Gastkommentar

Vor diesen Bildern fürchtet sich die Welt:
Die China-Korrespondentin der «New York Times» über ihr Erlebnis in Wuhan

Amy Qin, die China-Korrespondentin der «New York Times», schildert eindrücklich ihre Erfahrungen in Wuhan - dort, wo das Corona-Virus seinen Anfang nahm. Es sind Szenen, vor denen sich heute der Rest der Welt fürchtet.

Amy Qin
Hören
Drucken
Teilen
Amy Qin ist China-Korrespondentin der New York Times

Amy Qin ist China-Korrespondentin der New York Times

Transkription und Übersetzung: Benjamin Weinmann aus Genf

Vor einigen Tagen planten das Geneva Graduate Institute und das Global Health Centre einen Diskussionsanlass zum Corona-Virus. Geladen waren auch internationale Medien, darunter CH Media. Ironischerweise machte just das Thema der Veranstaltung den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung. Anstatt einer Versammlung mit den Referenten vor Ort, fand der Event online per Videokonferenz statt. Dabei sprach Amy Qin, die China-Korrespondentin der «New York Times» eindrücklich über ihre Erfahrungen in Wuhan – dort, wo der Corona-Ausbruch seinen Anfang nahm. Und sie schilderte Zustände, von denen sich Europa und der Rest der Welt nun fürchtet.

«Die Sperrung begann am 22. Januar, und danach änderte sich alles.

Ende Januar fuhr ich mit einem Arbeitskollegen von Peking mit dem Zug nach Wuhan. Der Zug war völlig leer, wir wussten nicht einmal, ob wir es bis nach Wuhan schaffen würden. Aber die Türen öffneten sich und wir stiegen aus. Die Szene war surreal. Ich lebe schon seit einigen Jahren in China. Aber ich habe noch nie gesehen, wie eine solche Stadt zum Stillstand gekommen ist. Wuhan hat elf Millionen Einwohner, drei Millionen mehr als New York. Es war unheimlich still, wir wussten nicht, in welche Richtung wir gehen sollten. Zum Glück fanden wir einen Taxifahrer, der uns zum Hotel fuhr.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Orte bereits Temperatur-Scanner installiert. Jedes Mal, wenn wir in die Lobby kamen, wurde unsere Temperatur gescannt, automatisch und manuell. Das ist jetzt fast überall der Fall. China nimmt das sehr ernst, denn Thermometer sind nicht immer sehr genau.

Dann begannen wir in Wuhan herumzulaufen. Es gab riesige Boulevards, auf denen man minutenlang spazierte und niemanden sah. Die Einschränkungen waren nicht so streng wie anderswo in der Provinz Hubei. Aber es gab ein Gefühl der Angst vor dem Ausgehen. Die Leute gingen in den Lebensmittelladen und danach sofort wieder nach Hause.

Beim Herumlaufen sahen wir interessante Dinge. Viele Blumenläden liessen vor ihrem Laden Beerdigungs-Gestecke stehen mit Schilden, die sagten: Nehmen Sie so viel, wie Sie brauchen. Bezahlen konnte man über einen QR-Code. Es gab ein gewisses Ehrgefühl.

«Das meiste Frischfleisch war weg»

Viele Geschäfte waren geschlossen, aber die meisten Apotheken waren offen. Viele von ihnen hatten Gitter, so dass die Leute Medikamente nur durch die Roste beziehen konnten. Auf Postern versprachen die Apotheken, die Preise nicht zu erhöhen. Denn darüber gab es grosse Bedenken.

In den Lebensmittelgeschäften waren die Regale ziemlich gut bestückt. Das meiste Frischfleisch war jedoch weg, nur gefrorenes Fleisch war noch da. Denn inzwischen war klar geworden, dass das Virus von Tieren hervorging.

Fast überall in der Stadt war es unheimlich ruhig. Bei den Krankenhäusern war am meisten los. Ständig standen viele Leute in der Schlange, um einen Arzt aufzusuchen. Die meisten von ihnen waren verängstigt. Sie wollten nicht wirklich in die Nähe des Krankenhauses. Denn das Risiko von Kreuz-Infektionen war sehr hoch. Nur wenn sie bereits verzweifelt waren und das Gefühl hatten, einen Arzt zu benötigen, gingen sie hin.

Vor einem Krankenhaus, das für Corona-Patienten vorgesehen war, sassen etwa 30 Patienten draussen und erhielten IV-Tropfen. Sie wollten nicht hinein, weil die Luft drin schlecht war. Also zogen sie es vor, draußen zu sitzen. Um eine Infusion zu bekommen, mussten sie stundenlang warten. Da wurde uns klar, dass der Mangel ein großes Problem war. Der Mangel an Medikamenten, an medizinischem Personal, aber auch an Krankenhausbetten. Also wurden viele Menschen nach Hause in Quarantäne geschickt.

«Schliesslich erkannte die Regierung, dass es keine gute Strategie war, die Menschen nach Hause zu schicken»

Wir trafen eine Frau namens Bella Jong. Sie wartete mit ihrer Mutter und ihrem Bruder vor einem Krankenhaus. Beide waren infiziert, ebenso ihre Großmutter und ihr Großvater. Der Großvater war bereits verstorben. Ihre Großmutter war zu Hause sehr krank und konnte erst um Mitternacht ins Krankenhaus kommen, weil dann die Schlange am kürzesten war. Tagsüber gingen die Mutter und ihre beiden Kinder, aber niemand von ihnen wurde behandelt. Sie waren sehr wütend.

Schließlich erkannte die chinesische Regierung, dass es keine gute Strategie war, Menschen nach Hause in Quarantäne zu schicken, weil sie damit nur die Menschen in ihrer Umgebung infizierten. Also begannen sie damit, viele Stadien, Kongresszentren und Hotels in Massen-Quarantänen und Isolationslager umzuwandeln. Im Kongresszentrum von Wuhan gab es Reihen von Betten, es war kalt und zugig. Bella wurde schliesslich dort eingewiesen. Sie war glücklich, auch wenn es überhaupt nicht luxuriös war. Aber auf diese Weise konnte sie sich von ihren Familienmitgliedern fernhalten, die zu Hause noch nicht infiziert waren. Sie erhielt eine Grundversorgung. Es gab einige Ärzte und Krankenschwestern. Es war besser als nichts.

Ich ging auch zur Eröffnung des Huoshenshan Spitals, wo China in zehn Tagen ein Krankenhaus baute, um die Bettenkapazität zu erhöhen. Die Szene, die ich vorfand, war ganz anders als das, was wir in den chinesischen Staatsmedien sahen. Dort war die Rede vom Krankenhaus, das in zehn Tagen gebaut wurde, es war ein Wunder! Aber als ich dort ankam, war es eine komplette Baustelle. Es gab vielleicht einige Teile, die offen waren, aber es war weit entfernt von dem, was die chinesischen Staatsmedien berichteten.

Für mich zeigt das, wie wichtig es ist, dass es in Wuhan verschiedene Arten von Journalisten und Zeugen gibt. In den letzten Wochen waren nur sehr wenige unabhängige Journalisten oder ausländische Medienvertreter vor Ort. Wir sind also fast vollständig auf das angewiesen, was die chinesischen Staatsmedien über Wuhan berichten, um zu verstehen, was vor sich geht. Die Reise dorthin hat mir in diesem Sinne die Augen geöffnet.

«Ich spürte das Gefühl, dass die Provinz Hubei geopfert wird, um eine Nation zu retten.»

Nachdem wir eine Woche in Wuhan waren, beschlossen wir aus Sicherheitsgründen, den letzten Flug zurück in die USA zu nehmen, der vom US-Aussenministerium arrangiert wurde. So evakuierte ich schließlich zum Militärstützpunkt Miramar in San Diego, wo ich zwei Wochen in Quarantäne verbrachte und dann nach Peking zurückkehrte.

In Wuhan traf ich viele Menschen, die Unvorstellbare durchmachten. Ihr Schmerz war so greifbar. Sie waren wütend, verängstigt und erhielten keine Hilfe. Wir sprachen mit vielen Menschen, die nicht das Corona-Virus hatten, die an anderen Krankheiten wie Krebs litten oder eine Nieren-Dialyse oder HIV-Medikamente benötigten. Aber wegen dem Fokus auf das Corona-Virus erhielten sie keine Behandlung.

Am meisten beeindruckt bei meiner Reise nach Wuhan haben mich die Widerstandsfähigkeit der Menschen und ihre Bereitschaft, zu helfen. Es gab einen Taxifahrer, der während wegen des Verbots des öffentlichen Verkehrs freiwillig ältere Bewohner umherfuhr, damit sie Medikamente und Lebensmittel einkaufen konnten. Er tat dies auf die Gefahr hin, sich selber anzustecken und er machte sich Sorgen um die Sicherheit seiner Familie. Er sprach über den ganzen Prozess, alles täglich desinfizieren zu müssen, wenn abends nach Hause kommt. Aber er sagte, es sei es ihm wert, er wolle helfen.

Ich spürte vor Ort bei den Leuten das Gefühl, dass die Provinz Hubei geopfert wird, um eine Nation zu retten. Aber zumindest sind die Menschen in dieser Provinz sehr stark und sie versuchen, diese unglaublich schwierige Zeit zu überstehen.»

Transkription und Übersetzung: Benjamin Weinmann aus Genf.

Mehr zum Thema