie nun jeweils im Zirkus Schulunterricht. «Das ist ein bischen wie Homeschooling», meint sie. Die Corona-Spielzeit sei anfangs seltsam gewesen: «Wir müssen immer Abstand zum Publikum halten, dürfen nicht einmal unsere Familienmitglieder umarmen.» Inzwischen habe sie sich daran gewöhnt.

Der 20-jährige Lino Gioia ist zum zweiten Mal mit dem Zirkus Chnopf auf Tournee. «Ich bin megahappy, dass wir überhaupt spielen können», sagt er, während er gerade seine Wäsche in der Sonne aufhängt.

Auch Alda Otter sammelte schon als Jugendliche Erfahrungen beim Zirkus Chnopf. Inzwischen hat die 24-Jährige eine Artistenausbildung in Berlin abgeschlossen und zählt zu den Profis im Ensemble. «Der Zirkus ist Familie für mich», sagt sie, nachdem sie sich auf der Freiluftbühne mit grossen Sprüngen auf dem Schleuderbrett aufgewärmt hat.

Die Show beginnt. Emilie Sieber klettert auf dem Bühnendach herum. Musikanten purzeln aus einer Lücke im Holzboden auf die Bühne. Es folgt ein schräges Rollschuhballett, begleitet von schmelzenden Bratschenklängen, die bald darauf von fetten Synthesizerbässen und Schlagzeugbeats abgelöst werden. Emilie bestaunt eine Art Schneeball, den sie aus einem weissen Band geformt hat. Ein Abend voller Poesie hat begonnen.