Pro & Contra

Pro und Contra zum 1. August: Nervige Zelebrierung von Nationalstolz oder ausgelassene Geburtstagsfeier für die Schweiz?

Am 1. August scheiden sich die Geister: Der ehemalige Juso-Präsident Fabian Molina sorgte vor einigen Jahren für einen Aufschrei, als er zum Verzicht auf Schweizer Fahnen aufrief. Soll man den Schweizer Nationalfeiertag nun feiern oder nicht? Und wenn ja, wie? Zwei Meinungen aus der Redaktion.

Luca Ghiselli/Linda Müntener
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Pro: Feiern geht auch ohne Politiker-Reden, Rütli, und Schweizer Psalm

Luca Ghiselli, Onlineredaktor. (Bild: Hanspeter Schiess)

Luca Ghiselli, Onlineredaktor. (Bild: Hanspeter Schiess)

Man muss kein überzeugter Eidgenosse, kein glühender Patriot, kein verblendeter Nationalist sein, um dem 1. August Positives abgewinnen zu können. Man muss nicht aufs Rütli pilgern oder den Schweizer Psalm singen. Und man kann sich auch die Auftritte von Karin Keller-Sutter, Christoph Blocher, Hanspeter Trütsch, Kariem Hussein und allen anderen sparen, die vor Festbänken und Plastikfähnli auf Kiesplätzen landauf landab grosse Reden schwingen.

Es ist ein bisschen wie Geburtstag feiern: Die einen veranstalten eine riesige Fete, andere stossen einfach mit der Familie an – und wieder andere verbringen den Tag, als wäre es ein ganz gewöhnlicher. Daran ist nichts schlecht. «Jeder tut's auf seine Weise», singt Till Lindemann von Rammstein. Das gilt auch für den 1. August.

Leider gilt aber für den Schweizer Nationalfeiertag das, was gemeinhin oft zu beobachten ist in diesem Land: Spass und Ausgelassenheit sind a priori suspekt. Wenn die Feierlichkeiten dann – oh Schande – gar noch mit gewissen Emissionen (Stichwort Lärm) verbunden sind, dann ist die Toleranzgrenze schnell erreicht.

Oder aber, man stellt alle, die einen Vulkan anzünden, in eine patriotisch-nationalistische Ecke und argumentiert gegen den vermeintlich falschen Nationalstolz. Kann man denn nicht einfach Spass haben, ohne stolz sein zu müssen? Oder anders gefragt: Muss man strenggläubiger Christ sein, um zu Hause einen Christbaum aufzustellen? Natürlich nicht.

In Italien und Deutschland – den Ländern meiner Vorfahren – ist das Verhältnis zum eigenen Nationalfeiertag entspannter, trotz (oder gerade wegen?) der ungleich heikleren jüngeren Vergangenheit. In Italien feiert man am 25. April die Festa della Liberazione, die Befreiung des Faschismus. Und am 1. Juni die Gründung der Republik. In Deutschland erhellt Feuerwerk am 3. Oktober den Nachthimmel – dem Tag der Deutschen Einheit. Wer dort feiert, wird kaum mit Vorwürfen zu falscher Heimatliebe oder Lärmklagen eingedeckt.

Nein, ich singe den Schweizer Psalm nicht. Ich pilgere auch nicht aufs Rütli. Und ich schenke mir auch all die Politiker-Reden zur Lage der Nation. Wir feiern im Garten – und schieben eine Pizza in den Holzofen. Viva la Svizzera!

Contra: Übertriebener Nationalstolz und die immergleichen Feiern

Linda Müntener, Onlineredaktorin. (Bild: Urs Bucher)

Linda Müntener, Onlineredaktorin. (Bild: Urs Bucher)

Wenn der Schwefel in den Augen brennt, es überall chlöpft und das Festzelt aus allen Nähten platzt, dann ist es wieder soweit. Herr und Frau Schweizer feiern sich selber. Eidgenossen sind wir, jawohl!, darauf einen Fackelspiess und ein Rivella! Im Jahre 1291 besiegelten Abgeordnete der Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden auf der Rütliwiese einen «ewigen Bund» zur Verteidigung der Freiheit gegenüber fremden Machtübernahmen. Wer von euch war denn da dabei?

Der Eidgenosse, der am 1. August seinen Nationalstolz zelebriert, feiert sich für etwas, wofür er nichts geleistet hat. Es war Glück, dass er 19xy zufälligerweise inmitten bestimmter Grenzen geboren wurde, in einem Land, das so stabil ist wie die Schweiz. Schön, wenn man sich hier wohl fühlt, das tue ich auch. Das ist Heimatliebe. Aber stolz sein? Worauf denn? Ein übertrieben ausgeprägtes Selbstwertgefühl, das einzig aus dem weissen Kreuz auf dem roten Pass bezogen wird, zeugt davon, selbst noch nicht allzu viel geleistet zu haben.

Dabei nimmt es der Eidgenosse an sich mit der Heimatliebe nicht einmal ganz so genau. Die Mehrheit der 1.August-Feiern wird nicht am eigentlichen Nationalfeiertag, sondern am 31. Juli abgehalten – damit man nach dem kollektiven Besäufnis auf der Dorfwiese seinen Rausch am Feiertag schön ausschlafen kann. Man könnte auch früher ins Bett, man verpasst wenig. Die Feiern sehen jedes Jahr gleich aus. Lampionumzug, ein prominenter oder minder prominenter Redner, Blaskappelle, trittst im Morgenrot daher. Ein hoffnungslos überforderter Feuerwehrverein betreibt die Festwirtschaft, weil er eben nur einmal im Jahr eine Festwirtschaft betreibt, dazu viel Alkohol, Funken und Feuerwerk.  

Die Hoffnung bleibt, dass wenigstens Letzteres in diesem Jahr kleiner ausfällt. Immerhin die Migros hat ihren Feuerwerksverkauf eingestellt. Ob nun aus wirtschaftlichen oder klimatechnischen Überlegungen, ist völlig egal. Haustiere, Wildtiere, die Umwelt und ich sagen Danke.

Danke und Happy Birthday, Schweiz. Feiert mit, liebe Eidgenossen, seid stolz auf euch – darauf, was ihr erreicht habt, nicht darauf, woher ihr kommt. Und denkt bei allem Stolz und Freude auch an jene, die es weniger gut getroffen hat, als euch. 

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