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Adieu, Homöopathie! In Frankreich werden Homöopathika nicht mehr von der Krankenkasse gedeckt

In Frankreich wird die Krankenkasse Kosten für Homöopathika nicht mehr übernehmen. Produzenten sind schockiert. In der Schweiz sieht die Lage etwas anders aus.
Stefan Brändle, Paris
Emmanuel Macrons Entscheid gibt zu reden. (Bild: EPA/CHARLES PLATIAU / POOL, Paris, 8. Juli 2019)

Emmanuel Macrons Entscheid gibt zu reden. (Bild: EPA/CHARLES PLATIAU / POOL, Paris, 8. Juli 2019)

Die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn bestätigte am Mittwoch in einem Zeitungsinterview, dass die französische Sozialversicherung die Ausgaben für Homöopathika nicht mehr zurückerstatten werde. Der Entscheid tritt am 1. Januar 2021 in Kraft.

Schon am 1. Januar 2020 sinkt die Erstattung in einer Übergangsphase auf 15 Prozent. Heute beträgt sie 30 Prozent. Zusammen mit den in Frankreich sehr verbreiteten Komplementärversicherungen beträgt die Rückerstattung für homöopathische Mittel derzeit durchschnittlich 38 Prozent. Auch diese Privatversicherungen dürften ihre Leistungen nun senken oder streichen.

Buzyn erklärte, sie stütze sich bei ihrem Entscheid auf eine Empfehlung der Hohen Gesundheitsbehörde Frankreichs (HAS). Diese habe nach Auswertung von 800 Studien festgestellt, die Globuli hätten «eine Wirksamkeit wie Placebo» – also gleich null. Das sei zu wenig, um eine Rückerstattung zu rechtfertigen.

Der Entscheid wurde von Präsident Macron gefällt

Der letztlich von Präsident Emmanuel Macron gefällte Entscheid hatte in den letzten Tagen viel zu reden gegeben. In einer Meinungsumfrage sprachen sich drei Viertel der Befragten für die Beibehaltung der Erstattung aus, darunter auch prominente Vertreter der Links- und Rechtsopposition. Homöopathie kommt in Frankreich breit zur Anwendung: 77 Prozent der Franzosen haben schon Globuli geschluckt; ein Gutteil der Apotheken im Land nennt sich «homöopathisch».

Für eine Polemik hatte auch Buzyn selber gesorgt. Noch 2018 hatte sie erklärt, die Kostenrückerstattung der Homöopathie könne vermeiden, dass die Kranken vermehrt zu klassischen Medikamenten übergingen. Jetzt stellt die Gesundheitsministerin dieses Argument in Abrede:

«Die beiden Verhalten haben nichts miteinander zu tun. Die Hauptkonsumenten von Homöopathie nehmen generell mehr Arzneimittel in Anspruch.»

Frankreich führt in Europa nicht nur beim Konsum, sondern auch bei der Herstellung homöopathischer Mittel mit einem Marktanteil von einem Drittel, vor Deutschland mit 27 Prozent und Italien mit 13 Prozent. Der Weltmarktleader Boiron mit Sitz in Lyon kommt auf einen Umsatz von 600 Millionen Euro. Er bezeichnete sich von dem Entscheid «schockiert». Mehr als tausend Arbeitsplätze seien dadurch gefährdet. Buzyn gab zu bedenken, dass Boiron und andere Homöopathika-Hersteller wie Lehning oder Weleda 40 Prozent ihrer Produktion exportierten; wichtige Märkte wie in Asien seien im Aufschwung.

Das Gegenteil von wissenschaftlichem Ansatz

Der Entscheid der französischen Regierung könnte über die homöopathische Industrie hinaus Folgen haben. Von den französischen Ärzten verfügen 20 000 über eine homöopathische Zusatzausbildung. Das nationale Kollegium der französischen Allgemeinpraktiker hat Anfang Juli verlangt, dass die Homöopathie in Frankreich nicht mehr an den Universitäten gelehrt werde, sei sie doch «das Gegenteil eines wissenschaftlichen Ansatzes».

In der Schweiz bezahlt die Krankenkasse

Homöopathie  In der Schweiz werden homöopathische Medikamente von der obligatorischen Krankenkasse übernommen, obwohl Studien keine Wirksamkeit feststellen konnten, die über einen Plazeboeffekt hinausgeht. Grund dafür ist eine Volksinitiative, welche im Mai 2009 deutlich angenommen wurde. Voraussetzung für eine Übernahme durch die obligatorische Krankenkasse ist eine Verschreibung durch einen Arzt, der eine Weiterbildung in Homöopathie absolviert hat. Grundsätzlich liegt es an den Ärzten sicherzustellen, dass homöopathische Mittel dem Gebot der Wirksamkeit, der Zweckmässigkeit und der Wirtschaftlichkeit entsprechen. Diese Regelung ist umstritten. Auch weil Vertreter der Homöopathie in anderen Ländern auf das Beispiel der Schweiz verweisen. (rit)

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