Coronavirus
Braucht es eine zweite Boosterimpfung? Und wo bekomme ich sie im Kanton Zürich? Ein Experte gibt Auskunft

Zwar empfiehlt die Eidgenössische Impfkommission zurzeit keine zweite Auffrischimpfung gegen Corona. Dennoch können Impfwillige bereits heute eine vierte Dosis erhalten. Die Nachfrage dafür sei da, sagt Huldrych Günthard vom Universitätsspital Zürich.

Sven Hoti
Drucken
Impfaktion am Gymnasium Wiedikon: Gesunde Junge brauchen gemäss Infektiologe Huldrych Günthard keinen zweiten Booster.

Impfaktion am Gymnasium Wiedikon: Gesunde Junge brauchen gemäss Infektiologe Huldrych Günthard keinen zweiten Booster.

Gaëtan Bally / Keystone

Seit Anfang Jahr steht die Boosterimpfung gegen das Coronavirus auch der breiten Bevölkerung im Kanton Zürich zur Verfügung. Rund die Hälfte der Zürcherinnen und Zürcher hat bereits eine solche erhalten. Für viele sind bald schon vier Monate seit der Auffrischimpfung vergangen. Zeit also für die nächste?

Nicht, wenn es nach der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif) geht. Denn während Länder wie etwa Deutschland oder Italien ihre ältere Bevölkerung bereits zum zweiten Boostern aufgerufen haben, gibt es in der Schweiz noch gar keine Empfehlung dazu. Auch die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich stützt sich bei ihren Impfempfehlungen auf die Einschätzung der Ekif.

«Eine zweite Boosterimpfung ist derzeit weder zugelassen noch empfohlen und wäre somit ‹off label use›»,

teilt sie auf Anfrage mit. Und weiter: «Es liegt in der Verantwortung der Ärztin beziehungsweise des einzelnen Arztes, ob sie oder er jemandem ‹off label› eine zweite Auffrischimpfung verabreicht.»

Ärzteschaft haftet für Nebenwirkungen

Ärztinnen und Ärzte können also einen zweiten Booster verabreichen, wenn sie denn wollen. Etwaige Nebenwirkungen, die mit der Impfung verbunden sind, würden jedoch je nachdem auf ihre Kappe gehen, da es derzeit noch keine offizielle Empfehlung vom Ekif oder vom Bundesamt für Gesundheit gibt. Patientinnen und Patienten müssen in der Regel eine Einverständniserklärung unterschreiben.

Trotz nicht vorhandener Empfehlung werden aber schon heute zweite Boosterimpfungen «off label» verabreicht an Leute, die älter sind oder zu Risikogruppen gehören. Etwa am Kantonsspital Aarau. Aber auch in Zürich sei die Nachfrage nach einer vierten Impfung da, sagt Huldrych Günthard vom Universitätsspital Zürich. Während das im Ausland bereits einfach möglich sei, fragten sich manche Leute verwundert, warum das in der Schweiz noch nicht offiziell empfohlen werde, erklärt der Infektiologe. Er findet: «Personen in höherem Alter oder aus den Risikogruppen sollten sich zum zweiten Mal boostern lassen können.»

Empfehlung der Impfkommission könnte schon bald kommen

Günthard geht davon aus, dass die Ekif in nächster Zeit eine entsprechende Empfehlung für den Herbst herausgeben wird. Der Infektiologe rechnet allerdings nicht mit einer breit angelegten Kampagne. Vielmehr werde es dabei um eine Auffrischimpfung für Betagte und weitere Personen aus den Risikogruppen gehen, vermutet er. Denn bei diesen Leuten gebe es Daten, die klar zeigten, dass eine zusätzliche Boosterimpfung etwas bringe – auch wenn der Nutzen zwischen dritter und vierter Impfung etwas kleiner sei als zwischen der zweiten und dritten. Der Infektiologe betont:

«Einen zweiten Booster im Herbst finde ich durchaus sinnvoll.»

Kein signifikanter Effekt zeige sich hingegen bei den Jüngeren, die nicht zur Risikogruppe gehören, sagt Günthard. «Jüngere würde ich nicht ein zweites Mal boostern. Die derzeit verfügbaren Daten zeigen, dass es praktisch nichts bringt.» Das Gleiche gelte beim ersten Booster, wenn jemand sich bereits zweimal geimpft und einmal infiziert habe.

Huldrych Günthard, Infektiologe am Universitätsspital Zürich.

Huldrych Günthard, Infektiologe am Universitätsspital Zürich.

zvg

Ein anderes Thema ist Long Covid: über Monate anhaltende Langzeitfolgen wie Erschöpfung oder kognitive Probleme nach einer durchgemachten Covid-Erkrankung. Ob der zweite Booster das Risiko von Long Covid weiter senken kann, sei noch unklar, so Günthard. «Meiner Meinung nach ist die Datenlage noch ungenügend, um diesbezüglich etwas sagen zu können. Aber es kann gut sein, dass noch Daten herauskommen werden, die zeigen, dass eine zweite Boosterimpfung auch Long Covid weiter reduzieren wird.»

Die Impfstandorte im Kanton werden weniger

Nicht zuletzt wird die Boosterimpfung noch eine Zeit lang für gewisse Reisen ins Ausland benötigt. Reisewillige seien daher mit einem zweiten Booster, der einen nachhaltigen Schutz biete, sicher besser bedient als mit einem PCR-Test, der nach 48 Stunden wertlos sei, sagte Infektiologe Christoph Fux vom Kantonsspital Aarau. Darum empfiehlt er auch Reisewilligen einen zweiten Booster anstatt den PCR-Test, wenn sie ihn fragen.

Wer sich jedoch im Kanton Zürich impfen lassen möchte, für den wird die Auswahl immer kleiner: Die Impf- und Boosterzentren in Zürich Oerlikon und Uster schliessen Ende Monat, weil die Nachfrage stark zurückgegangen ist. Auch immer mehr Hausarztpraxen impfen inzwischen nicht mehr, da die aufwendige Lagerung des Impfstoffes unter einer bestimmten Mindestmenge nicht mehr rentiert. Möglich sind Impfungen aber weiterhin in den Impfzentren in Zürich am Hirschengraben und in Winterthur sowie in bestimmten Hausarztpraxen und Apotheken.

Covid-19 – irgendwann ein Pfnüsel?

Man müsse sich ohnehin mit dem Gedanken abfinden, dass die Impfung nur kurzfristig vor einer Ansteckung schützen werde, gibt Infektiologe Günthard zu Bedenken. Denn im Unterschied zu Impfungen gegen Masern oder Röteln wirkten diejenigen gegen Covid-19 nicht ein Leben lang. «Entscheidend ist jedoch, dass sie vor schweren Verläufen schützen.» Und dass sie das tun, sieht Günthard tagtäglich im Unispital.

Insgesamt habe sich die Lage dort stark beruhigt, sagt er und führt aus:

«Seit Februar hatten wir fast keine neuen Schwerkranken mehr im Zusammenhang mit Covid-19.»

Einerseits sei dies Fortschritten in der Behandlung zu verdanken. Andererseits, und das sei der Hauptpunkt, hätte sich in der Schweiz bereits ein grosser Teil entweder impfen lassen, sei angesteckt worden oder habe Impfung plus Ansteckung durchgemacht. Angesichts dieser fortgeschrittenen Grundimmunisierung in der Bevölkerung und der bisherigen Entwicklung des Virus geht Günthard davon aus, dass sich Covid-19 früher oder später zum fünften «Corona-Pfnüsel-Virus» entwickeln wird. Derzeit gibt es vier harmlosere Coronavirus-Arten, die ganzjährig Erkältungen auslösen können.