Analyse

75 Jahre nach Hiroshima: Die Bombe als Friedensbringer?

Wäre der Kalte Krieg ohne die Bombe kalt geblieben? Wohl kaum. Das müssen auch jene zugeben, welche «das Gleichgewicht des Schreckens» für eine monströse Absurdität gehalten haben.

Christoph Bopp
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Test der Wasserstoffbombe "Ivy Mike" auf dem Eniwetok-Atoll im Pazifik.

Test der Wasserstoffbombe "Ivy Mike" auf dem Eniwetok-Atoll im Pazifik.

Wie alles, was vergangen ist, bekam auch der Kalte Krieg noch ein bisschen Verklärung ab. Wie schön sei doch die Zeit gewesen, als die Welt noch übersichtlich geteilt war: zwei Blöcke, zwei Systeme, zwei Einflusssphären. Vielleicht ist das auch eine europäische Sicht auf den Kalten Krieg. In anderen Weltgegenden sah man die Sache nicht so positiv. Vielleicht muss man es auch psychologisch erklären: Es war einfach einfacher, zuverlässig zwischen Gut und Böse (oder Erwünscht und Nicht-Erwünscht) zu unterscheiden. Komplexitätsreduktion ist immer eine willkommene Strategie gegen moralische Stressüberlastung.

Die Physiker Otto Frisch (links) und Rudolf Peierls legten in ihrem «Memorandum» von 1940 dar, dass die Bombe machbar und als Waffe einsetzbar war.

Die Physiker Otto Frisch (links) und Rudolf Peierls legten in ihrem «Memorandum» von 1940 dar, dass die Bombe machbar und als Waffe einsetzbar war.

Welche Rolle spielte die Bombe? Sie war nicht nur militärisch ein Game Changer. Eine Waffe, gegen die es «kaum einen effektiven Schutz gibt», schrieben die Physiker Rudolf Peierls und Otto Frisch bereits 1940 in ihr Memorandum. Damals war die Wissenschaft schon geheim. Es ist im Rückblick erstaunlich, wie schnell es mit der Offenheit der internationalen Physiker-Gemeinschaft zu Ende war. Kernphysik wurde staatlich. Die Macht, welche die Bombe in ihre Hand bekäme, würde buchstäblich die Welt beherrschen. Aber der Preis war hoch. Die Bombe veränderte das militärische Denken. Mit der Einhegung des Krieges war es auch vorbei. Ein Krieg, in dem die Bombe eingesetzt werden würde, würde zwangsläufig mit immens vielen zivilen Opfern und ausgedehnter Verwüstung enden.

Klaus Fuchs um 1960, als er aus dem Gefängnis entlassen in die DDR ging.

Klaus Fuchs um 1960, als er aus dem Gefängnis entlassen in die DDR ging.

Klaus Fuchs, der junge aus Deutschland geflüchtete Physiker, schien das zu ahnen, als er von Peierls 1940 zur Mitarbeit aufgefordert wurde. Er war Kommunist, aber das war nicht das einzige Motiv, das ihn dazu bewegte, sich den Russen als Spion anzubieten. Er tat es wahrscheinlich, bevor die Sowjetunion zum Alliierten wurde. Aber für seine Überlegung spielte das keine Rolle. Eine solche Waffe schrie nach internationaler Kontrolle.

Der berühmte Satz von Clausewitz, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, schien vor der Bombe nur zynisch, nach Hiroshima und Nagasaki erwies er sich als falsch. Die US-Regierung war entschlossen, die neu entwickelte Waffe als politisches Mittel zu behandeln. Der Effekt dieses Entschlusses war paradox: Sie mussten sie einsetzen, damit die Auswirkungen sichtbar wurden, gleichzeitig wurde nach dem Einsatz auch klar, dass es hinfort keine politische Rechtfertigung mehr dafür geben würde.

US-Präsident Harry Truman (Mitte) mit Churchill und Stalin.

US-Präsident Harry Truman (Mitte) mit Churchill und Stalin.

Es ist nicht ganz sicher, ob US-Präsident Truman, der erst vom Bombenprojekt erfuhr, als das Ding schon fast fertig war, dies so klar sah. Niemand wusste, wie gross die Zerstörungswirkung wirklich war. Offenbar musste die Welt das sehen, damit die Abschreckung auch wirklich funktionierte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die US-Regierung das Atom-Monopol so lange wie möglich zu bewahren. Auch die britischen Partner wurden von den Informationen ausgeschlossen. Das führte zur paradoxen Situation, dass der Atomspion Klaus Fuchs, der bis 1946 in Los Alamos geblieben und so einer der damals bestinformierten Wissenschafter war, den englischen Bombenbauern die gleichen Geheimnisse verriet wie den Russen.

Aber es war klar, dass das Monopol nicht auf Dauer zu halten war. Zwar gilt für den Bombenbau: «Du kennst das Rezept der Omelette und doch glückt dir nicht immer eine.» Aber Fuchs hatte den Russen praktisch die Bauanleitung für die Pu-Bombe übergeben. Die Anforderungen waren dennoch immer noch hoch, aber 1949 brachten die Sowjets ihren Nachbau von «Fat Man», der Nagasaki-Bombe, zur Explosion. Und im thermonuklearen Bereich war das Rennen praktisch ausgeglichen.

John von Neumann (Mitte) und OskarMorgenstern.

John von Neumann (Mitte) und OskarMorgenstern.

Die Bombe veränderte auch das Denken. Oskar Morgenstern und John von Neumann hatten 1944 das Buch «Game Theory and Economic Behavior» veröffentlicht. Die Spieltheorie ist eine mathematische Methode, Entscheidungssituationen auf Nutzen und Kosten hin zu analysieren. «Die Welt wurde zur Matrix,» weil man die Strategien der «Spieler» in Kästchen darstellen konnte.

Ob Stalin ohne Nuklearoption grünes Licht zum Korea-Krieg gegeben hätte, wird oft diskutiert. Einen atomaren Präventivkrieg zu führen, schien bis Mitte der 1950er Jahre kaum eine militärisch sinnvolle Möglichkeit, obwohl die Welt und gewisse US-Strategen damit rechneten. Die Sowjetunion war zu gross und die Sowjets hatten die Kapazität auch nicht. Die konventionelle Schlagkraft der Roten Armee in Europa wurde gefürchtet, die Meinung war, ohne den atomaren Schutzschirm der USA stünden die Russen über Nacht am Atlantik.

Grossbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher und US-Präsident Ronald Reagan.

Grossbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher und US-Präsident Ronald Reagan.

Inspiriert vom Matrix-Denken etablierte sich dann das MAD-Konzept (mutually assured destruction - gegenseitige sichere Zerstörung), beide Seiten versicherten sich gegenseitig ihrer überwältigenden Zweitschlagkapazität. Erst im Rückblick wird klar, dass die Absicht von Reagan/Thatcher, den Kalten Krieg wirklich «zu gewinnen», ernsthafter war als gedacht.

Das atomare Patt bescherte Europa zwar den längsten Frieden seiner Geschichte, für die Welt erwies es sich als weniger friedlich. Kriege gab es immer noch genug, unter ihnen kaum einen, der nicht zum Stellvertreterkrieg geworden wäre, weil die Supermächte aus ideologisch-doktrinären Gründen eingriffen.

Militärtheoretiker geben schnell zu, dass die Atombombe «die unbrauchbarste Waffe» in Konflikten sei. Nur als Drohung und Abschreckung zu gebrauchen. Solange sich nur etablierte Mächte wie Grossbritannien, Frankreich und China darum bemühten, konnte man sich damit abfinden. Sobald regionale Erzfeinde wie Indien und Pakistan aber ihre Arsenale haben, wird es heisser. Und nach dem Ende des Kalten Krieges wurde den Potentaten kleinerer Staaten klar, dass sie nur dann sicher wären vor Strafaktionen der Grossen, wenn sie glaubwürdig drohen könnten. Das Beispiel lieferte die Ukraine, welche abrüstete und das Sowjet-Material zurückgab, sich dann gegen den Verlust der Krim nicht mehr wehren konnte. Diese Lektion verfolgte man nicht nur in Nordkorea genau.

US-Präsident Barack Obama.

US-Präsident Barack Obama.

Präsident Barack Obama schlug «eine Welt ohne Atomwaffen» vor. Wäre sie sicherer als die aktuelle? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wer eher Angst hat, dass einer «versehentlich auf den Knopf drückt», würde besser schlafen. Andererseits wäre ohne atomare Abschreckung (von wem auch immer) die Verlockung, einen Krieg zu führen, für manche Staatsmänner wohl grösser. Wenn die Zahlen im Kostenfeld in der Spieltheorie-Matrix übersichtlicher werden, wächst die Risikobereitschaft.

Die letzte Frage wäre, ob die atomare Schwelle wirklich die ultimative ist. Lange fürchtete man sich zum Beispiel vor Neutronen-Bomben, die töten sollen, ohne zu zerstören und zu vergiften. Die Liste neuer Waffentechnologien ist nicht abgeschlossen. Es braucht aber gar keine staatlichen Akteure mehr, um Krieg zu führen. Bio- oder Chemiewaffen einzusetzen traut man mittlerweile auch auch quasi-staatlichen Terrorinstitutionen zu.

75 Jahre nach Hiroshima bleibt ein vielleicht ebenso zynisches wie vorläufiges Fazit: Damit die Bombe nicht mehr eingesetzt wurde, brauchte es diesen Einsatz.

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